Und täglich grüßt die Laufzeitverlängerung

Unnötige Debatten und verpasste Chancen haben das Jahr energiepolitisch geprägt. Statt einer Strategie zur schnellen dezentralen Energiewende gab es eine rückwärtsgewandte Atomausstiegs-Diskussion. Auch eine Regierungspartei machte mit. Das kann und muss 2023 anders werden.


Matthias Willenbacher
Matthias Willenbacher. (Foto: Wiwin)

Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir die Mitglieder unseres Herausgeberrats im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Matthias Willenbacher, Geschäftsführer der Plattform für nachhaltiges Investieren Wiwin.

Energiepolitisch hat mich die deutsche Dauerdebatte über die Laufzeiten von Atomkraftwerken in diesem ereignisreichen Jahr am meisten überrascht. Es wurde und wird noch immer diskutiert, ob und wie lange die Laufzeiten verlängert werden sollen.

Ich finde es erstaunlich, mit welchem Zeit- und Energieaufwand eine Mischung aus Boulevardpresse, Teilen der Wissenschaft und konservativen Parteipolitiker:innen das Thema kontinuierlich präsent hält.

Noch mehr überrascht hat mich, dass es damit tatsächlich gelungen ist, die Stimmung in der Bevölkerung zu drehen. Und das mit zum Teil absurden Argumenten.

Aktuell wird als Argument für längere Laufzeiten zum Beispiel die schlechte Klimabilanz von Elektrofahrzeugen angeführt, weil Anfang Dezember der deutsche Strommix zu einem großen Teil von Kohle- und auch Gaskraftwerken bestritten wurde. Zudem seien die Strompreise zu hoch.

Als Momentaufnahme mag diese Betrachtung stimmen. Es war kalt, es gab wenig Sonnenschein und der Wind wehte mäßig. Der CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde Strom war entsprechend hoch und die Strompreise sind es sowieso.

Verweigertes Denken

Aus dieser Gemengelage aber eine weitere Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken bis in das Jahr 2024 und darüber hinaus abzuleiten, wie es zum Beispiel Bundesverkehrsminister Volker Wissing macht, grenzt an Denkverweigerung.

Erster Denkfehler: Die fossilen Kraftwerke in Deutschland produzieren auch deshalb so viel, weil in unserem Nachbarland aus diversen Gründen die Atomkraftwerke stillstehen. In Frankreich wird sehr viel mit Strom geheizt, also steigt bei sinkenden Temperaturen der Strombedarf. Und weil die heimische Produktion nicht ausreicht, müssen die Nachbarländer – darunter Deutschland – einspringen. Atomenergie ist hier das Problem, nicht die Lösung.

Zweiter Denkfehler: Atomstrom ist teuer, nicht günstig. Rechnet man alle tatsächlichen Kosten ein, auch die Kosten der Endlagerung und Versicherungskosten für die etwaigen enormen Schäden bei einem Unfall, ist Atomstrom der teuerste Strom überhaupt. Kein einziges Atomkraftwerk auf der Erde wird ohne massive staatliche Unterstützung gebaut. Und bei eigentlich allen Projekten werden die Kosten- und Zeitrahmen deutlich überschritten.

Dritter Denkfehler: Zwei kalte Dezemberwochen machen noch kein ganzes Jahr. Vom Einzelfall auf die Gesamtsituation zu schließen, war noch nie eine gute Idee. Auch wenn Politiker:innen das sehr gerne tun.

Tatsächlich lag im Jahr 2022 der Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch bei 47 Prozent – fünf Prozentpunkte höher als im Vorjahr – und war damit so hoch wie noch nie. Dieser Anteil soll und muss schnell auf 100 Prozent steigen.

Die Klimabilanz des Stroms – und damit aller Stromanwendungen wie zum Beispiel der Elektromobilität – wird auf diesem Weg kontinuierlich besser. Ausreißer nach unten sind die Ausnahmen von der Regel.

Erneuerbares Energiesystem als Chance für liberale Politik

Entscheidend ist, dass sowohl der aktuelle Strombedarf als auch der zukünftig steigende Strombedarf mit heimischen Wind-, Solar-, Biomasse- und Wasserkraftwerken gedeckt werden kann. Ein modernes Windrad kann fünfmal mehr Strom produzieren als der Durchschnitt der heute installierten Anlagen – rechnerisch für 5.000 statt für 1.000 Haushalte.

Und ein Prozent der Fläche in Deutschland kann und muss mit Solarzellen belegt werden. Das ist zumeist auf Dach- oder Verkehrsflächen möglich. Dann haben wir bis auf wenige Stunden im Jahr immer ein Überangebot an Strom, der dann in unterschiedlichen Formen wie Kühlen, Heizen oder Trocknen genutzt oder in Batterien, als Wasserstoff oder als Wärme gespeichert werden kann.

Das Eintreten von FDP-Minister Wissing für längere Laufzeiten kommt nicht ganz unerwartet, immerhin ist dies Beschlusslage in seiner Partei. Gleichzeitig ist es aber auch überraschend.

Immerhin hat der FDP-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Christian Lindner die erneuerbaren Energien in der Sondersitzung des Bundestages drei Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine als "Freiheitsenergien" bezeichnet. Nur hat er, so zeigt sich, in der FDP keinen Widerhall gefunden. Offenbar auch nicht bei Volker Wissing.

Dabei ist das der Ansatz für die Liberalen, das breite Feld der Transformation des Energiesystems nicht komplett den Grünen zu überlassen. Wahrscheinlich fehlt der FDP die fachliche Kompetenz für eine Neuausrichtung. Was bitte, denkt man sich, wäre denn liberaler als alle Weichen für eine Energieversorgung mit den günstigsten Erzeugungskosten überhaupt zu stellen?

Um einmal gar nicht von den riesigen Chancen einer Digitalisierung des Energiesektors im Zuge des Erneuerbaren-Ausbaus zu reden – ein Thema, das keiner Partei besser zu Gesicht stünde als der FDP. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und wird hoffentlich auch.

Lösungen für bürgernahe Energieversorgung stehen bereit

Die Lösung für ambitionierten Klimaschutz, bezahlbare Energiepreise und Unabhängigkeit von fragwürdigen Lieferländern liegt also auf der Hand:

Erneuerbare Energien sind günstig und schnell verfügbar. Selbst wenn man die gestiegenen Kosten durch höhere Zinsen und Materialpreise sowie die zu langsamen Flächenausweisungen und Genehmigungsverfahren in Betracht zieht, sind sie schneller zu realisieren als Atomkraftwerke und liefern günstigeren Strom.

Erneuerbare Energien bieten darüber hinaus die Chance, die Menschen vor Ort finanziell an Energieerzeugungsanlagen zu beteiligen und das Energiesystem zu demokratisieren. Über Genossenschaften können Bürger:innen zu aktiven Beteiligten der Energiewende werden und richtig mitverdienen.

Bei einer richtigen Ausgestaltung des Energy Sharing können auch Menschen ohne eigenes Dach von günstigen Strompreisen durch Windenergie profitieren. Bei entsprechenden Rahmenbedingungen können Nachbar:innen sich gegenseitig mit Energie versorgen oder Vermieter:innen ihre Mieter:innen. Batterien von Elektrofahrzeugen und große Wärmespeicher in Kellern können als flexible Speicher fürs Stromsystem dienen und vieles mehr.

Damit das alles Wirklichkeit wird, muss im neuen Jahr noch einiges durch die Bundesregierung geregelt werden. Der Ausbau muss schneller vorangehen. Die EU-Notfallverordnung, auf die sich die europäischen Energieminister:innen geeinigt haben, zeigt die richtigen Ansätze. Und wir müssen die Vorteile der bestehenden und der neu entstehenden dezentralen Strukturen besser nutzen.

Die Plattform Klimaneutrales Stromsystem zum zukünftigen Marktdesign und die Systementwicklungsstrategie zur zukünftigen Energieinfrastruktur sind die Orte, wo 2023 konstruktiv über diese Themen gestritten werden muss. Hier lohnen sich die Debatten. Nicht bei Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke.

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