Große Netzbetreiber befürworten Prosumer-Profil

Für Solarstrom-Erzeuger, die ab 2021 aus der EEG-Förderung fallen, schlägt der Thinktank Agora Energiewende besondere Lastprofile für kleinere Photovoltaik-Anlagen vor. An der Idee finden auch die vier großen Netzbetreiber Gefallen. 


Zweistöckiges kleines Haus mit Klinkerfassade, auf dem Dach Solarkollektoren für Strom und Wärme.
Standardisierte Lastprofile für solare Eigenversorger statt präziser Messung – für Agora Energiewende kann das zumindest eine Lösung bis 2032 sein. (Foto: Roy Wylam/​Shutterstock)

Im Referentenentwurf des Wirtschaftsministeriums zum EEG 2021 stehen sie nicht, auch nicht in dem Gesetzentwurf fürs neue EEG, den das Bundeskabinett kürzlich beschloss – dennoch wird Thorsten Lenck nicht müde, sogenannte Prosumer-Lastprofile für die Photovoltaik-Anlagen zu empfehlen, die ab Anfang 2021 aus der EEG-Förderung fallen.

Zuletzt plädierte der Experte vom Thinktank Agora Energiewende dafür Mitte September, als der Ökostromer EWS Schönau eine Studie zum "solaren Rollout" vorstellte.

Schon fast ein Dreivierteljahr zuvor, bei einer Anhörung der Grünen im Bundestag, hatte Lenck auf das Problem hingewiesen, dass die sogenannten Ü20-Anlagen ab 2021 allein auf die Strom-Marktpreise angewiesen sein könnten. Für Photovoltaik sei das besonders problematisch, weil diese Anlagen ihren Strom um die Mittagszeit ziemlich gleichzeitig einspeisen und so den Preis zusätzlich drücken. Ein Weiterbetrieb sei damit fraglich.

Im Entwurf des EEG 2021 wird das Problem weitgehend ignoriert. Damit droht ein Dilemma, das Agora Energiewende in einer Studie (Mitautor: Lenck) Anfang September auf den folgenden Punkt brachte: Entweder akzeptieren die Ü20-Eigner sehr niedrige Vermarktungserlöse für ihren Strom, die "gerade so" die Versicherungs- und Wartungskosten decken. Oder die Leute rüsten ihre Anlage so um, dass sie den Solarstrom auch selbst verbrauchen.

Im zweiten Fall verlangt das EEG 2021 aber die Anschaffung eines Smart Meters. Das soll dann genau messen, welche Kilowatt selbst verbraucht und welche ins Netz geliefert werden. Allerdings machen die Kosten für die Messtechnik die kleineren Anlagen unwirtschaftlich, warnt der Thinktank in der Studie ziemlich eindringlich.

Prosumer-Profile als Übergangslösung bis 2032

Als Ausweg schlägt Agora Energiewende vor, auf teure Messtechnik zu verzichten und ein eigenes Prosumer-Lastprofil einzuführen. Dieses würde, vereinfacht gesagt, pauschal berücksichtigen, wie viel des erzeugten Stroms selbst verbraucht wird (neudeutsch: Prosuming).

Das Prosumer-Profil würde quasi eine Art "natürlichen" Eigenverbrauch umfassen nach dem physikalischen Prinzip, dass stromnutzende Geräte ihre Energie immer vom nächstgelegenen Erzeuger, also hier vom sehr nahen Solardach, beziehen. Laut Expertenschätzung deckt ein Solarhaushalt damit ganz automatisch im Schnitt etwa ein Viertel seines Strombedarfs selbst.

Um mehr soll es bei diesen Lastprofilen nicht gehen. Bei der Präsentation der EWS-Studie betonte Lenck ausdrücklich, die speziellen Lastprofile seien nur für Anlagen gedacht, die eben nicht auf Eigenversorgung optimiert sind und vor allem auch keinen Stromspeicher einsetzen.

Ohnehin sind die angedachten Prosumer-Lastprofile aus seiner Sicht nur als Übergangslösung vorgesehen. Denn spätestens 2032 sollen alle größeren wie kleineren Stromerzeuger gesetzlich vorgeschrieben mit Smart Metern ausgestattet sein.

Große Netzbetreiber wollen bessere Messung

Recht unerwartete Unterstützung erhält der Agora-Vorschlag jetzt von den vier großen Netzbetreibern. "Prinzipiell erscheinen Prosumer-Lastprofile möglich", teilte auf Anfrage ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz mit, und das namens aller vier großen Netzbetreiber, zu denen noch Amprion, Tennet und Transnet BW gehören.

Weil es am Ende um nur geringe Strommengen geht, rechnen die vier großen Betreiber nicht damit, dass die Einführung von Prosumer-Lastprofilen zu "signifikant höheren Regelenergieabrufen" führen wird, so der Sprecher. Auch drohen aus Sicht der Vier keine steigende Netzentgelte. "Davon ist bei den zu erwartenden Fehlmengen nicht auszugehen", erklärte der Sprecher.

Zwar sähen die vier großen Netzbetreiber eine Einbindung der Ü20-Anlagen in die Direktvermarktung als Mittel der Wahl an – sie stünden aber auch "allen Lösungsvorschlägen offen gegenüber, die einen reibungslosen Weiterbetrieb der Anlagen ermöglichen und mit vertretbarem administrativem Aufwand verbunden sind".

Mit Weiterbetrieb der meisten Ü20-Anlagen wird gerechnet

Die Solarstrom-Kapazitäten, für die ab 2021 keine EEG-Föderung mehr gezahlt wird, sind tatsächlich zunächst gering. Im Netzgebiet von 50 Hertz, das vor allem die neuen Länder umfasst, verlieren laut den Angaben zehn Megawatt Photovoltaik ihren EEG-Zuschuss. Bei Amprion (westliches und südliches Deutschland) sind es knapp 24 Megawatt (etwa 6.000 Anlagen), bei Transnet BW im Süden 11,5 Megawatt (2.500 Anlagen) und beim größten Netzbetreiber Tennet (Nord- und Süddeutschland) rund 79 Megawatt (19.000 Anlagen).

Fast unisono heißt es bei den vier Großen, so gut wie alle oder der überwiegende Teil der Ü20-Solaranlagen ließen sich aus heutiger Sicht weiter betreiben.

Für ein spezielles Prosumer-Lastprofil erwarten die vier Übertragungsnetzbetreiber laut dem Sprecher vor allem, dass die Stromeinspeisung exakter als bisher vorausgesagt wird. So werden bei den Prognosen etwa die unterschiedlichen Einspeisewerte nach dem Sonnenstand oder der Wolken-Abdeckung berücksichtigt oder auch die Größe der Photovoltaikanlage sowie des Haushalts.

Agora-Experte Thorsten Lenck begrüßt seinerseits die generelle Zustimmung der vier großen Übertragungsnetzbetreiber als "erfreuliches Signal". Noch wichtiger für eine Einführung der Prosumer-Lastprofile sei jedoch, dass diese auch von den mehreren hundert regionalen Verteilnetzbetreibern unterstützt werden.

Lenck befürwortet auch das Anliegen der großen Netzbetreiber, die Schwankungen von Stromerzeugung und -verbrauch bei Prosumern genauer zu prognostizieren und so den Bedarf an Regelenergie zu senken. "Damit auch die neue Flexibilität durch Heimspeicher, Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen gut in das System eingebunden werden kann und der Energiewende nutzt, braucht es eine vernünftige Messung an der Schnittstelle zum Stromnetz", betont er.

Es sei kein Geheimnis, so Lenck weiter, dass viele Netzbetreiber noch immer mit veralteten Voraussagen arbeiteten. Das habe die Stabilität des Stromsystems bisher nicht infrage gestellt und das werde auch bei einer steigenden Zahl von Photovoltaikanlagen, die mittels eines speziellen Standardprofils einspeisen, nicht eintreten.

Parallel zu der Entwicklung von Prosumer-Lastprofilen sollten nach Ansicht des Experten aber auch die veralteten Standardlastprofile der "normalen" Haushalte aktualisiert werden.

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