Lief es nach Plan, rollt dieser Tage im Wirtschaftsministerium der Entwurf des Endberichts für das "Monitoring der Energiewende" ein. Ende August soll der vorläufige Endbericht, besser bekannt als "Realitätscheck", vorgelegt werden.
Die Vorgaben von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für den Bericht wurden mittlerweile vielfach kritisiert. Die beiden beauftragten Institute sollten keine eigenen Berechnungen anstellen, heißt es, sondern nur Prognosen von 13 vorhandenen Studien auswerten. Als Leitschnur fürs Monitoring dienen Kosteneffizienz und Versorgungssicherheit.
Für die Deutsche Umwelthilfe läuft der Auftrag darauf hinaus, den Strombedarf für 2030 und somit den Bedarf für Netzausbau und Erneuerbare de facto kleinzurechnen. Keine Rolle für den Bedarf sollten im Monitoring E-Mobilität, Rechenzentren, Speicher und Wärmepumpen sowie die Modernisierung des Wirtschaftsstandorts spielen, kritisierte die Umweltorganisation schon kurz nach der Auftragsvergabe.
Eine Kurzstudie von Germanwatch zeigt zudem, dass die zu verwendenden Prognosen um fast 100 Prozent beim angenommenen Strombedarf für 2045 auseinanderliegen und um mehr als 120 Prozent bei den für 2030 nötigen Gaskraftwerken. Auch würden die Annahmen für die jeweiligen Prognosen oft weder erläutert noch transparent ausgewiesen, merkt die Nichtregierungsorganisation an.
Dass so ein Willkür-Check nach einem Regierungswechsel zu Schwarz-Rot droht, hatte sich schon Anfang des Jahres abgezeichnet. Den Anfang machte eine Experten-Troika, die im Januar ein Papier vorlegte, um die Energiewende angeblich günstiger zu machen.
Dies sollte nach den Vorstellungen der Drei durch den schnellen Neubau von Erdgaskraftwerken geschehen. Ergänzend wurde vorgeschlagen, die Einspeisevergütung für kleinere Solaranlagen zu stoppen und nur noch große Solarparks zu fördern.
Zahlen-Angriff aufs Erneuerbare-Energien-Gesetz
Eine Analyse von McKinsey lieferte im Januar auch gleich passende Zahlen. Laufen die heutigen Trends in etwa so fort, sagt die Beratungsfirma für 2030 einen Stromverbrauch von 600 Milliarden Kilowattstunden voraus. Zum Vergleich: 2024 verbrauchte Deutschland 510 Milliarden Kilowattstunden.
Für einen "Transformationspfad" kommen die McKinsey-Autoren auf rund 685 Milliarden Kilowattstunden, lassen aber klar erkennen, dass sie den für unrealistisch halten.
Die 600 Milliarden dominieren seitdem die Debatte und sind auch der zentrale Angriffspunkt gegen das geltende Erneuerbare-Energien-Gesetz, das EEG 2023, für das Reiche im Herbst eine Novelle vorlegen muss. Dafür vor allem lässt die Ministerin den Stromverbrauch checken. So rein nach Willkür darf der "Neustart" der Energiewende auch nicht aussehen.
Das EEG 2023 legt fest: Im Jahr 2030 sollen erneuerbare Quellen 600 Milliarden Kilowattstunden erzeugen und zugleich einen Anteil von 80 Prozent beim Bruttostromverbrauch haben. Um beide Vorgaben erfüllen zu können, muss der Bruttostromverbrauch Deutschlands 2030 bei etwa 750 Milliarden Kilowattstunden liegen, weisen Regierungsunterlagen und Studien gleichermaßen aus.
Dass die Erneuerbaren 2030 nicht auf 600 Milliarden kommen können, wenn überhaupt nur 600 Milliarden verbraucht werden, liegt auf der Hand. Entweder werden bis dahin alle fossilen Erzeuger vom Netz genommen – oder der Ausbau der Erneuerbaren wird deutlich abgebremst.
Konzerne wollen "Neustart" der Energiewende
Politisches Gewicht gewann die Zahlendebatte, als große Energiekonzerne sich für einen "Neustart der Energiewende" starkmachten. Zwar habe Deutschland einen Anteil von 60 Prozent Erneuerbaren beim Strom erreicht, die Klimaneutralität aber sei mit der "Energiewende alter Prägung" kaum zu schaffen, weswegen man eine "Energiewende 2.0" brauche, verkündeten RWE und Eon in einem Mitte März veröffentlichten Positionspapier.
Passenderweise forderten RWE und Eon, die bisher angenommene Stromnachfrage kritisch zu prüfen und die Ausbaupläne für Erneuerbare und Infrastruktur entsprechend zu korrigieren, speziell bei der Windkraft auf See.
Des Weiteren solle, so das Positionspapier, die EEG-Einspeisevergütung für alle Neuanlagen abgeschafft und durch eigene Vermarktung ersetzt werden. Auch sollten Stunden mit negativen Strompreisen nicht mehr vergütet werden. Letzteren Punkt hat Schwarz-Rot inzwischen umgesetzt.
Auf die offensichtliche Neustart-Kampagne reagierte die Erneuerbaren-Branche Mitte März mit einer eigenen Kurzstudie zum Stromverbrauch 2030. Als wichtige Treiber für zusätzliche Stromnachfrage wurden Rechenzentren, Wärmepumpen und E-Mobilität sowie eine wirtschaftliche Erholung ausgemacht, ist in dem vom Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) veröffentlichten Werk zu lesen. Auch die inländische Wasserstofferzeugung benötige beträchtliche Mengen erneuerbaren Stroms.
Die BEE-Analyse erwartete einen Anstieg des Stromverbrauchs von den 510 Milliarden auf rund 700 Milliarden Kilowattstunden bis 2030. In der 15-seitigen Ausarbeitung selbst ist auch die Angabe "bis auf 705" Milliarden zu finden.
Abbremsen der Erneuerbaren gefährdet Klimaziele
Das ist natürlich weniger, als das EEG 2023 vorgibt – BEE-Präsidentin Simone Peter warnte angesichts der Ergebnisse aber davor, daraus eine Verlangsamung der Elektrifizierung und des Erneuerbaren-Ausbaus abzuleiten. Das gefährde nicht nur die Einhaltung der Klimaziele, sondern schwäche auch den Standort. Allein der Bedarf an grünem Wasserstoff für die Industrie sei riesig. Auch werde es bei E-Autos und Wärmepumpen "nachholende Effekte" geben, betonte Peters im März.
Dennoch standen einige Annahmen der BEE-Studie auf wackligen Füßen, so beim Wasserstoffbedarf. Hier verzögert sich die Umstellung in der Stahlindustrie deutlich. Auch sollen die neuen Gaskraftwerke, die Ministerin Reiche bauen lassen will, per CCS klimafreundlich werden und nicht, indem sie auf Wasserstoff als Brennstoff umsteigen.
Mit Kritik an der neuen Wirtschaftsministerin hielt sich der Erneuerbaren-Verband im Frühjahr aber zurück. Ein erstes direktes Gespräch der BEE-Spitze mit Reiche soll es Anfang Juni gegeben haben. Da habe auch noch die Hoffnung bestanden, dass – wie im Koalitionsvertrag zu lesen – die erneuerbaren Energien in ihrer ganzen Breite entwickelt werden. Reiche wolle auch Lösungen aufgreifen, die aus der Branche selbst kommen, gab sich der Verband zuversichtlich.
Zugleich sah es der BEE aber als notwendig an, seine Stromverbrauchs-Analyse aus dem März zu aktualisieren. Die Vorlage der fertigen Überarbeitung war für Mitte bis Ende Juni ins Auge gefasst. Man sei in letzten Abstimmungsschleifen, war zu der Zeit aus der Branche zu hören.
Erneuerbaren-Verband kündigt überarbeitete Studie an
Die letzte Schleife hat sich im Laufe des Juni offenbar verknotet. Die neue Bedarfsanalyse verschwand in der Versenkung. Stattdessen kündigte die langjährige BEE-Präsidentin Simone Peter ihren Rückzug vom Spitzenposten an.
Dass dies möglicherweise mit dem Nichterscheinen der Analyse zusammenhängt, wird aus der Verbandsspitze bestritten. Eine Rolle für den Rückzug von Peter sollen aber wachsende innere Konflikte unter den Erneuerbaren spielen. Das bisherige Prinzip der Branche, dass es der Energiewende gut geht, wenn es allen Zweigen der Erneuerbaren gut geht, scheint zu bröckeln.
Auch ist sich der Verband offenbar nicht ganz einig, ob man beim Gegenwind aus dem Wirtschaftsministerium mehr gegenhalten oder sich eher arrangieren sollte. In der Lage überraschte es schon, als Ende Juli bei einem Branchentermin angekündigt wurde, die überarbeitete BEE-Studie werde nunmehr in Kürze doch erscheinen.
Soweit bekannt, wird in der Überarbeitung eingeräumt, dass bei E-Mobilität und Wärmepumpen die Ausbauziele wohl nicht mehr hundertprozentig erreicht werden und auch andere Bereiche hinterherhinken.
Als neuer Punkt, der in der März-Fassung beim BEE offenbar noch nicht vorkommt, soll nunmehr ein zusätzlicher Verbrauch von 45 Milliarden Kilowattstunden für Rechenzentren und Wirtschaftserholung eingerechnet sein. Alles in allem soll der Erneuerbaren-Verband für 2030 weiter mit einem Stromverbrauch von 705 Milliarden Kilowattstunden rechnen.
Bei den Zahlen scheint das also die Scheidelinie zu sein: Wer beim Stromverbrauch für 2030 mit 600 Milliarden Kilowattstunden oder ein bisschen mehr rechnet, hat beste Argumente, die Erneuerbaren abzubremsen. Wer dagegen 700 Milliarden und mehr erwartet, muss im Kern an den bisherigen Ausbauzielen festhalten.
Nun darf man gespannt sein, wie sich die Wirtschaftsministerin zahlentechnisch entscheidet. Genügend Auswahl hat sie ja. Aus dem Realitätscheck könnte aber schnell ein politischer Realitätsschock werden – für die Erneuerbaren.

https://www.agora-energiewende.de/aktuelles/planmaessiger-ausbau-von-erneuerbaren-energien-senkt-boersenstrompreise-bis-2030-um-bis-zu-23-prozent
„Die Diskussion über eine Reduktion der Erneuerbaren-Ausbauziele verkennt das eigentliche Problem“, sagt Markus Steigenberger. „Denn die aktuell stagnierende Stromnachfrage ist in erster Linie auf eine schwache Konjunktur und Versäumnisse beim Umstieg auf klimafreundliche Technologien in den Bereichen Gebäude und Verkehr zurückzuführen. Gerade in diesen Sektoren sind günstige Strompreise die Voraussetzung dafür, dass sich der Umstieg auf E-Autos und Wärmepumpen lohnt. Vor dem Hintergrund weltweit zunehmender geopolitischer Spannungen fördert der Ausbau der Erneuerbaren dabei nicht nur den Klimaschutz, sondern macht Deutschland auch resilienter gegenüber fossilen Energiepreisschocks.“