Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung.
Klimareporter°: Herr Knie, die Verkehrsminister von Bund und Ländern haben sich geeinigt, den Preis fürs Deutschlandticket ab 2026 auf 63 Euro monatlich zu erhöhen und damit um fast neun Prozent. Welche Zukunft hat das Ticket dann?
Andreas Knie: Die neuerliche Erhöhung macht den Reiz des Deutschlandtickets endgültig kaputt. Klar, mit Bussen und Bahnen quer durch Deutschland zu fahren, bleibt auch für 63 Euro attraktiv – aber nur für diejenigen, die bereits Kunden des öffentlichen Verkehrs sind.
Und diese Menschen fahren auch mehr als früher. Neukunden kommen aber gar nicht mehr, Gelegenheitsfahrer auch immer weniger. Die Idee des Deutschlandtickets, durch radikale Einfachheit und einen radikal günstigen Preis völlig neue Kundengruppen zu erschließen, hat sich jetzt erledigt.
Und dabei ist gar nicht klar, ob die Mindereinnahmen nicht durch die Mehrverkäufe überkompensiert wurden. Mit günstigeren Preisen würde viel mehr Geld in die Kassen kommen. Aber das wollte keiner hören.
Eine transparente Abrechnung über die bisherigen Gewinne und Verluste des Deutschlandtickets hat den Verkehrsministern bei ihrer Entscheidung jedenfalls nicht vorgelegen. Insofern ist die Zukunft des Deutschlandtickets mehr als düster.
Mittlerweile setzen sich nicht nur Bundeskanzler Merz und Bayerns Ministerpräsident Söder für ein Aufweichen des sogenannten Verbrennerverbots der EU ab 2035 ein, sondern auch SPD‑Politiker und die Gewerkschaft IG Metall. Wäre denn die geforderte "Technologieoffenheit" eine Hilfe für die deutsche Autoindustrie?
Die berühmte Technologieoffenheit gibt es längst. Wenn ein Verbrennungsmotor CO2-frei zu betreiben ist, darf er auch nach 2035 weiter eingebaut werden.
Das Gerede von der Technologieoffenheit will genau das Gegenteil. Mit den politischen Statements von Merz und Söder soll lediglich der Status quo des jetzigen Technikstandards eingefroren und möglichst weit in die Zukunft verlängert werden – und das aus einem einzigen Grund: um die Profite der Autokonzerne abzusichern.
Im Ergebnis wird die deutsche Automobilbranche weiter Marktanteile verlieren und in den nächsten zehn Jahren auf ein Drittel ihrer bisherigen Größe schrumpfen. Viele Arbeitsplätze sind dann verloren.
Die Gewerkschaft Verdi und die Klima-Allianz Deutschland fordern einen Neustart und eine bessere Finanzierung für den öffentlichen Nahverkehr. Kernpunkte sind ein bundesweiter Investitionsfonds für Infrastruktur und Fahrzeuge, eine verlässliche Betriebskosten-Finanzierung für die Kommunen und die Integration der Schülerbeförderung in den ÖPNV. Zudem soll ein verbindlicher ÖPNV-Standard als "Deutschland-Angebot" festgelegt werden. Was halten Sie davon?
Wir brauchen Busse und Bahnen – aber nicht in dieser Form. Keine 80 Verbünde und Zweckverbände mit bürokratischen Ausschreibewettbewerben und Vergaben, die nur zu Lasten der Löhne und der Innovationsfähigkeit gehen.
Die Daseinsvorsorge im öffentlichen Verkehr war vielleicht zu Kaisers Zeiten begründbar, jetzt hat sie ausgedient. Wir brauchen einen Gewährleistungsstaat, der seine Leistungstiefe abbaut und neue Optionen im öffentlichen Verkehr ermöglicht, Ziele vorgibt, Rahmenbedingungen formuliert, überwacht und auch straft.
Die eigentlichen Akteure sind Unternehmen, die sich was ausdenken und auch was riskieren und – wenn es gut läuft – auch davon profitieren können.
Wenn wir das organisiert haben, kann ein Infrastrukturfonds auch wirklich wirksam sein, sodass nicht wie heute die Regionalisierungsmittel im Dickicht der Zuständigkeiten und juristischen Auseinandersetzungen versickern.
Der jüngste Bauabschnitt der Berliner Stadtautobahn A 100 sorgt für Verkehrschaos und Proteste von Anwohnern. Der 17. und letzte Bauabschnitt, der weit in den Osten Berlins reichen soll, wurde jetzt verschoben, aber nicht abgesagt. Ist der Weiterbau noch zu stoppen?
Es gibt nichts Unsinnigeres als die A 100, die mitten durch Berlin geschlagen wird und die immer noch weiter gebaut werden soll. Die Autobahn zieht Verkehr regelrecht an und schafft Probleme, wo vorher keine waren.
Weder verbessert sich die Erreichbarkeit noch die Lebensqualität, sondern die Stadt stumpft mit dem Autoverkehr weiter ab. Das Schlimme ist: Mit der jetzt geschaffenen Situation soll Druck für den Bau des nächsten Abschnitts gemacht werden.
Stattdessen gibt es nur eine sinnvolle Lösung für das jetzige Chaos: die drei Kilometer, die jetzt in Betrieb genommen wurden, wieder für Autos zu sperren, solange am Ende der Autobahn das Verbindungsstück über die Spree fehlt. Berlin hätte dann eine Riesensensation vorzuzeigen: eine Autobahn nur für den Rad- und Fußverkehr. Die Welt würde uns beneiden und uns besuchen.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Dem deutschen Autobahnbau geht das Geld aus. Nach Sichtung der Etatansätze für die Haushalte 2025 und 2026 des Bundes ist klar: Deutschland hat sich beim Neubau der Autobahnen völlig verzockt und Geld eingeplant, das einfach nicht mehr da ist.
Der Aufwuchs beim Militärhaushalt sowie der steigende Bundeszuschuss bei den Kranken- und Rentenversicherungen – im Übrigen notwendig, weil immer noch nicht alle Menschen einzahlen und die Lasten unsolidarisch verteilt sind – lässt auch den finanziellen Spielraum für den Neubau von Autobahnen schrumpfen.
Dumm nur, dass man immer noch Autobahnen auf Basis von Wachstumsprognosen der 1960er Jahre vorantreibt und Planungen begonnen hat, die völlig aus der Zeit gefallen sind. Kein Land der Welt erlaubt sich diesen Unsinn. Gut, dass jetzt das Geld ausgeht.
Fragen: Jörg Staude
