Saudi-Arabien ist einer der führenden Erdöl- und Erdgas-Produzenten der Welt. Und so präsentiert das Land sich auf den UN-Klimagipfeln seit Jahren als eines der Haupt-Bremserländer.
Auch bei der laufenden Klimakonferenz COP 30 im brasilianischen Belém ist das nicht anders. Die saudische Delegation versucht, Formulierungen für Beschlüsse zu blockieren oder abzuschwächen, die auf einen klaren Ausstiegspfad für fossilen Brennstoffe ("phase-out of fossil fuels") hinauslaufen würden.
Umso bemerkenswerter ist der energiewirtschaftliche Kurs im Land selbst. Denn dort schreitet der Umbau des Stromsystems in erstaunlichem Tempo voran.
Laut dem Internationalen Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) hat Saudi-Arabien in der jüngsten Ausschreibungsrunde seines "National Renewable Energy Programme" eine Gesamt-Nennleistung von 4.500 Megawatt an Solar- und Windanlagen vergeben, in denen die weltweit niedrigsten Stromerzeugungskosten erzielt werden sollen.
So wird beim 1.500-Megawatt-Windpark Dawadimi mit 1,4 US-Cent pro Kilowattstunde kalkuliert und im 1.400-Megawatt-Solarkraftwerk Nadschran mit 1,1 Cent pro Kilowattstunde, wie IWR mitteilt. Die 4.500 Megawatt entsprechen rein rechnerisch der Leistung von drei großen Atomkraftwerken.
Ziel: 50 Prozent Ökostrom bis 2030
Im Beisein von Energieminister Abdulaziz bin Salman wurden unlängst insgesamt fünf neue Projekte offiziell vergeben.
Hinzu kam vergangene Woche ein sehr großes, 3.000 Megawatt umfassendes Windprojekt, das gemeinsam mit dem chinesischen Turbinenhersteller Goldwind umgesetzt wird. Dessen jährliche Stromproduktion wird auf über elf Milliarden Kilowattstunden geschätzt, was laut IWR eine CO2-Einsparung von rund neun Millionen Tonnen pro Jahr ermöglichen soll.
Die "Vision 2030" des Landes sieht im Energie-Teil vor, dass schon Ende des Jahrzehnts die Hälfte des saudischen Strombedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt wird, ergänzt durch hocheffiziente Gaskraftwerke. Das damit verbundene Erneuerbaren-Ausbauziel liegt bei 130.000 Megawatt installierter Kapazität.
Dabei sollen laut IWR jährlich etwa 20.000 Megawatt ausgeschrieben werden. Die aktuelle, sechste Vergaberunde hat die vertraglich gesicherte Leistung bereits auf über 43.000 Megawatt erhöht, von denen 12.300 bereits am Netz sind.
Für diese "grüne" Dynamik in Saudi-Arabien selbst gibt es mehrere Gründe. Die erneuerbaren Energien sollen die extreme Stromnachfrage zu günstigen Kosten in dem Land abfedern, dessen Energieverbrauch auch klimatisch bedingt immer weiter steigt.
Was nicht verbraucht wird, kann exportiert werden
Zugleich verfolgt Riad das Ziel, möglichst wenig Erdgas und Erdöl im Inland zu verbrennen, wo sie bisher das Rückgrat der Stromversorgung bilden. Jeder Solar- oder Windpark, der die heimische Elektrizitätsproduktion übernimmt, ermöglicht es dem Staat, mehr von den nach wie vor geförderten fossilen Energieträgern zu exportieren.
Die niedrigen Stromgestehungskosten in dem sonnen- und windreichen Land sorgen dafür, dass dieser Strukturwandel nicht als Belastung, sondern als wirtschaftliche Chance erscheint. Lokale Fertigungsinitiativen, etwa für Windturmsegmente, vertiefen gleichzeitig die industriepolitische Komponente und reduzieren die Abhängigkeit von Importen.
Diese nationale Dynamik steht jedoch im auffälligen Kontrast zur internationalen Klima- und Umweltpolitik des Landes. Während Saudi-Arabien im Innern im Rekordtempo Wind- und Solarenergie ausbaut, nutzt es den Konsenszwang der UN-Verhandlungsformate, um das fossile Geschäftsmodell abzusichern.
Erst kürzlich blockierte Saudi-Arabien ein UN-Plastikabkommen. Plastik ist ein Erdölprodukt.
Auch auf der Klimakonferenz in Belém zeigt das Land keinerlei Bereitschaft zum Nachgeben. So hat es etwa der kanadische Thinktank International Institute for Sustainable Development (IISD) auf dem Gipfel beobachtet.
Demnach hat die sogenannte Arabische Gruppe, zu der auch Saudi-Arabien gehört, "Formulierungen zum Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen abgelehnt und beklagt, diese verstießen gegen den 'Geist des Paris-Abkommens', das nationale Gegebenheiten anerkenne".

Saudi-Arabien holt das Barrel Öl für 12 USD aus dem Boden. Wenn sie es auf dem Weltmarkt für ca. 72 USD verkaufen, machen sie 60 USD Gewinn. Beim Fass E-Fuels oder dem Äquivalent in grünem Wasserstoff werden sie froh sein können, wenn 10 USD Gewinn hängen bleiben.
Und nun kann man sagen: Aber die sind ja auch von den Klimawandelfolgen betroffen. Ja, sind sie. Aber weniger schlimm als andere. Große Hitze? Es hat ohnehin jeder eine Klimaanlage. 5 Grad mehr machen keinen Unterschied. Wassermangel? Man setzt ohnehin massiv auf Meerwasserentsalzung. Und vor Wetterextremen wie massiven Stürmen ist Saudi-Arabien durch die Geografie geschützt. Die bekommt auf der arabischen Halbinsel in Form von Taifunen höchstens der Oman alle paar Jahre mal ab.
Aber wie der Artikel richtig vermerkt, ändern sich auch in Saudi-Arabien Dinge. Saudi-Arabien hat in der Vergangenheit 60% seines Strombedarfes mit der Verstromung von Öl gedeckt. Die Gestehungskosten für 1 kWh Ölstrom liegen da heute bei etwa 2,5 US-Cent, wovon anteilig 1,9 US-Cent auf die Kosten für das Öl entfallen. Bei PV und einzelnen Windkraftprojekten liegen die unter 1,5 US-Cent/kWh. Obwohl sie die weltweit niedrigsten Ölförderkosten haben, ist es selbst für die Saudis mittlerweile billiger, Ölstrom möglichst umfassend durch PV-Strom und Windstrom zu substituieren.
Und am Ende ist billig und bequem, die Saudis zu kritisieren. Es liegt an uns, die Transformation bei den Saudis anzuschieben. Je schneller wir hier Verkehr, Stromerzeugung, Heizen und Industrie weg von Öl und Gas transformiert bekommen, je schneller dadurch die Nachfrage nach saudischem Öl zusammen bricht, umso schneller wird sich Saudi-Arabien von Öl auf grünen Wasserstoff und E-Fuels umschwenken (z.B. für die Luftfahrt, nicht für den Straßenverkehr). China haben wir dabei im Boot. Nicht weil China oberster Klimaschützer werden will, sondern weil China energieautark werden will.
Dubai ist entgegen weit verbreiteter Annahmen auch nicht reich. Dubai ist gut 10 Jahre immer an der Pleite lang geschrammt und hat sich erst in den letzten Jahren finanziell erholt (u.a. als indirekter Profiteur des Ukraine-Krieges) aber Dubai hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber Saudi-Arabien: Das Öl ist schon lange alle und die Transformnation der Wirtschaft weg vom Öl hat Dubai bereits vollständig geschafft, währen Saudi-Arabien diesbezüglich noch ganz am Anfang steht. Die Saudis produzieren seit Jahren Haushaltsdefizite und müssen gerade viele ihrer Gigaprojekte bremsen oder ganz einstampfen, weil sie es nicht finanzieren können.
Ok, das "5 Grad mehr machen keinen Unterschied" ist vielleicht etwas zu pauschal, aber es macht keinen signifikanten Unterschied. In einigen Regionen erreichen die Saudis schon heute teilweise über 50 Grad im Sommer und küstennah an die 35 Grad Feuchtkugeltemperatur, ab der es für Menschen draußen lebensgefährlich wird. Niemand stirbt deswegen. Niemand will deswegen da wegziehen. Man wird durch den Klimawandel ein paar Wochen mehr primär drinnen verbringen.