Unten bleiben. Aber anders

Gegner von Stuttgart 21 schlagen eine Umnutzung des Tiefbahnhof-Megaprojekts vor – für City-Logistik, Busbahnhof und Fahrradgarage. Das soll Milliarden sparen, Treibhausgase minimieren und eine Überflutung der City bei Starkregen vermeiden.


Demonstration vor dem alten Gebäude des Stuttgarter Hauptbahnhofs 2019. Auf dem Transparent steht: Klimaskandal S 21 stoppen – Umstieg 21.
"Umstieg 21" heißt das Konzept des Gegenbündnisses, das jetzt noch mal grundlegend überarbeitet wurde. (Foto: Fyrtaarn/​Wikimedia Commons)

Das "dümmste Bauwerk seit dem Turmbau zu Babel" haben Kritiker das Bahnprojekt Stuttgart 21 genannt. Für den baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) war das Ja zum unterirdischen Hauptbahnhof in der Schwabenmetropole eine "grandiose Fehlentscheidung".

Und selbst Bahnchef Richard Lutz hat eingeräumt, das Unternehmen würde die Bauentscheidung nicht noch einmal treffen. Weitergebaut wird trotzdem. Inbetriebnahme des möglicherweise bis zu zehn Milliarden Euro teuren Projekts soll 2025 sein.

Doch die Gegner des Projekts sehen immer noch eine Chance für einen "Umstieg". Sie haben jetzt ein erweitertes Umnutzungskonzept für den "U‑Bahnhof" und die neu gebauten Tunnelstrecken vorgelegt. Es soll über sechs Milliarden Euro einsparen.

Die Idee, die vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 vorgestellt wurde: Die Halle des geplanten Tiefbahnhofs soll statt der unterirdischen Gleisanlagen künftig den zentralen Busbahnhof der Stadt, eine große Fahrradgarage, ein Kurzzeit-Parkdeck sowie ein Güter-Hauptverteilzentrum aufnehmen, über das der Lieferverkehr für die Innenstadt klimafreundlich abgewickelt werden soll.

Der alte, oberirdische Kopfbahnhof würde reaktiviert und modernisiert. Außerdem soll der grüne Schlosspark am Bahnhof weitgehend wiederhergestellt werden, den die S21‑Anlagen wie ein Damm durchtrennen.

Baubeginn für das von Anfang an umstrittene S21‑Projekt war 2010, nach der sogenannten Geißler-Schlichtung und einer Volksabstimmung. Neben dem unterirdischen Hauptbahnhof müssen dafür über 50 Kilometer Tunnel als Gleiszulauf gebaut werden.

Infrastruktur soll für Güterverteilzentren genutzt werden

Die Gegner arbeiteten trotz der Niederlage weiter und entwickelten ein Umstiegskonzept, das erstmals 2016 vorgelegt und später erweitert wurde. In der jetzt vorgestellten Variante ist das Güterlogistik-Konzept die größte Neuerung.

Die Güter sollen den "City-Hub" vollautomatisiert durch die für S21 gebauten Zulauftunnel und an deren Ende errichtete Güterverteilzentren erreichen. Die Feinverteilung "auf der letzten Meile" in der Innenstadt sollen elektrische Kleinfahrzeuge und Lastenräder übernehmen.

Laut dem Aktionsbündnis experimentieren Städte weltweit inzwischen mit der Idee unterirdischer Güterverkehre, um die Straßen zu entlasten, in Deutschland unter anderem Hamburg. Der Vorteil in Stuttgart, so das Bündnis: "Die dafür benötigte, betonintensive Infrastruktur ist schon gebaut, muss also nur umgenutzt werden."

Mit dem Logistikkonzept werde ein wichtiger Beitrag zur CO2-Vermeidung geleistet. Eine Studie der Coburger Logistikprofessoren Philipp Precht und Mathias Wilde habe die Machbarkeit für Stuttgart unterstrichen, so die S21‑Gegner.

Das Aktionsbündnis fordert zudem in der Stuttgarter City einen Rückbau von Autoverkehrs-Flächen, "um Platz zu schaffen für urbanes Leben und klimaschonende Mobilität". So müsse der zerstörte Teil des Schlossgartens in seinen wesentlichen Funktionen wiederhergestellt werden. Dadurch werde die Verbindung von der Innenstadt zu seinen großen Grünflächen wieder ebenerdig hergestellt.

Die Gefahr einer Überflutung der City bei Starkregen durch die Riegelwirkung des bis zu sechs Meter hohen S21‑Trogs werde gebannt. Für die bereits errichteten großen "Kelchstützen" aus Beton, die bei S21 das Bahnhofsdach tragen sollen, schlägt das Bündnis eine Nutzung für Pavillons oder Cafés vor.

"In der Klimakrise braucht es neues Denken"

Zu den Kosten rechnet das Bündnis folgendes vor: Der Weiterbau von S 21 werde noch bis zu drei Milliarden Euro kosten. Hinzu kämen Ergänzungsprojekte für 5,5 Milliarden, die die neue grün-schwarze Koalition geplant hat. Zusammen also 8,5 Milliarden Euro.

Diese Kosten würden beim Umstiegskonzept entfallen. Die Kosten des Umbaus wiederum schlagen laut den Angaben mit schätzungsweise 2,2 Milliarden zu Buche. Einsparpotenzial also 6,3 Milliarden Euro.

Bündnissprecher Norbert Bongartz sagte: "Unsere neuen Vorschläge sind eine Antwort auf die weltweit und nun auch bei uns immer drastischeren Auswirkungen der Klimakrise." Alles müsse jetzt auf den Klima-Prüfstand gestellt werden, auch das bereits in der Bauphase extrem CO2-trächtige Projekt S21.

Der Umstieg bringt laut dem Bündnis einen spürbaren klimapolitischen Nutzen – unter anderem durch die Verlagerung des Güterverkehrs auf Bahn, E-Mobile und Fahrrad sowie den Stopp der Bodenversiegelung durch Erhalt des Kopfbahnhofs und das vorgeschlagene Schlossgartenkonzept mit mehr städtischem Grün. Die vorgeschlagenen transparenten Solarpaneele auf dem Glasdach des wiederhergestellten Kopfbahnhofs seien zudem ein Beitrag zur Energiewende.

Ob das Umstiegskonzept trotz des weit fortgeschrittenen Baus noch eine Chance hat? "Uns war von Anfang an bewusst, dass dieser Vorschlag viel guten Willen und neues Denken erfordert", räumt Bongartz ein. "Aber genau das braucht es jetzt."

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