Oliver Hummel. (Bild: Naturstrom AG)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Oliver Hummel, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Klimareporter°: Herr Hummel, die schwarz-rote Koalition hat die ersten hundert Tage Regierungszeit hinter sich gebracht. Was hat Ihnen in der Zeit bisher am meisten gefallen und was am meisten missfallen?

Oliver Hummel: Ich beschränke mich jetzt auf die energiepolitische Bilanz. Hier gab es im Detail schon einige sinnvolle Gesetzesbeschlüsse oder Kabinettsentwürfe. Von der sehr raschen Umsetzung der RED‑III-Richtlinie mit den Windenergie-Beschleunigungsgebieten über die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes bis hin zu Erleichterungen für Wärme- und Wasserstoffprojekte. Die bisherige Sacharbeit ist also gar nicht so verkehrt.

Problematisch sind weniger die bisherigen Beschlüsse, sondern eher die Tonalität von Wirtschaftsministerin Reiche. Ständig wird von angeblich teuren, überdimensionierten erneuerbaren Energien geredet und stattdessen Gas propagiert. Dabei sind es die fossilen Energieträger, die uns die Klimakrise sowie Preis- und Versorgungsunsicherheiten einbrocken.

Ausdruck gefunden hat das etwa in der Abschaffung der Gasumlage statt der Stromsteuer. Auch wenn es darüber hinaus noch keine wirklichen Beschlüsse in Richtung Gas statt Erneuerbare gab, lässt die rhetorische Akzentsetzung wenig Gutes für die weitere Legislaturperiode erwarten.

Katherina Reiche stellt nun die Förderung von Ökostrom aus privaten Photovoltaikanlagen infrage. Kleine Photovoltaikanlagen rechneten sich schon heute im Markt, sagt die Bundeswirtschaftsministerin. Zugleich soll Bestandsschutz gelten. Vom Ende der Förderung wären also nur neu installierte Dachanlagen betroffen. Der Vorstoß brachte Reiche dennoch viel Kritik ein – zu Recht?

Kurz geantwortet: Ja. Dass man die Förderung von Solardachanlagen effizienter und mit mehr Marktsignalen organisieren kann, darüber kann man durchaus reden. Aber erstens ließ Reiche in ihren Interviewäußerungen unter den Tisch fallen, dass es mit dem Solarspitzengesetz von Anfang des Jahres ohnehin schon keine Förderung mehr in Zeiten negativer Strompreise gibt.

Zweitens könnten Haushalte, die den Solarstrom selbst verbrauchen, ihre Photovoltaikanlage zwar theoretisch schon gut ohne Förderung refinanzieren, aber es braucht dazu viel mehr Smart Meter und passende Rahmenbedingungen für die Vermarktung von Kleinanlagen. Hier muss also erstmal der Staat seine Hausaufgaben machen, bevor die Verantwortung auf die Haushalte abgewälzt werden soll.

Und drittens sorgt so eine öffentliche Überlegung ohne wirkliches Folgekonzept für viel Unsicherheit, zumal die Ministerin damit dem für die Ausgestaltung der künftigen Energiepolitik in Auftrag gegebenen Monitoring vorweggreift. Unsicherheit im Markt zu schüren ist eigentlich das Letzte, was eine Wirtschaftsministerin anstreben sollte.

Was mich aber an Reiches Äußerungen noch mehr gestört hat als der Punkt mit den Dachanlagen, ist auch hier das Framing von einem angeblich generell zu umfangreichen und teuren Erneuerbaren-Ausbau.

Laut der Ministerin sollte zunächst mehr Rücksicht auf das Stromnetz genommen werden. Eine Systembetrachtung ist natürlich sinnvoll, dennoch sagen alle Studien, dass wir einen weiter hochdynamischen Ausbau von Wind- und Solaranlagen brauchen – übrigens nicht nur für die Klimaziele, sondern auch für eine günstige Energieversorgung in einer sich immer weiter elektrifizierenden Welt. An den Ausbaupfaden darf deshalb nicht gerüttelt werden.

Für den Heizungstausch hin zu einer Wärmepumpe gibt es derzeit vom Bund Zuschüsse von 50 Prozent, bei niedrigen Einkommen sogar 70 Prozent. Der Umweltexperte Axel Friedrich fordert jetzt die Umstellung auf eine Festpreisförderung. Dabei könnte es eine Grundförderung von 8.000 Euro geben, dazu kommt ein Effizienzbonus je nach Wirkungsgrad der Wärmepumpe, außerdem ein einkommensabhängiger Sozialbonus. Was halten Sie von der Idee?

Dass Wärmepumpen in Deutschland viel teurer sind als in anderen europäischen Ländern, liegt wahrscheinlich zum Teil an der prozentualen Förderung.

Wir sehen leider oft, dass Förderungen, die Endkunden zugutekommen sollen, zu einem großen Teil von anderen Beteiligten einbehalten werden. Die E-Auto-Förderung war ähnlich gebaut – und kaum fiel sie weg, gewährten viele Autokonzerne Rabatte in Höhe der vorherigen staatlichen Förderung.

Wenn die Förderung es – wie bei der Wärmepumpe – sogar noch belohnt, teurere Angebote abzugeben, dann ist das vermutlich nicht hilfreich.

Grundsätzlich könnte ich mir eine Umstellung auf absolute Förderbeträge bei der Wärmepumpe gut vorstellen.

Ich stimme Axel Friedrich auch zu, dass die anderen Ursachen für die verhältnismäßig hohen Kosten ebenfalls nach Veränderung rufen. So müssten die Anforderungen der Stromnetzbetreiber an den Einbau vereinfacht und vereinheitlicht werden.

Auch beim Einbau durch das Handwerk wäre mehr Standardisierung sowie Wettbewerb hilfreich. Dafür spielt auch die Weiterbildung eine wichtige Rolle. In vielen Handwerksbetrieben muss sich der Fokus noch von Gasthermen auf Wärmepumpen verschieben. Wenn das nicht passiert, gehe ich davon aus, dass neue, finanzstarke Akteure mit standardisierten Angeboten noch stärker in diese Lücke stoßen werden.

Ganz wichtig finde ich dabei, dass eine eventuell bei einzelnen Wärmepumpen verringerte Fördersumme nicht zur Kürzung der gesamten Wärmewende-Programme genutzt wird. Die bisher geplanten Haushaltsmittel im Wärmebereich sind sinnvoll, aber noch zu gering.

In dem Zusammenhang ist es auch extrem wenig hilfreich, dass die Regierung den Klima- und Transformationsfonds dazu missbraucht hat, die Gasspeicherumlage zu finanzieren, sodass aus dem Fonds deutlich weniger Mittel für die Wärmewende zur Verfügung stehen.

Nicht zuletzt ist mir bei einer möglichen Förderumstellung sehr wichtig, dass es auch weiterhin eine soziale Komponente bei der Förderung gibt. In dem Konzept, das Axel Friedrich vorschlägt, ist das ja richtigerweise mitbedacht.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Mich hat die Nachricht gefreut, dass der Smart-Meter-Rollout nun endlich vorankommt, zumindest bei den großen Marktakteuren. Eine aktuelle Auswertung hat ergeben, dass sechs der zehn größten Messstellenbetreiber ihre für Ende des Jahres zu erfüllende Ausstattungsquote von 20 Prozent der Pflichteinbaufälle bereits im ersten Quartal erreichen und teilweise deutlich überschreiten konnten.

Und auch bei den anderen großen Messstellenbetreibern sehen die Zahlen nicht so schlecht aus. Das ist ein gutes Zeichen.

Doch bei vielen kleineren Netzbetreibern hakt es hier immer noch ziemlich. Und in der Fläche bedeuten diese Fortschritte erstmal nur, dass Anfang April 2,8 Prozent statt wie zum Jahreswechsel 2,2 Prozent der Haushalte über ein Smart Meter verfügten.

Bei diesem Ausbautempo würde es noch etwa 40 Jahre dauern, bis Deutschland auf intelligente Zähler umgestellt hat – ein Stand, den die meisten Nachbarländer heute schon haben. Dennoch, es kommt hier langsam Zug rein, das merken wir auch an der Zahl der Smart-Meter-Systeme bei unseren Kund:innen und durch das wachsende Interesse an unserem dynamischen Tarif.

Hier gibt es also eine gute Marktentwicklung in Richtung mehr Flexibilität, die gilt es nun weiter auszubauen.

Fragen: Jörg Staude