Unrealistische 1,5 Grad, teure Privilegien und Windeseile bei LNG

Kalenderwoche 19: Beim Ausbau der Infrastruktur für Flüssigerdgas geht auf einmal alles ganz schnell, wundert sich Sebastian Sladek, Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) und Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°. Wie schön wäre es, wenn Deutschland ein solches Tempo auch bei Solar- und Windparks hinbekäme, findet er.


Porträtaufnahme von Sebastian Sladek.
Sebastian Sladek. (Foto: Bernd Schumacher)

Immer wieder sonntags, diesmal ausnahmsweise am Montag: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Sebastian Sladek, geschäftsführender Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS).

Klimareporter°: Herr Sladek, der Klimawandel scheint sich zu beschleunigen: Schon eines der nächsten fünf Jahre könnte die 1,5‑Grad-Schwelle der Erderwärmung überschreiten, warnt die Weltorganisation für Meteorologie. Müssen wir uns realistischerweise vom 1,5‑Grad-Ziel verabschieden?

Sebastian Sladek: Das sollten wir nicht nur realistischerweise, sondern auch ehrlicherweise tun. Und falls wir vorhaben, mit den Treibhausgasen so weiterzumachen wie bisher, können wir das Zwei-Grad-Ziel gleich mit streichen.

In einer Interviewserie fragt Klimareporter° Aktivist:innen verschiedener Bewegungen, wie es mit den Klimaprotesten weitergeht. Die EWS Schönau sind selbst aus einer Protestbewegung entstanden: Auf die Idee, ein Ökoenergie-Unternehmen zu gründen, kommen die heutigen Protestgruppen eher nicht. Sind die Zeiten inzwischen andere?

Tatsächlich sind die Zeiten heute andere. Die Elektrizitätswerke Schönau sind ursprünglich für den Atomausstieg angetreten und wollten das System von innen heraus verändern. Nun hat es über 40 Jahre gedauert, bis die deutsche Anti-Atom-Bewegung den Ausstieg durchsetzen konnte.

So viel Zeit steht heute nicht mehr zur Verfügung, um die schlimmsten klimatischen Entwicklungen noch abzuwenden. Und auch für eine "Veränderung von innen" haben wir schlichtweg keine Zeit mehr.

Während Putins Angriffskrieg Millionen zur Flucht zwingt und tausende Todesopfer fordert, leistet sich Deutschland peinliche Wohlstands-Debatten, meint Umweltaktivist Tino Pfaff in einem Gastbeitrag und fordert eine echte Mobilitätswende. Was ist von einem Land zu halten, dass sich in so einer Lage nicht mal zu einem Tempolimit aufraffen kann?

Die von Bundeskanzler Scholz proklamierte "Zeitenwende" entpuppt sich immer mehr als eine hohle Phrase. Ganz offensichtlich haben wir den Schuss noch nicht gehört, so kleinkariert und egoistisch, wie wir auf solchen vermeintlichen Privilegien beharren. Und tatsächlich ist es weder tröstend noch beruhigend, sondern im Gegenteil noch alarmierender, dass Deutschland bei Weitem nicht der einzige Staat in der Welt ist, der in seiner Kleingeistigkeit verharrt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Mitten in den Reisevorbereitungen zum Klimacamp anlässlich der Umweltministerkonferenz – ausgerechnet in Wilhelmshaven – ereilte mich die Nachricht vom Entwurf der Bundesregierung für ein LNG-Beschleunigungsgesetz. Es soll also alles unglaublich schnell gehen mit den Terminals und Leitungen für fossiles Flüssigerdgas. Erstaunlich, was plötzlich möglich wird, wenn der politische – und ökonomische? – Wille da ist.

Wie schön wäre es, wenn mit ähnlicher Rasanz Freiflächen-Photovoltaik und Windkraftanlagen projektiert und gebaut werden dürften. Wie viel könnten wir dann für eine klimaverträgliche Energieversorgung erreichen! Ich wünsche mir dafür zwar ein Verfahren, das die Öffentlichkeitsbeteiligung nicht dermaßen fragwürdig aushöhlt wie beim Flüssigerdgas. Aber "freie Bahn für die Erneuerbaren" wäre den physikalischen Notwendigkeiten absolut angemessen.

Fragen: Jörg Staude

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