Weniger Stromtrassen bedeutet mehr Windkraft

Etwa 8.800 Kilometer neue Stromleitungen wollen die Netzbetreiber bis 2030 quer durch Deutschland bauen. Untragbar finden das Umweltschützer und Bürgerinitiativen. Sie hoffen, mit dezentralem Ökostrom etliche Trassen einzusparen. Wie berechtigt das ist, versucht die jetzt veröffentlichte Transparenz-Studie des Öko-Instituts zu klären.


Hier ist die Detailaufnahme eines Strommastes zu sehen
Deutschlands Netze müssen ausgebaut werden. (Foto: Kai Gentle 07/​Pixabay)

Die Vielfalt der Szenarien ist beeindruckend. Was das Herz des Trassenkritikers, der die Umwelt schonen und Kosten sparen will, begehrt, hat das Öko-Institut in der heute endlich veröffentlichten Transparenz-Studie untersucht: den Verzicht auf große Stromautobahnen, vor allem den Suedostlink; ob das Netz einen zügigen Kohleausstieg verträgt und wie sich ein künftiges Stromsystem, bei dem Erneuerbare 85 Prozent des Strombedarfs decken, auf das Netz auswirkt.

Ein Szenario fehlt allerdings. Weiterhin gibt es kein gültiges Szenario für die Netzentwicklung bis 2030, das die CO2-Minderung abbildet, die sich für Deutschland aus der Klimaschutz-Vereinbarung von Paris ergibt, kritisiert Christof Timpe vom Öko-Institut. Er rät Bundesregierung und Bundestag dringend, die nächsten Schritte zur Energiewende zügig zu definieren, um über den Aus- und Umbau des Stromnetzes entscheiden zu können.

Zwar liegt das Ziel noch im klimapolitischen Nebel – dennoch fördert die Studie Erkenntnisse zutage, die den Verzicht auf neue Stromtrassen nicht eben leichter erscheinen lassen. So führt das Szenario "dezentrale Energiewende" ebenso wie das mit 85 Prozent Grünstrom zu einer "sehr hohen Konzentration von Wind- und Photovoltaikanlagen in der Nähe der Verbrauchszentren", sofern zugleich der Netzausbau erträglich bleiben soll.

Ehrliche Debatte zum Netzausbau angemahnt

Selbst ein sogenannter "solarer Rollout" auf den Dächern der großen Städte – einer Art der "Verbrauchszentren" in der Studie – kann nicht verhindern, dass sich in der Nähe der "Zentren" Windräder drehen. So müsste in Bayern beim Dezentral-Szenario die Öko-Stromerzeugung um mehr als die Hälfte über dem liegen, was der aktuelle, bis 2030 reichende Netzentwicklungsplan (NEP) veranschlagt, erläutert Christof Timpe. In Nordrhein-Westfalen seien sogar 120 Prozent mehr Grünstrom nötig, um das Stromsystem dezentral ummodeln zu können.

Zwar könnten durch eine stark dezentrale Energiewende einzelne Elemente des heute geplanten Netzausbaus vermieden oder zeitlich verschoben werden, erläutert der Experte weiter. "Dies wäre aber nur möglich, wenn wir uns gesellschaftlich darauf verständigen könnten, einen sehr starken Zubau von Windkraftanlagen nahe der Zentren des Stromverbrauchs zu akzeptieren." Eine ehrliche und fundierte Debatte darüber, ob zu Teilen des Netzausbaus realistische Alternativen bestehen, hat jedoch aus seiner Sicht bisher kaum stattgefunden.

Vorschläge für mehr Beteiligung bei der Netzentwicklung

  • öffentlich verfügbare Netzmodelle und Datensätze
  • Austausch zu Inputdaten der Modellierung sowie von Interpretationen von Szenarien zum Netzausbaubedarf
  • Bereitstellung eines öffentlich verfügbaren Rechenmodells zum Netzausbaubedarf
  • Durchführung von Modellrechnungen auf Anforderung fachlich interessierter Akteure
  • beratende fachliche Unterstützung (Empowerment) für interessierte Bürgerinnen und Bürger
  • Schaffung eines unabhängigen Forschungskomplexes "Energiewende und Netze"
  • verbesserter frühzeitiger Rechtsschutz, schon im Zuge der Aufstellung des Netzentwicklungsplans
    (aus der Studie "Transparenz Stromnetze")

Im Szenario "zügiger Kohleausstieg" geht die Studie davon aus, dass die Leistung der Kohlekraftwerke von derzeit rund 40.000 Megawatt bis 2025 auf 20.000 Megawatt halbiert wird. Aus der Sicht des Stromnetzes wäre das "nicht unmöglich", bestätigt Timpe, verweist aber auch darauf, dass anstelle der Kohlekraftwerke viele neue Öko- und Erdgaskraftwerke hinzukommen müssen. Regional würde es auch mehr kostenträchtige Redispatch-Maßnahmen geben. Weil der Kohleausstieg vor allem die nördlichen Bundesländer treffe, gingen zugleich die von Nord nach Süd zu übertragenen Strommengen um rund ein Drittel zurück. Der Stromfluss durch die geplanten Stromautobahnen reduziere sich sogar um die Hälfte.

Auch beim Kohleausstieg plädiert Timpe für rasche Entscheidungen. "Solange unklar ist, ob im Jahr 2030 Kohlekraftwerke mit einer Leistung von null oder von mehr als 30.000 Megawatt betrieben werden und die Spannweite der erneuerbaren Erzeugung 150.000 bis 220.000 Megawatt beträgt, kann eine sachgerechte Netzplanung kaum gelingen", so der Experte. "Auch wenn der Netzausbau nicht grundsätzlich in Frage zu stellen ist, so besteht doch das Risiko, dass das Netz anders ausgebaut wird, als es später tatsächlich benötigt wird."

Die Zeit drängt noch aus einem weiteren Grund: Das Stromnetz – so oder so – für ein Ausstiegs-Szenario fit zu machen, könnte wegen der nötigen Planungen, Genehmigungen und Inbetriebnahmen bis zu zehn Jahre dauern. "Deshalb ist es so wichtig, dass die Netzplanung schon jetzt auch den Kohleausstieg ins Auge fasst", erklärt Timpe.

Unterstützen Sie
unabhängigen Journalismus!

Klimareporter wird herausgegeben vom Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich. 

Spenden Sie hier