Der Flugverkehr hat in den Industrieländern seit dem Zweiten Weltkrieg enorm zugelegt, in den letzten Jahrzehnten aber auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern. In den 1950er Jahren zählte man weltweit rund 50 Millionen Passagiere pro Jahr, im letzten Vor-Corona-Jahr 2019 waren es rund 4,5 Milliarden.

Fliegerei und Flughäfen gelten seit Langem als Wachstumsmaschinen. Eine neue Untersuchung stellt allerdings infrage, ob das heutzutage immer noch so ist. Aussagen der Luftfahrtindustrie, eine verbesserte Luftverkehrsanbindung führe automatisch zu mehr Wirtschaftswachstum in den jeweiligen Regionen, treffen demnach nicht zu.

 

Untersucht wurden 274 europäische Regionen – von solchen mit großen Drehkreuzen wie Frankfurt am Main, London oder Madrid, wo viel Dienstreise- und Urlaubsverkehr stattfindet, bis hin zu vorrangig touristisch geprägten (Ab-)Flughäfen und Destinationen.

Die Analyse zeige, dass der Zusammenhang zwischen dem Wachstum im Luftverkehr und dem in der Wirtschaft generell schwächer ist als allgemein behauptet, resümiert die europäische Umweltorganisation Transport and Environment (T&E), die die Analyse in Auftrag gab. Durchgeführt wurde sie von der New Economics Foundation (NEF), einem britischen Thinktank, der sich mit sozial gerechter und ökologisch nachhaltiger Wirtschaftspolitik befasst.

Die Kaufkraft fliegt mit in den Urlaub

Laut der Studie führt in gut der Hälfte (53 Prozent) der 274 untersuchten Regionen – darunter ein Großteil West- und Nordeuropas – das höhere Einkommen von Bürgerinnen und Bürgern zu einem Anstieg des Flugverkehrs und nicht umgekehrt. Das Wachstum des Flugverkehrs sei meist eine Folge des Wohlstands und nicht dessen Ursache.

Nur in 37 Prozent der untersuchten Regionen war der Luftverkehr ein Wachstumsmotor.

Reisende in sommerlicher Alltagskleidung steigen in ein Passagierflugzeug der Billig-Gesellschaft Ryanair.
Flugverkehr schadet nicht nur dem Klima, sondern in vielen Regionen auch der Wirtschaft. (Bild: Diogo Castro/​Unsplash)

In bestimmten Regionen West- und Nordeuropas führe zusätzlicher Flugverkehr sogar zu sinkenden oder sogar negativen wirtschaftlichen Erträgen, ermittelte der Thinktank – dies wird in der Forschung als Sättigung bezeichnet.

Dieser Effekt sei in Regionen in Belgien, Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden zu verzeichnen, wo der Flugverkehr zunehmend von Menschen dominiert wird, die im Ausland Urlaub machen, sodass Kaufkraft dorthin abfließt.

Weiterer Einflussfaktor ist hier laut NEF: In drei von vier europäischen Ländern ist die Zahl der Geschäftsreisen seit Corona zurückgegangen, Flugreisen werden zum Teil durch Videokonferenzen ersetzt.

"Den Flugverkehr unkontrolliert wachsen zu lassen, ist nicht nur schlechte Klima-, sondern auch schlechte Wirtschaftspolitik", kommentierte Marte van der Graaf von T&E Deutschland die Studie. Die Luftfahrtindustrie argumentiere, mehr Flüge und der Ausbau von Flughäfen werde zu Wirtschaftswachstum führen. Doch dies sei "ein Mythos der Industrie".

Auch die deutsche Bundesregierung solle "nicht auf diese Behauptungen hereinfallen", sagte die Expertin. Bisher allerdings dominiert noch das bisherige Denken die Strategie. Aktuell steht etwa der Ausbau des Frankfurter Flughafens mit einem dritten Terminal vor der Vollendung. Auch für London-Heathrow sowie Brüssel laufen Ausbau-Planungen.

Nur noch halb so viele Inlandsflüge wie vor Corona

T&E argumentiert, mit Blick auf die Untersuchungsergebnisse seien weitere Airport-Erweiterungen ungerechtfertigt, sie sollten daher gestoppt werden. Im Fall Frankfurt am Main rät van der Graaf davon ab, über die laufenden Erweiterungen hinaus weitere Ausbauprojekte zu verfolgen. Die Analyse hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass eine Verlagerung von Flügen vor allem auf die Schiene Umwelt und Klima entlasten würde.

Koautor und NEF-Ökonom Alex Chapman hält eine grundlegende Überarbeitung der europäischen Luftverkehrsstrategie für nötig. "Der Ausbau von Flughäfen und die Entscheidung über Kapazitäten müssen sich an aktuellen Analysen orientieren, wobei Qualität, Umweltverträglichkeit und Fairness Vorrang vor reinen Zahlen haben sollten."

Die Politik dürfe sich bei der Beurteilung des ökonomischen Werts der Luftfahrt nicht länger auf veraltete Annahmen stützen, warnte Chapman.

 

Tatsächlich hat sich seit Corona der Flugverkehr an deutschen Flughäfen bereits tiefgreifend verändert. Während der internationale Luftverkehr sich seit Auslaufen der Pandemie 2022 deutlich erholt hat, bleibt der innerdeutsche Flugverkehr weit unter dem Vorkrisen-Niveau.

Laut dem Statistischen Bundesamt hat sich die Zahl der Inlandsflüge in den letzten fünf Jahren nahezu halbiert – von rund 23 Millionen Starts im Jahr 2019 auf knapp zwölf Millionen 2024.

Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main wurden 2024 insgesamt knapp 62 Millionen Passagiere gezählt. Der Spitzenwert von 2019 hatte fast 71 Millionen betragen.