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Königsfragen, gebrochenes Europarecht und das private Auto als Ikone

Kalenderwoche 13: Autofahren wurden jahrzehntelang gefördert, doch inzwischen ist das Ansteigen des Fahrzeugbestands außer Kontrolle geraten, sagt Andreas Knie, Sozialwissenschaftler, Mobilitätsforscher und Mitglied des Kuratoriums von Klimareporter°. Für eine echte Verkehrswende ist ein Gesetz zur Eindämmung der Fahrzeugflotten nötig.


Andreas Knie. (Foto: InnoZ)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Kuratoriums erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Klimareporter°: Herr Knie, die Verkehrskommission ist vorerst gescheitert. Es gab nur einen Minimalkonsens zu wenigen Themen. Welche Maßnahmen hätte die Kommission vorschlagen sollen?

Andreas Knie: In der gesamten Debatte wird lediglich an den Symptomen herumgedoktert. Was allen klar sein muss: Das private Auto als Ikone der Moderne, das zum guten Leben unbedingt dazugehört, wurde über viele Jahre politisch gefördert. Wir sollten und wollten alle Auto fahren und haben es auch getan.

Mobilität bedeutete, ein eigenes Auto zu haben, um dadurch eine gesellschaftliche Teilhabe zu garantieren. Das funktioniert heute aber nicht mehr so. Mobilität wird heute mehr und mehr durch digitale Medien organisiert, während aber das Ansteigen des Fahrzeugbestands völlig außer Kontrolle geraten ist.

Wir brauchen ein "Gesetz zur Eindämmung der Fahrzeugflotten". Wenn wir uns darauf einigen, dann finden wir Wege, die Vielfalt der Möglichkeiten besser zu nutzen: Mehr Mobilität mit immer weniger Verkehrsgeräten.

Umweltverbände bezeichnen das Ergebnis der Kommission als "verheerendes Nichtergebnis". Kann das nun angekündigte "Klimakabinett" zu besseren Ergebnissen kommen, wenn Verkehrsminister Scheuer dort Mitglied ist, der sich bisher kaum um Klimaschutz bemüht hat?

Die große Koalition zeigt auch eine große Einigkeit im politischen Ziel: Hände weg von Einschränkungen in der privaten Nutzung von Verbrennungsfahrzeugen!

Bestes Beispiel ist der Stickoxid-Grenzwert: Europarecht wird einfach gebrochen! Die gesetzlichen Grundlagen gelten zwar noch. Aber – so der Trick – bei Überschreitungen ist der Katalog der Maßnahmen derart eingeschränkt worden, dass ein Fahrverbot nicht mehr kommt. Die Einschränkung des Autofahrens zur Abwehr von gesundheitlichen Schäden wurde als nicht mehr verhältnismäßig definiert.

Einen größeren Offenbarungseid kann man gar nicht mehr leisten.

Laut einer Umfrage trauen die demonstrierenden Schüler der "Fridays for Future" der Wissenschaft noch am ehesten zu, zur Lösung der Klimakrise beizutragen. Insgesamt setzen sie aber vor allem auf Veränderungen beim eigenen Lebensstil. Ist das die richtige Strategie?

Man könnte ganz zynisch antworten: Fragen wir doch mal die Lungenärzte! Der Glaube an die Wissenschaft ist naiv und gefährlich. Wissenschaft ist immer im eigenen Interesse unterwegs und es gibt keine externe Steuerung, keine gesellschaftliche Kontrolle.

Was wahr ist was nicht, was relevant ist und was nicht, entscheidet allein die Wissenschaft. Wissenschaft steuert sich selbst und wird dabei nicht von einer höheren Vernunft geleitet. Wissenschaft kann Teil einer Veränderung sein, aber es braucht noch viele andere Akteure.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass alle geglaubt haben, dass bei der Verkehrskommission etwas herauskommt. Die Zusammensetzung des Gremiums hat schließlich das Verkehrsministerium organisiert: Lobbygruppen, garniert mit einigen Feigenblättern.

Es gilt der alte Kernsatz der Bewegung: Wer Revolution will, darf nicht den König fragen.

Fragen: Friederike Meier

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