Windkraft: Kurswechel oder Kollaps

Wie soll das mit dem Klimaschutz gehen, wenn wir bald mehr Windräder ab- als neu bauen? Selbst große Player straucheln, der Branche droht der Kollaps. Die Groko muss nicht morgen oder übermorgen gegensteuern – sondern jetzt!


Windrad, von unten gesehen
In den Himmel wachsen die Zahlen bei der Windenergie schon seit Monaten nicht mehr. (Foto: Simon Steinberger/​Pixabay)

Die Zeit des Phrasendreschens, der Versprechungen und des Pläneschmiedens ist vorbei. Geredet wurde zu lange, getan zu wenig. Der Windkraftgipfel heute beim Wirtschaftsminister hat jetzt genau eine Aufgabe: Ein Schlachtplan für den Ausbau der Windenergie muss her, und zwar schnell.

Es ist fünf nach zwölf, Herr Altmaier! Die Zahlen liegen auf dem Tisch und lassen sich beim besten Willen nicht schönreden. Im ersten Halbjahr dieses Jahres kamen ganze 35 neue Windräder hinzu.

Ein erneuter Negativrekord für die Energiewende – die niedrigste Zubaurate seit dem Jahr 2000, als das Erneuerbare-Energien-Gesetz verabschiedet wurde. Dabei ist das Ziel groß: 2030 sollen 65 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen, bis 2050 soll sich die Gesamtkapazität der Windkraft vervierfachen.

Wie soll das gehen, wenn wir bald mehr Windräder ab- als neu bauen? Um zu erkennen, dass eine solche Rechnung nicht aufgehen kann, muss man nicht vom Fach sein. Nach Jahren der Verhinderungspolitik steht die große Koalition tief in der Schuld einer ganzen Branche. Es muss nicht morgen oder übermorgen gegengesteuert werden, sondern heute – jetzt!

Wir Projektierer kämpfen an allen Fronten: Genehmigungsstaus, Ausschreibungsverfahren, Akzeptanzprobleme, zu wenig genehmigte Flächen für den Bau von Windkraftanlagen, Klagen, 10‑H‑Abstand, langwierige Artenschutzverfahren – die Liste ist schier unendlich. Und wer, wie wir, schon die Abwärtsspirale der Solarbranche miterlebt und überlebt hat, der ist in Hab-acht-Stellung.

Jens Mühlhaus neu schmal

Jens Mühlhaus

Der studierte Bauingenieur ist Vorstand bei der Green City AG, einem alternativen Energie­dienst­leister mit Sitz in München. Er ist Mitglied im Klimareporter°-Kuratorium. (Foto: Dominik Parzinger)

Große Player am Markt straucheln, eine tragende Säule der Energiewende bricht nach und nach weg. Alle Zeichen stehen auf Déjà-vu.

Dabei könnte es so einfach sein: Stellen wir uns vor, was für ein gigantisches Konjunkturprogramm mit einem ohnehin nötigen, massiven Ausbau der Windkraft aufgelegt werden könnte. Eine unglaubliche Chance – und gleichzeitig ein Paradebeispiel für volkswirtschaftliches Versagen in den letzten 14 Merkel-Jahren.

Mehr als reden! Der Dialog am heutigen 5. September ist enorm wichtig, nur kommt er viel zu spät. Geredet, versprochen und angekündigt wurde schon zu viel, jetzt braucht es eine konkrete, verlässliche Strategie, wie die gesetzten Ziele auch erreicht werden sollen. Die Fahrtrichtung ist völlig klar und offensichtlich:

Herr Altmaier, kippen Sie mit Herrn Söder die 10‑H‑Regel in Bayern, bauen Sie Bürokratie ab, setzen Sie verlässliche Leitplanken für die Branche und kämpfen Sie nicht gegen, sondern gemeinsam mit uns für die Energiewende!

Tacheles!

In unserer neuen Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Kuratoriums in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Wir erwarten heute einen umfassenden Kurswechsel. Die Segel sind gehisst, wir stehen in den Startlöchern. Jetzt muss nur noch die politische Blockade gelöst und endlich umgesteuert werden.

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