Matthias Willenbacher. (Bild: Wiwin)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Matthias Willenbacher, Gründer der Plattform für nachhaltiges Investieren Wiwin.

Klimareporter°: Herr Willenbacher, laut dem neuen Report zum globalen CO2-Budget wachsen die erneuerbaren Energien zwar weltweit schnell, der Energiebedarf wächst aber schneller und die "Lücke" wird durch ebenfalls wachsende fossile Verbrennung gedeckt. Im Ergebnis steigen die CO2-Emissionen weiter. Wie kommen wir da heraus?

Matthias Willenbacher: Diese vermeintlich vertrackte Lage ist in Wahrheit bereits dabei, sich aufzulösen. Und das viel schneller, als viele glauben.

Die globalen Daten zeigen eindeutig, dass die Erneuerbaren schneller wachsen als der Strombedarf. Laut den neuesten Zahlen stieg die weltweite Stromnachfrage im ersten Halbjahr 2025 um 369 Milliarden Kilowattstunden, während Solar- und Windenergie zusammen 403 Milliarden Kilowattstunden zusätzlich ins Netz brachten. Die erneuerbaren Energien überholen die Kohle in der Stromproduktion.

Wir sehen also genau das, was nötig ist, um die CO2-Emissionen endlich zu senken: Erneuerbare Energien decken schon heute den zusätzlichen Bedarf. Auch in Europa und Deutschland findet eine Verschiebung statt. Im Oktober hat Deutschland trotz aller politischen Hürden bereits einen Erneuerbaren-Anteil von 62 Prozent erreicht.

Je schneller wir den Ausbau vorantreiben, desto stärker sinken die Kosten und desto eher erreichen wir den Punkt, an dem erneuerbare Energien nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch unschlagbar sind.

Wenn Solar- und Windkraft ihren exponentiellen Wachstumspfad fortsetzen – und die Zahlen sprechen dafür –, werden sie nicht nur den steigenden Energiebedarf decken, sondern fossil erzeugten Strom auch vollständig ersetzen. Wir müssen lediglich den bereits funktionierenden Weg radikal konsequent weitergehen. 

Australien nutzt mit dem "Solar Sharer"-Programm künftig mittägliche Photovoltaik-Überschüsse, um den Haushalten – auch ohne eigene Dachanlage – drei Stunden kostenlosen Solarstrom zu schenken. Ist das gut für die Akzeptanz der Energiewende oder einfach nur Verschwendung?

Das Programm ist ein starkes Signal und trägt eindeutig zu mehr Akzeptanz der Energiewende bei. Solarstrom wird immer günstiger, und wenn der Verbrauch gezielt in die Mittagsstunden gelenkt wird, lassen sich Angebot und Nachfrage deutlich besser zusammenbringen.

Genau das macht Australien vor: Statt überschüssige Solarenergie abzuregeln, wird sie für drei Stunden kostenlos an alle Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben.

Damit ein solcher Ansatz auch in Deutschland funktioniert, brauchen wir endlich die passenden Rahmenbedingungen. Ein zügiger Smart-Meter-Rollout, flexible Stromtarife und zeitvariable Netzentgelte würden automatisch dafür sorgen, dass sich der Verbrauch in jene Stunden verschiebt, in denen erneuerbarer Strom reichlich und preiswert verfügbar ist. Wer dann mittags wäscht, lädt oder produziert, profitiert unmittelbar.

Wenn Menschen direkt erleben, dass die Energiewende ihnen ganz konkret Vorteile bringt, also kostenlosen oder besonders günstigen Solarstrom, dann entsteht Vertrauen. Je mehr günstiger Solarstrom am Markt ist, desto sinnvoller ist es, den Konsum dorthin zu lenken, und desto mehr Menschen profitieren unmittelbar.

Über Jahrzehnte galt der Emissionshandel als das marktwirtschaftliche und liberale Instrument, um gerade die Industrie auf sanfte und effiziente Weise zu dekarbonisieren. Neuerdings beklagen aber energieintensive Zweige wie die Chemie über untragbare Lasten aus dem Emissionshandel und fordern dessen Aussetzung, wenn nicht gar Abschaffung. Was ist da passiert und wie kann der Konflikt gelöst werden?

Klima- und Umweltschutz haben traditionell die schwächste Lobby, deshalb überrascht es mich nicht, dass ausgerechnet besonders CO2-intensive Industrien jetzt den Emissionshandel aussetzen oder abschaffen wollen. Dort versucht man immer wieder, den regulatorischen Hebel zu lockern und Verantwortung abzuwehren.

Doch wir lösen das Problem nicht, indem wir die Regeln aufweichen. Deshalb braucht es eine starke Gegenlobby für Mensch und Umwelt, also gesellschaftliche und politische Stimmen, die konsequent einfordern, dass Klimaschutz nicht verhandelbar ist.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Für mich war die Entscheidung des Bundestages, Großbatteriespeicher baurechtlich zu privilegieren, ganz klar die Überraschung der Woche. Endlich wird anerkannt, dass Großspeicher keine Randtechnologie mehr sind, sondern eine wichtige Säule in einem modernen, flexiblen Energiesystem.

Ich sehe es so wie Ursula Heinen-Esser, die neue Präsidentin des Erneuerbaren-Verbandes BEE, die große Batteriespeicher als Rückgrat eines solchen Systems bezeichnet. Sie ermöglichen die optimale Integration fluktuierender erneuerbarer Energien.

Viele unterschätzen, wie schnell sich unser Energiesystem tatsächlich wandelt. Die Netzbetreiber haben längst Zusagen für Speicherkapazitäten in einer Größenordnung gemacht, die bisherige Zukunftsprognosen deutlich übertrifft: insgesamt mehr als 75.000 Megawatt.

Solche Größenordnungen tauchen in vielen langfristigen Energieszenarien frühestens zur Mitte des Jahrhunderts auf, nicht aber für das kommende Jahrzehnt. Selbst wenn nicht alle Projekte umgesetzt werden: Die "Pipeline" wächst, und die Kosten von Batterien sinken weiter.

Gleichzeitig sehe ich die rechtliche Gleichstellung von Kleinspeichern und Autobatterien als ebenso bedeutende Entwicklung. Fahrzeugbatterien werden beispielsweise zunehmend als mobile Speicher genutzt, die perspektivisch aktiv ins Energiesystem eingebunden werden können.

Und mit dem wachsenden Markt für Second-Life-Batterien aus E‑Autos entsteht zusätzlich ein enormes Potenzial für kostengünstige stationäre Speicher. Damit wächst ein Energiesystem mit großen und kleinen Speichern zusammen.

 

Dass diese Dynamik jetzt so schnell Fahrt aufnimmt, hätte ich vor wenigen Monaten nicht erwartet. Umso erfreulicher ist sie, denn mit starken Speichern wird die Energiewende gelingen. 

Ich gehe eine Wette ein: In zehn Jahren werden Batteriespeicher die gesamte Residuallast abdecken können – also genau jene Lücke schließen, die entsteht, wenn Sonne, Wind und Bioenergie einmal nicht ausreichen.

Zum Schluss noch eine Frage an Wirtschaftsministerin Katherina Reiche: Warum wurden die geplanten 10.000 Megawatt Reservekapazität nicht technologieoffen ausgeschrieben? Viele Experten kritisieren die einseitige Ausrichtung auf Gaskraftwerke und können diese nahezu planwirtschaftliche Festlegung nicht nachvollziehen.

Fragen: Jörg Staude