Häuser aus Gras

Bambus ist ein bemerkenswertes Material – es hat ähnliche Eigenschaften wie Stahl. Trotzdem werden die teils armdicken Halme kaum als Baumaterial verwendet. Aus Klimasicht ist das eine verpasste Chance.


Eine Sporthalle aus Bambus im thailändischen Chiang Mai.
Bambus-Sporthalle in Chiang Mai (Thailand). (Foto: Alberto Cosi/​Chiangmai Life Architects)

Was hat die Zugfestigkeit von Stahl, die doppelte Druckfestigkeit von Beton und wächst bis zu einem Meter pro Tag? Bambus. Damit wäre das Riesengras eigentlich das ideale Baumaterial. Doch Pandas wissen, warum Bambus nur von den Ärmsten zum Bau ihrer Hütten genutzt wird: Frischer Bambus enthält sehr viel Zucker und zieht daher Insekten an, welche die Bambushalme innerhalb kürzester Zeit durchlöchern. Außerdem muss Bambus vor Regen und Sonne geschützt werden, wenn er Jahrzehnte halten soll.

"Es ist nicht erstaunlich, dass Bambus einen schlechten Ruf hat", sagt Markus Roselieb, Chef der Architekturfirma Chiangmai Life Architects in Chiang Mai, der größten Stadt im Norden von Thailand. "Das liegt aber nicht an den Eigenschaften von Bambus, sondern an der Ignoranz der Nutzer, die Bambus nicht richtig auswählen, verarbeiten und verwenden", so der Österreicher.

Dass Bambus auch für große Bauten geeignet ist, hat Roselieb mit der Turnhalle der Panyaden-Schule in Chiang Mai bewiesen. Diese hat eine Grundfläche von knapp 800 Quadratmetern und soll mindestens 50 Jahre halten. Um das zu erreichen, hat die Halle ein weit auskragendes Dach, damit die tragenden Säulen immer im Schatten und im Trockenen stehen.

Zudem wurde der Baubambus zuvor mit Borax (Natriumtetraborat), einem Salz, behandelt. Erst werden die einzelnen Kammern der Bambushalme aufgebohrt und dann werden diese in ein Boraxbad gelegt. Das Salz dient der Konservierung, verhindert Insektenbefall und ist feuerhemmend.

Der Verbreitung von Bambusbauten steht aber noch ein anderes Problem entgegen: Baunormen. "Unser Baugesuch wurde von der Stadt und der Provinz abgelehnt", erzählt Roselieb. "Nach einem Jahr hatten wir dann einen Termin bei der nationalen Baubehörde in Bangkok und die hat uns eine Sondergenehmigung erteilt."

Wirklich prüfen konnte die Behörde das Baugesuch allerdings nicht. Weltweit gibt es nur wenige Statiker, die in der Lage sind, die Standfestigkeit von Bambusbauten zu berechnen. Zudem gibt es weltweit 1.400 Bambusarten, mit jeweils anderen Eigenschaften. Der meistgenutzte Baubambus ist der Guadua-Bambus aus Kolumbien mit einem Durchmesser von elf Zentimetern. Roselieb hingegen baut vor allem mit Bündeln mehrerer Halme einer dünneren, thailändischen Bambusart. Diese Bündel lassen sich besser biegen, um Rundbögen zu erstellen.

Plantagen sollen Bambus-Industrie ankurbeln

Wie wenig mit Bambus gebaut wird, zeigt sich auch am Bambusangebot. In Thailand gibt es noch keine einzige Bambusplantage. Roselieb bezieht daher wilden Bambus aus Dörfern in der Umgebung von Chiang Mai. Auch die Verarbeitung erfolgt noch manuell, vom Boraxbad bis zur Herstellung von Bambusnägeln.

Damit ist Bambus kein billiger Baustoff mehr, weshalb die Baukosten für die Turnhalle einem vergleichbaren Bau aus Beton und Stahl entsprachen: rund 240.000 Euro. "Wenn man die Kosten deutlich senken will, muss man Bambus in großem Stil industriell verarbeiten", sagt Roselieb.

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Das fordert auch Pablo van der Lugt von der TU Delft in den Niederlanden: "Die Zukunft von Bambus sind industriell produzierte Baustoffe auf Bambusbasis." Der größte Markt für Bambus als Baumaterial ist derzeit Parkett. Van der Lugt hofft aber, dass mit mehr Mitteln für Forschung noch weitere Anwendungen für Bambus gefunden werden, um Stahl, Holz und Plastik zu ersetzen.

Denn ein steigender Bambusverbrauch schützt das Klima gleich in zweierlei Hinsicht: Zum einen werden die Treibhausgase eingespart, die bei der Herstellung von Stahl oder Plastik angefallen wären. Zum anderen bindet Bambus Kohlenstoff über die Lebensdauer jedes bambusbasierten Produkts.

Aus Klimasicht hat Bambus als Gras zudem einen Vorteil gegenüber Holz: Weil Bambus schneller wächst, entzieht eine Bambusplantage der Atmosphäre mehr CO2 pro Jahr als eine gleich große Baumplantage. Zudem muss Bambus nicht nachgepflanzt werden: Bambushalme sprießen aus einem Wurzelstock (Rhizom) wie andere Gräser auch.

Nach vier bis sechs Jahren können die Halme geerntet werden. Es kommt daher nie zum Kahlschlag, sondern einer Bambusplantage werden jedes Jahr die ältesten Halme entnommen. Bambus ist außerdem relativ genügsam und wächst auch auf schlechten Böden. Damit wäre Bambus auch für die Rehabilitierung von geschädigten Böden oder für Wiederaufforstungsprojekte geeignet. Doch auch hier wird Bambus bislang übersehen: Als Aufforstung kann man sich formell nur das Pflanzen von Bäumen anrechnen lassen. Gras zählt nicht.

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