Die Umspannstation Achalziche liegt auf 1.100 Metern Höhe im Kleinen Kaukasus. So hoch oben musste der Bauplan für die Schalter extra an die dünne Luft angepasst werden, erzählt Thomas Arlt, Projektmanager vom Ingenieursdienstleister Fichtner aus Stuttgart.

Arlt saß einst im Leitstand des Braunkohlekraftwerks Boxberg in der Lausitz. Das ist lange her. Seit gut 30 Jahren ist Georgien, das Land zwischen den Gipfeln des Großen und des Kleinen Kaukasus, seine zweite Heimat geworden.

In der Zeit half Arlt mit, das heruntergekommene Stromsystem Georgiens zu flicken und zu modernisieren. Ab 2009 wurden im Rahmen des "Black Sea Transmission Network" hunderte Kilometer Stromtrassen neu gebaut oder ertüchtigt, maßgeblich mitfinanziert von der deutschen Förderbank KfW, ausgeschrieben noch immer Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Der georgische Strommix ist sogar recht "grün". 80 Prozent der Elektrizität stammen aus Wasserkraft, zehn Prozent aus Gaskraftwerken und zehn Prozent aus Importen. Die kamen lange Zeit vor allem aus Russland. Das soll sich ändern, seit dem russischen Überfall auf die Ukraine gern auch schneller.

Umspannwerk an geopolitischer Nahtstelle

Das Herzstück des Black-Sea-Network-Stromprojekts ist Achalziche. Im Süden Georgiens nahe der Grenze zur Türkei gelegen, verbindet es das georgische 500-Kilovolt-Netz mit dem türkischen 400-Kilovolt-Netz. Maximal 700 Megawatt Leistung kann Achalziche derzeit zwischen den Netzen hin- und herschieben.

Die Umspannstation Achalziche stellt eine Stromverbindung zwischen Georgien und dem europäischen Netz her. (Bild: Jörg Staude)

Das Umspannwerk liegt, wenn man so will, an einer geopolitischen Nahtstelle. Denn Georgien gehört noch zum russischen Stromverbund IPS, die Türkei dagegen zum europäischen Verbundsystem.

Im vergangenen Jahr begann das georgische Geschäftsmodell zum Stromtransfer zu funktionieren. Mehr als 2,4 Milliarden Kilowattstunden flossen 2022 aus Aserbaidschan über Achalziche in die Türkei.

Das soll nur ein Anfang sein. Europas Industrie lechzt bekanntlich nach grünem Strom. Entsprechend wollen Georgien und noch mehr das ebenso zum russischen Verbund gehörende Aserbaidschan ihre Erzeugung von Ökostrom ausbauen.

Georgien will seine Kraftwerks-Kapazität bis 2033 mehr als verdoppeln, von derzeit rund 4.600 Megawatt auf über 9.800 Megawatt. Der Zuwachs soll vor allem auf Wasser- und Windkraft beruhen.

Großes Interesse an Ökostrom-Ausschreibungen

Bisher verfügt das Land erst über einen einzigen 20-Megawatt-Windpark. Anfang Mai hatte die Regierung erstmals eine Ausschreibung für neue Ökostromerzeugung gestartet. Das Interesse war groß, die ausgeschriebenen 300 Megawatt wurden dreifach überzeichnet. Bis Anfang kommenden Jahres sollen weitere Ausschreibungen über insgesamt 1.200 Megawatt folgen. Investoren dafür zu finden, dürfte kein Problem sein.

 

Wenn die Erneuerbaren-Anlagen dann ans Netz gehen, könnte Georgien zum Exporteur von Grünstrom werden, hoffen jedenfalls die Regierung und die das Vorhaben unterstützende KfW.

Gerade für Windkraft haben sowohl Georgien als auch Aserbaidschan beste natürliche Voraussetzungen. Die Berge des Großen und Kleinen Kaukasus sorgen für eine Art natürlichen "Windkanal", der bis zum Kaspischen Meer reicht.

Aserbaidschan hegt entsprechend großartige Pläne für – vielfach auch schwimmende – Offshore-Windanlagen auf dem Kaspisee. Theoretisch sollen dort 150.000 Megawatt Windkraft möglich sein. Zum Vergleich: In der Nordsee wollen mehrere EU-Staaten bis 2030 auf 120.000 Megawatt Offshore-Wind kommen.

"Windstrom aus dem Kaspischen Meer könnte künftig via Georgien ins europäische Netz gelangen und an der Schwarzmeerküste sogar in grünen Wasserstoff umgewandelt werden", prophezeit Bodo Schmülling. Der Portfoliomanager der KfW koordiniert vor Ort im südlichen Kaukasus die Aktivitäten der Bank im Energiesektor.

Seekabel durchs Schwarze Meer wird teuer

So viel grünen Strom aus dem Kaukasus kann der Umweg übers türkische Netz nicht verkraften. Ende letzten Jahres unterzeichneten deswegen Aserbaidschan, Georgien, Rumänien und Ungarn im Beisein von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein Abkommen, um ein 1.100 Kilometer langes Gigawatt-Unterwasserkabel quer durch das Schwarze Meer bis nach Rumänien zu ziehen.

"Ein solches Kabel durchs Schwarze Meer zu verlegen, das an einigen Stellen extrem tief ist und vor den Küsten Russlands und der Türkei verläuft, ist technisch, rechtlich und finanziell eine riesige Herausforderung", betont Bodo Schmülling.

Nach heutigem Stand soll das Kabelprojekt mehr als zwei Milliarden Euro kosten. Experten halten diese Schätzung für deutlich zu gering und rechnen mit dem Doppelten bis Dreifachen. Für mehr Klarheit sollen Machbarkeitsstudien sorgen, deren Ergebnisse in ein paar Monaten vorliegen sollen.

Mit dem Kabel wäre es prinzipiell sogar möglich, Georgien aus dem IPS herauszulösen und in den europäischen Verbund einzubinden. "Ob Georgien weiter zum russischen oder künftig zum europäischen Stromsystem gehört, da steckt auch ein gutes Stück Geopolitik drin", ist sich KfW-Mann Schmülling im Klaren.

Zweifel am Ausbau der Wasserkraft

Allerdings ist auch in Georgien der massive Ausbau von Wind- und Wasserkraft nicht unumstritten. So rechnet der staatliche georgische Stromversorger GSE vor, dass die mögliche Wasserkraft-Leistung des Landes erst zu einem Viertel genutzt werde. Nach seinen Plänen sollen die Wasser-Kapazitäten von heute 3.400 Megawatt bis 2033 auf über 7.000 Megawatt steigen, also den größten Teil der angestrebten Verdoppelung der georgischen Stromkapazität erbringen.

Enguri-Staumauer: Jeder Staudammbau ist ein massiver ökologischer Eingriff mit schwer abschätzbaren Folgen. (Bild: Jaba Samotsdachvidmeti/​Wikimedia Commons)

Ob das zukunftsfähig ist, daran gibt es gleich mehrfach Zweifel. So erreicht das mit 1.300 Megawatt größte Wasserkraftwerk des Landes am Enguri-Staudamm derzeit nur rund ein Drittel seiner möglichen Leistung.

Ein Grund sind Sedimente, die sich mehr und mehr im aufgestauten See ablagern. Geht das so weiter, könnte die Stromproduktion am Enguri in 25 bis 40 Jahren zum Erliegen kommen, ergaben Untersuchungen der Karlsruher Uni KIT im Rahmen des Projekts "Damast".

Ein maximaler Ausbau der Wasserkraft würde auch bedeuten, neue Anlagen in bisher geschützten Naturgebieten zu errichten, kritisiert Tobias Münchmeyer, Leiter des vom WWF geführten und von der KfW mitfinanzierten Caucasus Nature Fund (CNF).

Münchmeyer hat Sorge, dass die Grünstrompläne den Status von Georgien als einzigartigen "Hotspot" der Biodiversität gefährden. Um die Artenvielfalt zu erhalten, will der CNF jetzt ökologische Korridore zwischen einzelnen Schutzgebieten schaffen, also zusätzliche Flächen unter Schutz stellen.

Auch der Klimawandel setzt der Wasserkraft zu. In den Hochgebirgszonen Georgiens nimmt die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge ab – die Kraftwerke werden aber vor allem von den dortigen Gletschern gespeist.

 

Der staatliche Versorger GSE spielt das Problem herunter. In den nächsten 40 Jahren sei genug Wasser für die Kraftwerke da, heißt es aus der Chefetage. Mehr Klarheit sollen aber auch hier weitere Studien bringen.

Den Projektingenieur Thomas Arlt bewegen solche Fragen noch nicht. In Georgien hat er gut zu tun. Weitere Stromtrassen sollen gebaut, vor allem aber die Kapazität von Achalziche um ein Drittel auf 1.050 Megawatt erhöht werden, wiederum maßgeblich von der KfW mitfinanziert.

Vorerst muss der grüne Strom aus dem Kaukasus noch den Umweg nehmen.

Redaktioneller Hinweis: Die Recherchen für diesen Beitrag wurden vor Ort von der KfW unterstützt.

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