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Der Langsame ist der Dumme

Unser Kolumnist ist leidenschaftlicher Fußgänger. Doch auf dem Gehsteig muss er sich immer häufiger nach allen Seiten umschauen, was für ein Gefährt ihm wieder in die Quere kommt – Lastenfahrräder, Skateboards und nun auch noch E-Scooter.


Ein Tretroller lehnt an einer Hauswand
Objekt der Elektrifizierung: Tretroller. (Foto: Klaus D. Peter/Wikimedia Commons)

Wenn es um alternative Wege der Fortbewegung geht, ist man bei der notorisch innovations­besoffenen CSU eigentlich immer an der richtigen Adresse. Aus dem legendären Transrapid von äh-äh Edmund Stoiber, dem größten CSU-Ministerpräsidenten aller Zeiten neben FJS, ist leider nichts geworden. Doch jetzt warten wir alle auf den Jungfernflug des ersten deutschen Lufttaxis.

Mal sehen, ob Andreas Scheuer, unser wackerer Bundesverkehrsminister, dort ebenso wagemutig Platz nimmt, um vom äh-äh Münchner Flughafen zum äh-äh Münchner Hauptbahnhof zu fliegen, wie weiland der bayerische CSU-Umweltminister Dick ein Glas Strahlenmolke heruntergespült hat.

Dass sich das Leben der Menschen im 21. Jahrhundert immer mehr beschleunigt, dazu braucht es nicht unbedingt die ambitionierten Initiativen der früheren bayerischen Staatspartei. Dazu reicht ein Blick auf die Straßen, wo sich eine ganz und gar erstaunliche Vielfalt rollenden Materials breitgemacht hat.

Neben herkömmlichen Verkehrsmitteln wie protzigen Autos, zu spät kommenden U- und S-Bahnen, stinkenden Bussen, Lastwagen, Motorrädern, knatternden Vespas und ökologisch korrekten Fahrrädern tummeln sich nicht nur junge Leute auf ratternden Skateboards verschiedener Länge und blinkenden Hoverboards. Zarte Muttis kutschieren ihren Nachwuchs auf klobigen Lastenfahrrädern in die Kita, Alltagsakrobaten mit Inlineskatern oder Alurollern nutzen Fußgänger als Hindernisparcours. Und fitte Vatis schieben im Lauftempo Kinderwagen vor sich her, auf denen die Kleinsten wie auf dem Serviertablett prangen.

Israel zählte 18 Tote in neun Monaten

Größere Touristengruppen sieht man gelegentlich, wie sie in ebenso lustig wie gefährlich aussehender, vorn übergeneigter Haltung auf Segways herumkurven. Die sich selbst ausbalancierenden zweirädrigen Gefährte haben sich ansonsten erstaunlicherweise nicht durchgesetzt. Vielleicht sieht es einfach zu doof aus.

Ich habe kürzlich sogar mal einen offenbar sehr furchtlosen Mann auf einem altertümlichen Hochrad gesehen. Ein anderer kam auf einem merkwürdigen Gefährt daher, das einem tiefergelegten Fahrrad ähnelt und tretend im Stehen fortbewegt wird. Dann gibt es die mit windschlüpfrigen Plastikkabinen eingehausten Liegefahrräder, deren Lenker oft wie ein Pfeil an einem vorbeischießen. Und jetzt gibts vieles davon noch in der Elektrovariante.

Wer dabei leider buchstäblich auf der Strecke bleibt, ist der Fußgänger.

Foto: Monika Höfler

Der Kolumnist

Der Autor und Journalist Georg Etscheit lebt in München – und regt sich leidenschaftlich gern über die kleinen und großen Stressmomente des Alltags auf.

 

Ich bin ein leidenschaftlicher Fußgänger und wundere mich sehr, dass ich nicht von viel mehr Unfällen mit den mehr oder weniger neuartigen Gefährten höre, vor allem mit den schweren Lastenrädern, die jetzt auch ein Paketdienst nutzt. Mit zwei Kindern plus Mutti und dem täglichen Einkauf im Bioladen – oder einem Haufen Pakete – bepackt, dürften die eine Durchschlagskraft haben wie ein Kleinwagen.

Und jetzt noch E-Scooter. Nach längerer Diskussion hat die Regierung eine Verordnung beschlossen, die den Betrieb von Tretrollern mit Elektrounterstützung im öffentlichen Verkehrsraum legalisiert. Wenn, wie erwartet, auch der Bundesrat zustimmt, dürfte es bald eine regelrechte Invasion dieser Roller in den Städten geben, zumal es die billigsten schon für 200 Euro gibt.

Sehr wahrscheinlich werden diverse Start-ups versuchen, den öffentlichen Raum mit mietbaren E-Rollern zu fluten, wie es andere Unternehmen schon mit Mieträdern probiert haben. Die knallgelben Räder einer Firma aus Asien, die in München an einem Tag Tausende dieser Teile abwarf, sieht man heute noch gelegentlich in Bäumen hängen oder im Eisbach im Englischen Garten vergammeln.

In Israel haben sie mit E-Scootern schon einschlägige Erfahrungen gemacht, berichtet die Süddeutsche Zeitung auf einer Sonderseite. Dort seien allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 18 Menschen, die auf einem E-Bike oder E-Scooter unterwegs waren, getötet worden.

Wie viele Fußgänger möglicherweise in Mitleidenschaft gezogen wurden, geht aus dem Bericht nicht hervor. Seit Januar gilt jetzt in Israel ein neues, strengeres Gesetz, mit dem die rücksichtslosesten Flitzer zur Vernunft gebracht werden sollen.

Wer kontrolliert zehntausende E-Roller?

Ich habe im Prinzip nichts dagegen, wenn die Leute in der Stadt ihr Auto stehen lassen und sich aufs Rad, den Roller oder sonst was schwingen. Ich möchte nur nicht, dass sie auch die Bürgersteige okkupieren.

Laut dem Entwurf zu der neuen Verordnung dürfen Roller mit einem Maximaltempo von zwölf Stundenkilometern auf Gehwegen unterwegs sein. Schnellere müssen Radwege benutzten oder auf die Straßen ausweichen. Doch: Wer kontrolliert das, wenn einmal Zehntausende mit den Rollern unterwegs sind?

Der Langsame, also der Schwächste, ist wieder einmal der Dumme. Nirgendwo wird man als Fußgänger noch unterwegs sein können, ohne sich nicht ständig nach allen Seiten umschauen zu müssen, wer oder was einem wieder in die Quere kommen könnte.

Eigentlich müsste man erst einmal mehr Platz schaffen für neue Formen der Mobilität, bevor man sie auf die Leute loslässt und im Zweifelsfall das Recht des Stärkeren gilt. Nein, so stelle ich mir die Verkehrswende in der Stadt nicht vor.

Kann man nur hoffen, dass der ganz große Hype ausbleibt, wie beim Segway und sich die Erkenntnis durchsetzt, dass sich zumindest Erwachsene nicht unbedingt einen Tretroller zulegen sollten, ob mit oder ohne Elektromotor. Das sieht nicht hip, sondern einfach infantil aus.

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