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Das CCS-Dilemma

Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, wird es nicht genügen, den CO2-Ausstoß auf null zu senken. Zusätzlich muss das Klimagas auch der Atmosphäre entzogen werden – durch Aufforstung, durch Wiedervernässung von Mooren oder durch die umstrittene CCS-Technologie. Diese lohnt sich aber nur, wenn CO2 einen Preis bekommt.


Schöne Moorlandschaft, im Hintergrund Birken
Über 95 Prozent der Moore in Deutschland sind entwässert – eine Fläche so groß wie Sachsen. Ihre Wiedervernässung wäre ein großer Beitrag zum Klimaschutz. (Foto: Wolfgang Stemme/​Pixabay)

Zumindest bei einem klimapolitischen Thema herrscht Einigkeit in der großen Koalition: bei CCS. Das Kürzel kommt vom englischen "Carbon Capture and Storage" und steht für die Abscheidung von CO2 aus Rauchgas und die anschließende Speicherung im Untergrund.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte kürzlich, falls es im Jahr 2050 in Deutschland noch CO2-Emissionen gebe, müsse man "alternative Mechanismen finden", wie man das Treibhausgas speichern oder kompensieren könne.

Unterstützung für CCS kommt auch von Bundesumweltministerin Svenja Schulze. "Diese Debatte muss sein", sagte die SPD-Politikerin. "Gegen die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid gab es lange Widerstand, weil sie die längere Verstromung von Kohle ermöglichen sollte. Mit dem Kohleausstieg aber hat sich dieser Einwand erledigt."

Hubert Weiger, der Chef des Umweltverbandes BUND, ist dennoch nicht von CCS zu überzeugen. "Wir warnen ausdrücklich davor, gefährliche, teure und unerprobte Technologien wie die Speicherung von CO2 unter der Erde als Klimaschutz zu betrachten", sagte Weiger.

Hintergrund der Debatte ist der Bericht des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens. Um das Ziel erreichen zu können, müssen die globalen Emissionen in den nächsten elf Jahren halbiert und dann bis zum Jahr 2050 auf netto null gesenkt werden.

Doch das reicht noch nicht: Zusätzlich muss der Atmosphäre CO2 entzogen werden. Dies kann durch Aufforsten und die Wiedervernässung von früheren Feuchtgebieten erfolgen – oder eben durch CCS.

Von den vier 1,5-Grad-Szenarien im IPCC-Bericht kommt allerdings nur eines ohne CCS aus. Die drei anderen beinhalten jeweils zwei Arten von CCS: das "klassische" CCS und BECCS.

Zusätzlicher Land- und Wasserbedarf

Beim "klassischen" CCS werden Emissionen etwa aus der Stahl- und Zementherstellung vermieden, indem das CO2 im Boden gespeichert wird. Bei BECCS (Bioenergie mit CCS) wird der Atmosphäre sogar CO2 entzogen.

Das wird erreicht, indem Bioenergieträger wie Plantagenholz oder Biogas verbrannt werden und das CO2 mittels CCS entsorgt wird. Damit ist das CO2, das die Pflanzen während ihres Wachstums aufgenommen haben, im Boden gebunden.

"Unerprobt" ist CCS mittlerweile nicht mehr. Derzeit gibt es weltweit 18 große CCS-Anlagen, die der Atmosphäre 40 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ersparen. Die meisten dienen der Ölförderung. Dabei wird mithilfe von CO2 Öl aus dem Gestein gepresst. Die älteste solche Anlage wurde im Jahr 1972 in Texas eröffnet.

"Gefährlich" ist CCS nach Ansicht von Wissenschaftlern ebenfalls nicht. In einer Studie heißt es: "Das Aussickern von CO2 kann ein Problem sein, aber das wird gemeinhin nicht als große Hürde für die sichere und permanente Einlagerung wahrgenommen. Außerdem findet umfangreiche Forschung zur Entdeckung und Beseitigung von Lecks statt."

Mittelfristig besteht auch kein Mangel an geeigneten Gesteinsformationen für die Einlagerung von CO2. Die Schätzungen gehen hier sehr weit auseinander, aber allein in leergepumpten Öl- und Gasfeldern könnten weltweit zwischen 460 und 920 Milliarden Tonnen CO2 gespeichert werden.

Das würde für die globalen CO2-Emissionen von zwölf respektive 24 Jahren reichen. Frühere Öl- und Gasfelder haben den Vorteil, dass deren Geologie sehr gut untersucht ist, was die Sicherheit als CO2-Speicher verbessert.

Die größte Hürde für CCS sind die Kosten und – im Fall von BECCS im großen Stil – zusätzlich der Land- und Wasserbedarf für den Anbau von Energiepflanzen.

Ohne CO2-Preis rechnet sich CCS nicht

Die Kosten von CCS bestehen grob aus zwei Blöcken: den Kosten für die CO2-Abscheidung und den Kosten für den Transport des Gases zu einem geeigneten Lagerort. Auch hier gehen die Schätzungen weit auseinander und hängen stark von den lokalen Gegebenheiten ab.

Ein Beispiel: Der Hafen von Rotterdam plant derzeit ein CCS-Projekt, um Emissionen von Raffinerien und Chemiefabriken in einem alten Erdgasfeld unter der Nordsee zu entsorgen. Die Bedingungen dafür sind sehr günstig, denn nur 25 Kilometer von Rotterdam steht ein solches Feld zur Verfügung.

Dennoch schätzt Rotterdams Hafen, dass der Investitionsaufwand für die erforderliche CO2-Pipeline und die anderen Anlagen bei 400 bis 500 Millionen Euro liegt. Dem stehen fünf Millionen Tonnen CO2 gegenüber, die im Endausbau jährlich eingelagert werden sollen.

Aus Sicht des Hafens ist das ein gutes Geschäft. Dies sei ein Projekt, "bei dem CO2-Emissionen zu relativ geringen Kosten im Vergleich zu anderen Maßnahmen reduziert werden können". Allein will der Hafen das Projekt dennoch nicht stemmen und hat um finanzielle Unterstützung von der niederländischen Regierung ersucht.

Das Problem ist wie fast immer das Fehlen eines wirksamen CO2-Preises, denn derzeit ist die Entsorgung von CO2 in der Atmosphäre für die meisten Akteure kostenlos.

In Deutschland wird dies voraussichtlich auch noch eine Weile so bleiben. Denn obwohl sich Union und SPD hinsichtlich CCS einig sind, herrscht weiter Streit über die Einführung eines CO2-Preises. Damit bleibt bis auf Weiteres sichergestellt, dass sich CCS nicht rechnet.

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