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Verbrenner ohne Morgen, Füße als Corona-Gewinner und die kleine Straßensperrung

Kalenderwoche 35: Der Fußverkehr ist der eigentliche Gewinner der Corona-Pandemie. Ansonsten stellen sich, außer beim Fliegen, mehr oder weniger alte Verhältnisse ein, sagt Andreas Knie, Sozialwissenschaftler, Mobilitätsforscher und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Er freut sich über eine klitzekleine Sperrung in der Berliner Friedrichstraße.


Andreas Knie. (Foto: Sebastian Knoth)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Klimareporter°: Herr Knie, kein Sektor schneidet beim Klimaschutzbericht 2019 so schlecht ab wie der Verkehr, der seine Emissionen in 29 Jahren um nicht mal ein Prozent senkte. Ist es wirklich so schwer, den Bereich klimafreundlicher zu gestalten?

Andreas Knie: Bis heute wird der Autoverkehr mit Verbrennerfahrzeugen gefördert, als ob es kein Morgen gibt.

Nur eine kleine Auswahl: Subventionierung des Dieselpreises mit sieben Milliarden Euro jährlich, Steuererleichterungen für die Verbreitung von Dienstwagen von 3,5 Milliarden Euro, eine Straßenverkehrsordnung, die das Recht auf Vorfahrt für das Auto zementiert und immer noch das private Parken auf öffentlichen Flächen für praktisch null Euro erlaubt.

Und dass in Berlin die Autobahn A 100 fröhlich weitergebaut wird, Milliarden verschlingt – während wir Freudentänze um 15 Kilometer Pop-up-Fahrradstreifen tanzen, gehört zum täglichen Irrsinn des Verkehrs: Es ist fast alles noch wie vor 50 Jahren! Da muss man sich über die Klimabilanz nicht wundern.

Nach einer Umfrage der Uni Magdeburg wollen mehr Deutsche klimafreundlicher unterwegs sein, also weniger mit dem Auto fahren und weniger fliegen. Hat Corona das Mobilitätsverhalten beeinflusst?

Unser WZB, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, unternimmt gerade mit Partnerinstituten wie Infas eine Längsschnittbetrachtung und untersucht das Verkehrsverhalten der Menschen vor, während und nach der Pandemie.

Die erste Erhebungswelle während des Lockdowns hat im Vergleich zum Vorjahreszeitraum folgende Ergebnisse gezeigt: Die Zahl der Menschen, die überhaupt unterwegs sind, ist von 85 Prozent auf 65 Prozent gesunken, die Tageskilometerleistung ging von 40 Kilometer auf zehn Kilometer zurück.

Gewinner bei den Verkehrsmitteln waren die Füße. Der Anteil stieg von 19 auf 29 Prozent! Das Fahrrad blieb im Bundesschnitt bei rund zwölf Prozent, der relative Anteil des Autos ging von 59 auf 56 Prozent leicht zurück. Die großen Verlierer waren die Flugzeuge mit minus 95 Prozent, die Fernbahn mit minus 90 Prozent und der ÖPNV mit minus 85 Prozent.

Nach den Lockerungen sieht die Tendenz wie folgt aus: Fahrrad gewinnt leicht hinzu, der öffentliche Verkehr hat seine Stammgäste wieder zurück und das Auto behauptet den Platz eins bei den Verkehrsmitteln, aber die Fahrleistungen bleiben immer noch hinter dem Vorjahr zurück.

Also: Der eigentliche Gewinner während der Pandemie ist der Fußverkehr.

Die Deutsche Bahn soll digitaler werden, gab Bahnvorstand Ronald Pofalla diese Woche bekannt. Das soll die Züge pünktlicher und zuverlässiger machen. Reicht das?

Allein die Ankündigung, dass die Bahn digitaler werden will, zeigt schon, wie weit die Eisenbahn noch mitten im 19. Jahrhundert steckt. Fahrkartenautomaten, umgekehrte Wagenreihung, Fahrkartenschalter, Durchsagen "Zug fällt aus" dominieren den Alltag der Bahn auch im digitalen Zeitalter. Öffentlicher Verkehr bleibt lieblos und ist ein Resteverwerter für diejenigen, die sich kein Auto leisten können.

Wir brauchen ganz neue Anreizsysteme. Zukünftig werden mit den Betreibern Zielvereinbarungen abgeschlossen und die Bezahlung erfolgt allein nach der Zahl der beförderten Menschen.

Aktivist:innen von Extinction Rebellion protestieren jetzt gegen Kurzstreckenflüge. In den sozialen Medien ziehen sie damit aber viel Unmut auf sich. Wie können wir uns von überholten Selbstverständlichkeiten lösen?

Die Inlandsflugbewegungen gingen schon im zweiten Halbjahr 2019 leicht zurück. Während des Lockdowns sind kaum noch Maschinen geflogen und auch nach der Rücknahme der Einschränkungen verharren die Inlandsflüge auf einem Minimum. Allein die Bundesregierung lässt ihre Beamten noch munter zwischen Bonn und Berlin fliegen.

Inlandsflüge sind ökologisch eine Katastrophe, ökonomisch völlig unsinnig und in ihrem Nutzen in weiten Teilen ersetzbar. Es ist längst überfällig, dass ein Verbot kommt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Berliner Friedrichstraße ist in einem klitzekleinen Teilchen für Autos gesperrt. Endlich! Nach vielen Jahren setzt sich durch, was längst überfällig ist: Städte leben von der Vielfalt und der Einzelhandel kann im Zeitalter des Online-Shoppings nur dann überleben, wenn er eine hohe Aufenthaltsqualität bietet. Durchbrausende Autos und stark frequentierte Verkehrsstraßen gehören nicht mehr dazu.

Fragen: Sandra Kirchner

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