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Keine Angst vor Veränderungen

Im Graefekiez in Berlin-Kreuzberg startet ein Experiment: Parkplätze werden in einem moderierten Beteiligungsprozess an die Bewohner:innen zurückgegeben. Das würde auch Sebastian Vettel gefallen.


Dauerhaft begrünter ehemaliger Parkplatz mit Bäumen und Sitzgelegenheiten.
Ein Beispiel aus der Graefestraße in Berlin-Kreuzberg zeigt, was alles aus einem Parkplatz werden kann. (Foto: Anke Borcherding)

"Ich finde Städte megacool, in denen es selbstverständlich ist, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, wie in Skandinavien. Und ich nutze gerne On-Demand-Netzwerke. Man kann das weiterspinnen und sich fragen, was mit den ganzen Parkplätzen passiert, wenn nicht jeder ein eigenes Auto besitzen will. Das ist alles Raum, der den Menschen zurückgegeben werden kann und damit die Lebensqualität in den Städten verbessert."

So die Antwort von Sebastian Vettel, bald ehemaliger Rennfahrer und viermaliger Formel‑1-Weltmeister, auf die Frage, wie er zur Mobilitätswende und dem Ziel stehe, den Verkehr in den Städten drastisch zu reduzieren.

Genau diese Mobilitätswende wird im Moment auf einigen Straßen im Graefekiez in Berlin-Kreuzberg vorbereitet. Das zeitlich befristete Experiment soll zeigen, was passiert, wenn Parkplätze wegfallen und dadurch Platz geschaffen wird. Zum Beispiel für lebendige Nutzungen durch die Bewohner:innen, Gewerbetreibenden, Schulen, Kitas, Restaurants, also für die Menschen im Kiez.

Das Zurückgeben der neu gewonnenen Flächen an den Kiez und die Anwohnenden soll Kern des Experiments sein und durch Beteiligung organisiert, moderiert und unterstützt werden. Gibt man die Parkplätze an die Menschen zurück, entstehen ganz neue Möglichkeiten, die Neuaufteilung von öffentlichem Raum selbst zu gestalten.

Im Graefekiez sind die Anfänge bereits gemacht. Einige Parkplätze wurden in der Graefestraße für die Begrünung durch die Anwohnenden umgewandelt. Auch die temporäre Spielstraße in der Böckhstraße zeigt, wie ruhig und lebendig zugleich eine Straße in einem innerstädtischen Wohnquartier werden kann – wenn das Auto im Quartier durch Menschen und Natur ersetzt wird.

Anke Borcherding

ist wissen­schaft­liche Mit­arbeiterin am Wissen­schafts­zentrum Berlin für Sozial­forschung (WZB). Sie beschäftigt sich theoretisch und vor allem praktisch mit Mobilitäts­projekten.

Die Beispiele zeigen auch, wie Straßen aussehen können, wenn die Anwohner:innen sie gestalten.

Grundlage des Experiments ist ein Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg, eine demokratisch legitimierte Entscheidung eines gewählten Parlaments. Die Realisierung ist nun Sache des Bezirks – dafür ist er da. Verschiedene Forschungseinrichtungen werden das Experiment wissenschaftlich begleiten und auswerten.

Was passiert, wenn die Parkplätze weg sind?

Die Leitfrage ist: Was passiert, wenn die Parkplätze weg sind? Mit der Luft, mit dem Platz, mit dem Verkehr, mit den Menschen, mit der Stadt.

Noch befindet sich alles in der Konzeptionierungsphase. Der Bezirk wird Straßen auswählen, die für das Experiment sinnvoll sind. Dann wird er Parkplätze entsiegeln, er wird Zonen einrichten für alternative Angebote: "Jelbi"-Mobilitätsstationen der Berliner Verkehrsbetriebe, Ladezonen, Parkplätze für mobilitätseingeschränkte Menschen. Was mit dem Rest passiert, hängt von den Bewohner:innen ab.

Porträtaufnahme von Viktoria Scheidler.
Foto: David Außerhofer

Viktoria Scheidler

ist wissen­schaft­liche Mit­arbeiterin am WZB. Ihre Inter­essen liegen vor allem in der Partizipation und Ein­bindung der diversen Gesell­schaft in die Forschungs- und Inno­vations­kultur.

Der moderierte Beteiligungsprozess wird jetzt vorbereitet und steht allen Kiezinitiativen offen. Besonders wichtig werden die Bewohner:innen der Häuser sein. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, die freien Parkplätze nach ihren Wünschen und mit Unterstützung zu bespielen, bepflanzen, beleben.

Auf die Frage, ob der Motorsport es sich zukünftig leisten kann, Ressourcen zu verblasen, nur um Spaß zu haben, ist Sebastian Vettels Antwort: "Nein. Der Motorsport muss eine Antwort finden auf die Frage: Wozu das alles?" Diese Frage müssen sich alle Autofahrenden stellen, und zwar jetzt.

Vettel weiter: "Ich habe keine Angst vor der Veränderung." Angst muss auch im Graefekiez niemand haben. Es wird nur weniger Autos geben. Das ist eine große Chance.

Digitale Mobilität – das Antiblockiersystem

Wie kommen wir in Zukunft von A nach B? Fest steht: Es geht nur radikal anders als bisher. Aber wie? Die Gruppe "Digitale Mobilität – das Antiblockiersystem" entwickelt Ideen für die Mobilität von morgen. Hier schreiben Wissenschaftler:innen und Expert:innen über Wege in ein neues Verkehrssystem, das flüssig, bequem, gerecht und klimafreundlich ist – jenseits von Allgemeinplätzen und Floskeln. Das Dossier erscheint in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

 

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