Corona zwingt Luftfahrt zu mehr Klimaschutz

Vor vier Jahren beschlossen die Länder der Welt, die Emissionen des Luftverkehrs im Jahr 2020 als Maßstab für den künftigen Klimaschutz der Airlines zu nehmen. Nun sorgt eine Epidemie für den Ausfall Tausender Flüge – und die Branche hat ein weiteres Problem.


Ein Mann im Schutzanzug richtet ein pistolenartiges Prüfgerät auf die Stirn eines vor ihm stehenden Fluggastes.
Willkommen in der Zukunft: Katastrophenschutzhelfer bei der Gesundheitskontrolle am Flughafen Bologna. (Foto: Dipartimento Protezione Civile/​Wikimedia Commons)

Die Corona-Epidemie sorgt dafür, dass in den kommenden Jahren mehr Geld in Klimaschutzprojekte investiert wird als erwartet. Der Grund dafür ist der Corsia-Mechanismus der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO.

Die Vereinbarung sieht vor, dass die CO2-Emissionen des internationalen Luftverkehrs auf dem Niveau des Jahres 2020 gedeckelt werden. Oder genauer: auf dem Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020. Alle Emissionen, die darüber hinausgehen, müssen vom nächsten Jahr an kompensiert werden, indem Fluggesellschaften in Klimaschutzprojekte investieren.

Doch wie hoch wird der Wert sein, bei dem die Emissionen gedeckelt werden? Die beste Grundlage bietet hier eine Analyse des US-Thinktanks International Council on Clean Transportation (ICCT). Darin werden die CO2-Emissionen des Jahres 2018 betrachtet und die Emissionen nach internationalen und inländischen Flügen aufgeschlüsselt.

Insgesamt war der Luftverkehr damals für 918 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich. Davon entfielen 60 Prozent auf internationale Flüge, also 550 Millionen Tonnen. Wenn man davon ausgeht, dass diese Emissionen wie zuvor jährlich um 5,7 Prozent gewachsen wären, erhält man als Durchschnitt für die Jahre 2019 und 2020 Emissionen von 599 Millionen Tonnen CO2.

Wegen der Corona-Epidemie sind die Flugbuchungen aber deutlich zurückgegangen. "Der Gang der Ereignisse infolge von Covid-19 ist nahezu beispiellos", sagt Alexandre de Juniac, der Chef des Weltverbands der Fluggesellschaften IATA. "Innerhalb von zwei Monaten haben sich die Aussichten für die Industrie dramatisch verschlechtert."

Wie stark, zeigen zwei Szenarien des Verbands, die gestern veröffentlicht wurden. Sollte die Epidemie auf die acht Länder mit derzeit mehr als 100 Corona-Fällen beschränkt bleiben, erwartet die IATA einen Umsatzverlust der Branche von elf Prozent. Die acht Länder sind China, Deutschland, Frankreich, Iran, Italien, Japan, Singapur und Südkorea.

Nachfrage nach CO2-Zertifikaten wird steigen

Sollte sich das Virus aber auch in den Ländern mit derzeit weniger als 100 Fällen ausbreiten, steigt der erwartete Umsatzverlust auf 19 Prozent.

Wenn man davon ausgeht, dass der Treibhausgasausstoß parallel zum Umsatz der Fluglinien zurückgeht, lassen sich die zu erwartenden Emissionen berechnen: Im Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 ist dann noch mit CO2-Emissionen aus dem internationalen Luftverkehr von 564 respektive 540 Millionen Tonnen zu rechnen.

Diese Werte liegen um 35 respektive 59 Millionen Tonnen unter dem Wert, der ohne Corona-Epidemie zu erwarten war. Die Fluggesellschaften müssen daher in Zukunft jedes Jahr 35 bis 59 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich kompensieren. Das sind sechs bis zehn Prozent der Emissionen des vergangenen Jahres.

Entwickler von Klimaschutzprojekten können sich also auf eine deutlich höhere Nachfrage nach ihren Diensten freuen, als noch vor wenigen Wochen absehbar war. Bislang wurde damit gerechnet, dass die Luftfahrt in den Jahren 2021 bis 2035 insgesamt 2,7 Milliarden Tonnen CO2 kompensieren muss, wie eine Studie des Umweltbundesamtes zeigt.

Durch Corona kommen in diesen Jahren nun 525 bis 885 Millionen Tonnen hinzu. Das heißt, die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten aus Klimaschutzprojekten ist um 20 bis 33 Prozent größer als erwartet.

Das bedeutet allerdings nicht, dass tatsächlich mehr für den Klimaschutz getan wird. Noch hat die ICAO nicht entschieden, welche CO2-Zertifikate genutzt werden können. Wenn auch Zertifikate aus alten Klimaschutzprojekten zugelassen werden, dann besteht ein massives Überangebot – mit oder ohne Corona-Effekt.

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