Rebound-Effekt beim Kohleausstieg?

Raus aus dem Kohlestrom heißt auch wieder rein in den Kohlestrom, sagen Kritiker des deutschen Ausstiegs. Wenn alte Kohlekraftwerke vom Netz gehen, werden andere stärker laufen oder der Kohlestrom kommt aus dem Ausland, wird argumentiert. Was ist da dran?


Kohlekraftwerk Lünen
Ist es egal, ob Kohlekraftwerke vom Netz gehen? Dieses in Lünen bei Dortmund wurde gerade abgeschaltet – wegen Unwirtschaftlichkeit. (Foto: Daniel Grothe/​Flickr)

Deutsche Wirtschaftsprofessoren hegen eine "tiefe Skepsis" gegenüber dem Kohleausstieg. Jedenfalls ist das der Schluss, den das Münchner Ifo-Institut aus einer Umfrage zieht, die in dieser Woche veröffentlicht wurde.

Nur 27 Prozent von rund 140 befragten Professoren glauben demnach, durch den deutschen Ausstieg würde in Europa der Ausstoß von Kohlendioxid sinken. 42 Prozent der Befragten sagen, das sei nicht der Fall. Das habe das Ifo-Ökonomenpanel ergeben, das in Kooperation mit der FAZ entsteht.

Dass der bisher noch billige Braunkohlestrom nicht so leicht aus dem Markt zu verdrängen ist, zeigte schon die Strombilanz 2018. Verglichen mit 2017 sank im letzten Jahr der Anteil der Braunkohle an der Stromerzeugung zwar um zwei Prozent, der Anteil der Steinkohle aber ging um 7,4 und der von Gaskraftwerken um 18,5 Prozent zurück.

Strom aus Braunkohle drängt solchen aus Steinkohle und Gas aus dem Markt, so das Fazit des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, das die Bilanz im Januar vorgelegt hatte.

"Unterm Strich gut fürs Klima"

Die massive Stilllegung von Kohlekraftwerken in den nächsten Jahren führt auf jeden Fall dazu, dass andere Kraftwerke in die Bresche springen – die überwiegend im Ausland stehen. Den zu erwartenden ausländischen "Rebound-Effekt" veranschlagt Felix Christian Matthes vom Öko-Institut in seiner Stellungnahme für eine Anhörung des nordrhein-westfälischen Landtags auf knapp 38 Prozent für 2023 und dann bis 2030 sinkend auf 27 bis 32 Prozent.

Anders gesagt: Etwa ein Drittel des hierzulande nicht mehr erzeugten Kohlestroms wird voraussichtlich zunächst durch Importe ersetzt.

Umgerechnet auf CO2-Emissionen ergibt sich laut Matthes bis 2023: Der zusätzliche Strombezug aus dem Ausland kann dort zu Mehremissionen von jährlich rund zehn Millionen Tonnen führen. Dazu komme noch ein inländischer "Rebound-Effekt" von etwa fünf Millionen Tonnen CO2.

Allerdings, so Matthes, senken die durch den Kohlekompromiss stillzulegenden Kraftwerke die CO2-Emissionen um insgesamt etwa 35 Millionen Tonnen – insofern gingen nach jetzigem Stand die CO2-Emissionen in Deutschland selbst um 30 Millionen Tonnen jährlich zurück, auf ganz Europa gerechnet ergäben sich 20 Millionen Tonnen.

Für Matthes wird der ausländische "Rebound-Effekt" dabei langfristig abnehmen und unter 30 Prozent sinken, weil sowohl im Inland als auch im nahen Ausland, vor allem in den Niederlanden und in Frankreich, weniger Kapazitäten bei Kohlekraftwerken verfügbar sind.

Unbeachtete Effekte

Auch eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet bei einem Kohleausstieg mit einer nur sehr begrenzten Verlagerung von Kohlekraftwerkskapazitäten. So seien Braunkohlekraftwerke in vielen Ländern, vor allem in Polen, Tschechien und der Balkanregion, schon jetzt sehr stark ausgelastet. Das gelte auch für Atomkraftwerke.

Zwar könnten alternativ dazu auch Steinkohlekraftwerke im Grenznähe zu Deutschland ihre Auslastung erhöhen. Zum einen sind aber die CO2-Emissionen aus Steinkohle niedriger als die aus der deutschen Braunkohle, zum anderen sollen, worauf die DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert hinweist, mit dem Kohleausstieg auch Emissionszertifikate vom Markt genommen werden.

Damit würde auch Steinkohle unwirtschaftlicher werden und Wasserkaft oder Gas könnten an deren Stelle treten. Darüber hinaus entstehen laut Kemfert auch in den Nachbarländern zusätzliche Anreize, die erneuerbaren Energien auszubauen, wenn der derzeit kostengünstige Import von deutschem Kohlestrom entfällt.

"Mit CO2-Preis viel billiger"

Matthes und Kemfert weisen aber nicht nur auf eine deutliche Netto-Minderung der CO2-Emissionen durch den Kohleausstieg hin, sondern auch darauf, dass die von den Ausstiegskritikern angemerkten Rebound-Effekte geringer wären, wenn es einen spürbaren CO2-Mindestpreis gebe.

Der Ansicht sind offenbar auch viele der für das Ifo-Panel befragten Wirtschaftsprofessoren. Das Institut veröffentlichte zu der Umfrage, die angeblich nur die Unzufriedenheit der Professoren mit dem Kohleausstieg illustriert, auch einige interessante Kommentare.

"Eine CO2-Bepreisung würde den Klimaschutz weitaus kostengünstiger herbeiführen", betont etwa Wolfgang Scherf von der Uni Gießen. Und Alfons Weichenrieder von der Goethe-Uni Frankfurt am Main warnt: "Die ökonomische Logik wird systematisch ignoriert. Dadurch wird die Erreichung des Umweltziels viel teurer." 

So gesehen müsste das Umfrage-Fazit eher lauten: Wirtschaftsprofessoren hegen Skepsis gegenüber einem Kohle-Ausstieg ohne CO2-Bepreisung.

Redaktioneller Hinweis: Claudia Kemfert ist Kuratoriumsmitglied von Klimareporter°.

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