"Grüne hätten RWE nicht nachgeben dürfen"

Hätten die vergangenen Bundesregierungen nicht die Ökoenergien behindert, wäre die Braunkohle schon heute überflüssig, sagt Hans-Josef Fell. Der Energieexperte und ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen über den Kohlekonflikt und die Klimaziele.


Luftaufnahme vom Tagebau Hambach im Rheinischen Braunkohlerevier, gleich daneben ein Windpark.
Die Spitzengrünen hätten dem Klimazerstörer RWE nicht nachgeben sollen, meint Hans-Josef Fell. (Foto: Alice Didszoleit/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Fell, was bedeutet die Räumung von Lützerath für die Grünen, deren führender Energieexperte Sie in Ihrer Zeit im Bundestag waren, und Ihr Verhältnis zur Klimabewegung?

Hans-Josef Fell: Wäre das starke Wachstum des Ökostroms, angestoßen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz von 2000, weitergelaufen, wären wir heute schon bei etwa 100 Prozent. Alle Braunkohlekraftwerke wären überflüssig, Lützerath müsste nicht abgebaggert werden.

Dass nun Grüne die Fehler von 16 Jahren Merkel-Regierungen ausbaden müssen, ist schwer zu ertragen. Vor allem auch die Grünen-Basis steht weiter fest zur Klimaschutzbewegung.

Die Grünen-Spitze hält den Kohleabbau unter Lützerath für notwendig, genauso wie der Energiekonzern RWE. Können Sie das nachvollziehen?

Nein. Untersuchungen zeigen, dass die Kohle unter Lützerath nicht gebraucht wird. Schon aus Solidarität mit der Klimabewegung hätten Grüne dem großen Klimazerstörer RWE nicht nachgeben sollen.

Fühlen Sie sich an die Anti-AKW-Bewegung erinnert, nur dass es diesmal nicht gegen die "Altparteien" geht, sondern gegen die Ökopartei?

Es ist ähnlich. Den Erhalt der Braunkohle stützen ja vor allem SPD, Union und FDP. Grüne können in Regierungsverantwortung nicht alle eigenen Ziele durchsetzen.

Die von Ihnen geleitete Energy Watch Group (EWG) hält einen kompletten Umstieg auf erneuerbaren Strom bis 2030 für möglich. Was würde das für die Braunkohle-Tagebaue bedeuten?

Wenn die Ampelkoalition endlich 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2030 als notwendig für das Pariser Zwei-Grad-Ziel anerkennen würde, gäbe es eine ganz andere Ausbaudynamik und die Braunkohle wäre wohl schon deutlich vor 2030 überflüssig. Leider findet auch im Wirtschaftsministerium keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der EWG-Studie statt.

Die Ampel-Bundesregierung tut nicht genug für den Ausbau der Ökoenergien?

Die Dezember-Beschlüsse dazu waren eine positive Kehrtwende gegenüber dem Rückwärtsgang unter 16 Jahren Merkel. Gleichwohl reichen sie bei Weitem noch nicht, um wenigstens die zwei Grad einzuhalten.

Hans-Josef Fell

ist Präsident der Energy Watch Group. Als langjähriger Bundestags­abgeordneter der Grünen war er Mitautor des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von 2000 und einer der wichtigsten Vorantreiber der Energie­wende in Deutschland und Europa.

Was wären die wichtigsten Schritte, die die Ampel jetzt gehen müsste?

Es muss endlich die Bürgerenergie in den Mittelpunkt gestellt und die überzogene Bürokratie reduziert werden. Es braucht die Abschaffung der Ausschreibungen für die Solar- und Windkraftanlagen zugunsten einer modernen, festen Einspeisevergütung sowie eine Kombikraftwerks-Vergütung.

Nötig ist ein Gesetz für Energy Sharing. Der Grünstrom braucht eine eigene Börse. Das Zwei-Prozent-Flächenziel für Windkraft müsste bis 2024 erreicht werden. Und Klimaschutz muss endlich Pflichtaufgabe für Kommunen werden.

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