Keine Renaissance des Autos, aber Öffentliche in der Trutzburg

Für den Verkehr hatte die Pandemie auch Gutes. Die Mobilität ging insgesamt zurück. Viele Menschen hinterfragen ihre Mobilitätsmuster. Ob daraus Ansätze für eine dauerhafte Verkehrswende werden, hängt auch davon ab, ob sich der öffentliche Verkehr modernisiert.


Porträtaufnahme von Andreas Knie.
Andreas Knie. (Foto: Sebastian Knoth)

Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir unsere Herausgeberratsmitglieder im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung.

Alle Rückblicke des Jahres 2020 werden direkt oder indirekt immer mit der Pandemie in Verbindung gebracht werden. Kein Wunder, denn einen solchen Lockdown hatte man bisher nicht gekannt.

Weil das öffentliche Leben in vielen Monaten deutlich eingeschränkt war, fielen die Auswirkungen auf den Verkehr entsprechend aus. Am Ende des Jahres werden wohl im Personenverkehr rund ein Drittel weniger Wege absolviert worden sein und auch die zurückgelegten Entfernungen dürften in ähnlichen Größenordnung zurückgehen.

Bemerkenswert ist, dass der Flugverkehr im In- und Ausland im Jahr 2020 lediglich ein Volumen von knapp 20 Prozent des Vorjahres erreichen wird. Im Nahbereich wurden viel mehr Wege zu Fuß unternommen und auch der Fahrradverkehr ist leicht angestiegen, in den Großstädten sogar deutlich.

Der Anteil der Menschen, die zu Hause arbeiten, via Internet auch Freunde treffen, digital einkaufen, ihre Freizeit im Internet verbringen, ist ebenfalls deutlich gestiegen. Es ist wohl damit zu rechnen, dass die arbeitsbezogenen Wege nur noch rund 70 bis 80 Prozent des Volumens vor der Pandemie erreichen werden. Das heißt, das Pendlerproblem und auch die Nahverkehrs-Engpässe mit übervollen Spitzenzeiten könnten sich zukünftig deutlich entschärfen.

In dieser Form hat die Corona-Pandemie tatsächlich auch ihr Gutes. Die Klimabilanz im Verkehr sieht deutlich besser aus.

Wo bleiben die neuen digitalen Angebote?

Aber es gibt auch Eintrübungen. Die Pandemie hat alle zarten Pflänzchen der neuen Angebote im Verkehr wie Pooling- oder "On demand"-Dienste sowie die Sharing-Optionen mit Rädern und Rollern stark in Bedrängnis gebracht. Die sich 2019 für die Städte ankündigende Vielfalt der Möglichkeiten, von A nach B zu kommen, ist deutlich zurückgegangen.

Gelitten hat aber vor allen Dingen der öffentliche Nah- und Fernverkehr. Alle Szenarien zur Einhaltung der Pariser Klimaziele sehen hier bis 2030 eine Verdopplung der Fahrgastzahlen vor, gemessen am Referenzjahr 2019. Geblieben sind dem Nahverkehr aber nur noch die Armen und diejenigen, die keine Alternative haben.

Die Wahlfreien sind auf das Fahrrad umgestiegen, gehen zu Fuß oder fahren jetzt wieder mehr Auto. Was die Vertreter des öffentlichen Verkehrs immer noch nicht wahrhaben wollen: Nur wenn Busse und Bahnen mit anderen Verkehrsmitteln kombiniert werden, kommen die Fahrgäste.

Die aber wirklich erfreuliche Überraschung des Jahres war: Es gibt keine Renaissance des Autos! Die Neuzulassungen sind drastisch zurückgegangen, die Menschen planen auch keine Neuanschaffungen. Aber diejenigen, die bereits ein Auto besitzen, haben es während der Pandemie öfter benutzt.

Würden Busse und Bahnen gemeinsam mit Fahrrad, Auto und Poolingdiensten zu einer digitalen Dienstleistung gebündelt werden, dann würde es weniger Autos geben. Solange aber die Branche der Öffentlichen fest in ihrer selbstgemauerten Trutzburg sitzt, wird daraus leider nichts.

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