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Städter als Versuchskaninchen

Wissenschaftler verwandeln Städte in Experimentierräume, um Antworten auf Probleme wie Klimawandel, Verkehrskollaps und Raumnot zu finden. Ausgerechnet eine einstige Kohlestadt zeigt, wie es gehen könnte.


Bei einem der Bottroper Projekte wurde ein typisches Mehrfamilien­haus in ein Plusenergiehaus umgebaut. (Foto: Innovation City Ruhr/​Flickr)

Am 21. Dezember 2018 endete in Bottrop eine Ära. Das letzte Bergwerk, in dem deutschlandweit noch Steinkohle gefördert wurde, machte dicht. Über 150 Jahre hatten die Kumpel in der Zeche Prosper Steinkohle aus der Erde geholt, dazu kam in den 1920er Jahren noch das östliche Grubenfeld Franz Haniel. Erst durch die Kohlegrube wurde Bottrop zu dem, was es heute ist, denn durch den Arbeitskräftebedarf wuchs die Stadt beträchtlich an.

Doch mit dem Schicksal einer alten Industriestadt, die abgehängt und zum Sinnbild der Vergangenheit wird, wollte sich die Ruhrpott-Kommune nicht abfinden. Und startete schon 2009 ein Experiment: Die ehemalige Kohlestadt sollte sich zum Klimavorreiter mausern.

Ein Bündnis aus 70 Unternehmen, darunter auch Thyssen-Krupp und Eon, suchte 2009 in einem bundesweiten Wettbewerb die potenzielle Klimastadt. Der sogenannte Initiativ-Kreis Ruhr vergab den Zuschlag an Bottrop. Das Ziel des Projekts, das sich fortan Innovation City nannte: Bis 2020 sollte die Stadt ihren CO2-Ausstoß halbieren.

"Das System muss gestört werden" 

Bis 2050 werden nach Schätzungen etwa 2,5 bis 2,8 Milliarden mehr Menschen in den Städten wohnen. Dort aber ist der Energieverbrauch am größten – etwa 70 Prozent des weltweiten Energiebedarfs und ein entsprechend hoher CO2-Ausstoß konzentrieren sich dort.

Geht die Entwicklung so weiter, steuert die Welt auf eine Katastrophe zu. "Die bewährten Formen der Planung klappen nicht mehr in fragilen, disruptiven Zeiten", sagt Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts, auf einer Veranstaltung am Montag in Berlin.

Wissenschaftler haben sich Schneidewind zufolge bislang viel zu zaghaft in den praktischen Umbau der Städte eingeschaltet. Das soll sich jetzt ändern, und zwar mit den Reallaboren. In Bottrop, Karlsruhe, Heidelberg, Stuttgart und vielen anderen Städten haben sich die Bewohner mancher Stadtteile bereits in Versuchsteilnehmer verwandelt und probieren neue Wege aus. "Das System muss gestört werden", sagt der Architekt und Städteforscher Philipp Misselwitz gegenüber Klimareporter°.

Für Bottrop übernahm diese Aufgabe Burkhard Drescher. Der ehemalige Bürgermeister der Nachbarstadt Oberhausen und heutige Chef von Innovation City lässt nichts unversucht, um Orte in der Stadt zu finden, wo sich der CO2-Ausstoß weiter drücken lässt. Tausende von unsanierten Häusern, eine Kläranlage oder unbebaute Dächer – für Drescher sind das alles Angriffsflächen.

Ab 2011 nahmen Wissenschaftler und Stadtplaner Bottrop erstmal genau unter die Lupe und analysierten, wo sich denn die meisten Einsparungen holen ließen. Insgesamt 300 Projekte wurden aufgelegt. Darunter energetische Gebäudesanierung, der Aufbau von Solarmodulen und eine effizientere Nutzung von Abwärme. Fortan setzten sich Oberbürgermeister, Stadtplaner und Projektbeteiligte alle zwei Wochen zusammen, um zu klären, was voranging und was nicht.

Traumhafte Sanierungsquote

Nicht alles funktionierte, schließlich war es ein Experiment. Etwa der Transport von überschüssiger Abwärme aus Stahlwerken stellte sich als kompliziert heraus, vor allem was große, international tätige Stahlunternehmen betraf. "Die großen Unternehmen haben ihre eigenen Strategien und versuchen ohnehin schon überall Kosten zu sparen", so Drescher gegenüber Klimareporter°.

Besser funktionierte die energetische Gebäudesanierung. Den Stadtbewohnern – 70.000 von 120.000 Bottropern sind an dem Experiment beteiligt – wurden kostenlose Energieberater angeboten.

Außerdem konnten sie leichter als bisher Fördermittel abrufen, um ihre Fenster oder den Heizungskessel auszutauschen oder die Wände zu dämmen. Ganz anders als bei den herkömmlichen KfW-Fördergeldern, die zentral und unter einheitlichen Förderkriterien vergeben werden – und dementsprechend kaum angenommen werden.

In Bottrop ließ sich fast ein Drittel der Eigentümer im Pilotgebiet beraten. Die Sanierungsquote übersteigt laut Projektträger drei Prozent – deutschlandweit liege sie hingegen unter einem Prozent. "Die Leute nehmen kein Geld in die Hand, wenn sie nicht angesprochen und sensibilisiert werden und wenn es sich für sie nicht rechnet", sagt Drescher.

37 Prozent CO2-Reduktion

Mit allen aufgesetzten Maßnahmen kommt die Stadt bis 2020 auf gut 37 Prozent CO2-Einsparung, errechnete das Wuppertal Institut 2015 in einer Zwischenbilanz.

Das aber reicht den Projektverantwortlichen noch nicht – sie wollen die 50 Prozent knacken. Und haben dazu gerade erst eine Photovoltaik-Kampagne gestartet samt Förderung durch die Stadt. "Da wollen wir die Quote noch nach oben schrauben", sagt Drescher.

Außerdem soll das Klärwerk umgerüstet werden. Statt nur Strom zu verbrauchen, soll es zusätzlich welchen produzieren, so Drescher. Erreicht werden soll das, indem Klärgas und Klärschlamm in Blockheizkraftwerken verbrannt und der Klärschlamm obendrein mit Solarenergie getrocknet wird.

Drescher denkt auch darüber nach, wie Bottrop sich auf den nächsten Hitzesommer einstellen kann. Etwa durch mehr Grünflächen im Stadtzentrum oder eine bessere Wasserversorgung.

Im April oder Mai soll dann das nächste Mal untersucht werden, ob Bottrop auf Zielkurs in Sachen Halbierung des CO2-Ausstoßes liegt.

Mit App gegen den Verkehrskollaps

Das urbane Experimentieren beschränkt sich nicht nur auf Deutschland. Weltweit entstehen in Städten sogenannte Reallabore. In Nairobi etwa wollten Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology (MIT) dem Verkehrskollaps entgegenwirken, der die Stadt lähmt.

Das Hauptfortbewegungsmittel in der kenianischen Metropole sind private Minibusse und Tuk-Tuks, die sich der Planung der Stadtverwaltung entziehen und Parallelstrukturen schaffen. Zusammen mit der Universität Nairobi versuchten die MIT-Forscher, die Fahrzeuge in die öffentliche Verkehrsstruktur einzubinden.

Die Idee beim Digital Matatus Project: Die meisten Bewohner Nairobis haben Smartphones. Und mit deren Hilfe konnten die Wissenschaftler Karten des Verkehrssystems und Routen der Busse und Tuk-Tuks aufstellen, die jeder per App aufrufen kann. Nairobi ist damit ein Beispiel, von dem viele andere Städte auf der Welt lernen können.

Auch von Bottrop können andere Städte lernen. Drescher zufolge haben schon 30 andere Städte Teile der Praxiserfahrungen aus der Ruhrpott-Kommune übernommen. Über ein Dutzend Ruhrgebietsstädte sind darunter. Nun will Drescher auch Städte wie München, Berlin und Hamburg überzeugen.

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