Ohne Atomausstieg keine Energiewende

Armin Laschet liegt falsch: Nukleartechnik kann nichts zur Energiewende beitragen. Das geht ohne Atomstrom viel besser, günstiger, schneller und sicherer. Die Energiewende gibt es nicht trotz, sondern wegen des Atomausstiegs. 


Atomkraftwerk Biblis bei Nacht.
Atomkraft kann das Klima schützen – solange man nicht genauer hinschaut. (Foto: Thomas Pflaum/​Bundesregierung)

Die Reihenfolge sei falsch, hört man aus der konservativen Ecke und neuerdings auch vom Kanzlerkandidaten der Union, Armin Laschet. Der Atomausstieg sei zwar nicht grundfalsch, von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung gewünscht und Konsens in Lande. Aber zuerst die Atommeiler und dann die Kohlekraftwerke abzuschalten, sei für den Klimaschutz widersinnig.

Vergessen werden bei dieser Argumentation gerne die guten Gründe, die zum gesellschaftlichen Konsens des Atomausstiegs geführt haben. Die nicht sichere Beherrschbarkeit einer sehr gefährlichen Technologie, die in verheerende Unfälle mündete, und die kaum zu lösenden Atommüllprobleme. Von den gewaltigen ökonomischen und gesellschaftlichen Kosten ganz zu schweigen.

Es gibt aber noch einen wesentlichen Grund, weshalb der Atomausstieg für Deutschland und die Welt ein Glücksfall war: Ohne ihn gäbe es die Erfolgsgeschichte der Energiewende und den rasanten Aufstieg der erneuerbaren Energien nicht. Oder zumindest nicht in dieser Schnelligkeit.

Hierzulande war die Energiewende als Teil des gesellschaftlichen Konsenses lange Zeit nicht auf den Kohleausstieg fokussiert, sondern auf den Atomausstieg. Ziel der rot-grünen Bundesregierung Anfang der 2000er Jahre war es, die wegfallenden Strommengen nicht durch fossile, sondern durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Anders als Armin Laschet es darstellt, spielten Klimaschutz und die Verhinderung von Emissionen schon damals eine entscheidende Rolle.

Um Alternativen zu Kohle und Atom zu schaffen, brachte Rot-Grün dafür das innovativste und wirkungsvollste Instrument auf den Weg, weltweit von Expert:innen gefeiert und vielfach kopiert: das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Die wahnsinnigen Kostensenkungen im Bereich der Photovoltaik und bei Windrädern wurden in Deutschland, mit unseren Forschungsgeldern und Subventionen angefacht und zum Großteil bezahlt. Die Entwicklung der sauberen Energietechnologien wurde früher und stärker vorangetrieben als anderswo auf dem Globus.

Mittlerweile sind Solaranlagen und Windräder in vielen Regionen der Welt bereits die günstigste Form der Stromerzeugung und die Entwicklung ist noch längst nicht am Ende angelangt. Atomkraftwerke und Kohlemeiler gehen vielfach nicht aus Klimaschutzgründen vom Netz, sondern weil erneuerbare Energien schlicht billiger sind.

Unflexible Großkraftwerke werden immer weniger gebraucht

Dieser Einstieg in die Zukunft hängt mit dem Ausstieg aus der Atomkraft zusammen. Ohne den Druck, saubere Energietechnologien entwickeln zu müssen, und ohne staatliche Förderungen wäre Deutschland heute nicht bei einem Anteil von 43 Prozent sauberem und sicherem Strom angekommen und wären die Erneuerbaren im Jahr 2021 nicht die konkurrenzfähige Alternative zur fossilen Energiewirtschaft, die wir alle im Kampf gegen die Klimakrise dringend benötigen.

Natürlich wäre auch ohne deutsches Zutun der Durchbruch der erneuerbaren Energien irgendwann erfolgt. Genauso sicher ist allerdings, dass ohne den Atomausstieg diese Technologien nicht auf dem heutigen Entwicklungsstand wären.

Porträtaufnahme von Sylvia Kotting-Uhl.
Foto: Stefan Kaminski

Sylvia Kotting-Uhl

ist seit 1989 Mitglied der Grünen, kam 2005 in den Bundestag, war umwelt- und atom­politische Sprecherin ihrer Fraktion und wurde unter anderem mit dem Gesetz zur Standort­suche für ein Atom­endlager bundesweit bekannt. Seit 2018 ist sie Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Natur­schutz und nukleare Sicherheit. Nach der Wahl schließt die gebürtige Karlsruherin mit dem Lebens­kapitel Bundestag ab.

Eine ganze Generation Wissenschaftlerinnen, Umweltaktivisten und Politikerinnen hat auch aus ihrer Ablehnung gegenüber der Atomkraft heraus die erneuerbaren Energien zu der wirkungsvollen Alternative werden lassen, auf die Deutschland und die Welt nun den Weg zur Klimaneutralität aufbauen.

Die Energiewende gibt es nicht trotz, sondern wegen des Atomausstiegs. Sich nun zum Zwecke des Klimaschutzes dieser alten Technologie wieder bedienen zu wollen, ist verkehrt. Den Ausstoß von Treibhausgasen senken können erneuerbare Energien besser und effizienter.

Anders als die Atomtechnologie hat sich zudem der Strommarkt stark weiterentwickelt. Wir bewegen uns weg von unflexiblen fossilen und atomaren Großkraftwerken, hin zu intelligent vernetzten Erneuerbaren-Kraftwerken und Speichersystemen. Wer die Lebenszeit von schwerfälligen Großkraftwerken künstlich verlängert, verstopft die Netze und verschleppt die Energiewende.

In den neuen flexiblen, dezentralen Strukturen können erneuerbare Energien und Speicher so aufeinander abgestimmt werden, dass sie zu jeder Zeit den Strombedarf decken. Wissenschaftliche Berechnungen hierfür gibt es zuhauf. Und an den Zahlen der Bundesnetzagentur kommt auch die Union nicht vorbei: Noch nie war die Versorgungssicherheit in Deutschland höher, und das bei über 60 Prozent Ökostrom etwa im ostdeutschen Netz.

Nun müssen wir den zweiten Schritt gehen und bis zum Ende des Jahrzehnts den Ausstieg aus der Kohle vollenden. Die passenden Technologien haben wir bereits, dank des Atomausstiegs.

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