Eine Frau schüttet aus einer großen Plastikflasche organge-gelbes Speiseöl in einen weißen Container mit offenenem Deckel.
Sammelstelle in Indonesien: So viel Altspeiseöl, um Deutschland nachhaltig mit HVO-Kraftstoff zu versorgen, gibt es auch in den Exportländern nicht. (Bild: Huyogo Simbolon/​Shutterstock)

Es sollte der große Durchbruch beim Klimaschutz im Verkehr werden. Seit Mai 2024 dürfen Tankstellen in Deutschland HVO 100 verkaufen – einen synthetischen Dieselkraftstoff aus sogenannten Hydrotreated Vegetable Oils (hydrierte Pflanzenöle), der aus Pflanzenölen und Abfallstoffen wie Altspeiseöl hergestellt wird. 

Politik, Autoindustrie und Mineralölkonzerne feierten HVO 100 als Wunderkraftstoff: Er soll bis zu 90 Prozent weniger CO2 ausstoßen als fossiler Diesel und so helfen, die Klimaziele zu erreichen, ohne auf den Verbrennungsmotor verzichten zu müssen. 

Doch eine Kurzstudie des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) bringt dieses Bild ins Wanken. Demnach spart HVO 100 aus Altspeiseöl in der Realität kaum CO2 ein – und kann unter bestimmten Bedingungen sogar klimaschädlicher sein als fossiler Diesel. Auftraggeberin der Studie ist die Deutsche Umwelthilfe (DUH). 

"Das, was hier als Klimaretter verkauft wird, ist in Wahrheit Fake-Klimaschutz", sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch bei der Vorstellung der Studie am Freitag. HVO 100 bringe keinen Nutzen für Klimaschutz und lenke von echten Lösungen ab.

Warum die Rechnung beim Frittendiesel nicht aufgeht

Das Problem liegt in der Herstellung. HVO 100 wird überwiegend aus Altspeiseöl gewonnen, einem "Abfallstoff", der recycelt wird. Doch laut der Studie ist das ein Trugschluss. Altspeiseöle stehen nicht ungenutzt herum – sie werden bereits in großen Mengen verwendet, etwa als Heizstoffe, in Reinigungsmitteln oder in der Chemieindustrie.

"Wenn wir dieses Öl für HVO 100 verbrennen, fehlt es an anderer Stelle", erläuterte der Verkehrsexperte Axel Friedrich, die die DUH berät. "Und diese Lücken werden in der Regel durch Palmöl oder fossile Rohstoffe gefüllt."

Dabei ist auch das Palmöl problematisch. Für neue Plantagen werden Regenwälder abgeholzt und riesige Mengen gespeicherten Kohlenstoffs als CO2 freigesetzt. Hinzu kommen Methanemissionen aus Palmölmühlen. Zusätzlich werden indirekte Landnutzungsänderungen angereizt: Werden mehr Flächen für Palmöl gebraucht, müssen andere landwirtschaftliche Produkte ausweichen – oft wiederum durch Rodung von Waldflächen.

Die Ifeu-Berechnungen zeigen, dass die so verursachten zusätzlichen Emissionen insgesamt größer sind als die geltend gemachten Einsparungen durch HVO 100.

Ein weiterer Punkt: Rund 90 Prozent der für Deutschland verwendeten Altspeiseöle werden importiert, vor allem aus China, Malaysia und Indonesien. Auch dort werden diese Öle bereits genutzt, etwa als Brennstoffe – ihr Export nach Europa löst also zusätzliche Palmöl-Nachfrage in den Ursprungsländern aus.

Gleichzeitig mehren sich Hinweise auf Betrug. Immer wieder wird frisches Palmöl als "gebrauchtes Speiseöl" deklariert, um die strengeren EU-Richtlinien zu umgehen.

Gefährdete Elektrifizierung der Bahn

Verkehrsexperte Friedrich kritisiert den wachsenden Einsatz von Palmöl-Abfällen in der HVO-Produktion scharf. "In den letzten zwei Berichtsjahren der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ist der Anteil von Palmölabfällen, sogenannten POME, an der HVO-Produktion erheblich angestiegen", erklärte Friedrich.

POME steht für Palm Oil Mill Effluent, ein Abfallprodukt der Palmölherstellung. Doch die Nutzung dieses Stoffs hat gravierende Klimafolgen. Bei der Aufbereitung entstehen große Mengen Methan – ein Treibhausgas, das über einen Zeitraum von 20 Jahren 82-mal klimaschädlicher ist als CO2. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung müsse dringend die Klimagasemissionen ermitteln und die Zertifikate zurückziehen, forderte Friedrich.

Besonders kritisch sieht die Umwelthilfe den Einfluss von HVO 100 auf die Elektrifizierung der Bahn. Nach Angaben der DUH werden private und öffentliche Bahnunternehmen zunehmend aufgefordert, ihre Dieselzüge mit HVO 100 zu betanken, statt in die Elektrifizierung der Strecken zu investieren.

Vor einer "gefährlichen Fehlsteuerung" warnt Geschäftsführer Resch. "Wenn jetzt Dieseltriebwagen mit HVO 100 betankt werden, sinkt der Druck auf die Politik, endlich in Oberleitungen zu investieren." Notwendige Infrastrukturprojekte für eine Elektrifizierung von Strecken könnten deshalb jahrelang verschoben werden.

 

Ähnlich ist die Situation bei den Stadtbussen. Viele Kommunen werden laut DUH ermutigt, ihre Dieselbusse mit HVO 100 zu betreiben, um die Vorgaben des Saubere-Fahrzeuge-Beschaffungsgesetzes zu erfüllen. Doch für die DUH ist das eine Sackgasse. 

"Wir brauchen eine Rückkehr zu einer massiven Förderung von E-Bussen", so Resch. "Nur mit echter Elektrifizierung lässt sich die Luftqualität in den Städten verbessern und der CO2-Ausstoß senken." Alles andere verzögere die Verkehrswende.

Die DUH fordert die Bundesregierung auf, den Einsatz und die Förderung von HVO 100 im Straßen- und Schienenverkehr zu beenden und die Anreize bei der Treibhausgasminderungs-Quote entsprechend anzupassen. Reststoffe wie Altspeiseöl seien viel zu knapp, um sie massenhaft in den Verkehr zu leiten. Stattdessen müsse der Fokus endlich auf E-Mobilität gelegt werden.