Klimareporter°: Frau Kemfert, Bundeskanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche haben sich jüngst klar zum Ziel Klimaneutralität bis 2045 bekannt. Sind Sie zufrieden damit? Es bleiben ja nur noch 20 Jahre für den Umbau.

Claudia Kemfert: Das Ziel ist richtig und längst überfällig. Entscheidend ist aber nicht die Ansage, sondern die Umsetzung. Die nächsten zehn Jahre sind die Schicksalsjahre: Wenn wir jetzt beim Ausbau der Erneuerbaren, von Netzen, Speichern und Effizienz nicht entscheidend zulegen, dann wird das 2045-Ziel unerreichbar – egal, welche Zielmarke die Politik setzt.

 

Reiche hat in dieser Woche einen Zehn-Punkte-Plan für die Energiewende vorgelegt, die sie "am Scheideweg" sieht. Führt er in die richtige Richtung?

Der Plan enthält einige richtige Elemente, etwa die stärkere Integration der erneuerbaren Energien in das Gesamtsystem, Digitalisierung und mehr Flexibilitäten in der Stromnutzung. Aber er setzt gleichzeitig zu stark auf Erdgas und die CO2-Speichertechnik CCS. Erdgas ist keine Brücke, sondern eine Sackgasse. Statt fossile Kraftwerke mit neuen Subventionsmechanismen zu sichern, sollten wir Speicher und Flexibilitäten fördern.

Der Ausbau von Wind- und Solarenergie ist das Herzstück der Energiewende, weil Ökostrom auch für E‑Autos und Wärmepumpen-Heizungen gebraucht wird. Reicht das Tempo, das die Regierung nun vorgibt, um die Klimaziele wirklich zu erreichen?

Nein. Die Ausbauziele sind auf dem Papier ehrgeizig, in der Realität aber zu langsam. Windkraft an Land kommt zu schleppend voran, beim Offshore-Ausbau drohen Verzögerungen, und bei der Photovoltaik ist die Politik sogar dabei, Investitionssicherheit zu schwächen. Wenn wir die Klimaziele ernst nehmen, brauchen wir einen echten Beschleunigungspakt: schnellere Genehmigungen, mehr Flächen und klare Vorrangregeln

Foto: Oliver Betke

Claudia Kemfert

leitet die Energie­abteilung am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW). Sie ist Professorin für Energie­wirtschaft und Energie­politik an der Universität Lüneburg, außerdem Vize-Vorsitzende des Sach­verständigen­rats für Umwelt­fragen der Bundes­regierung und Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

Reiche will die Einspeisevergütung für neue Solaranlagen abschaffen. Müssten diese Anlagen sich nicht inzwischen dank gesunkenen Kosten auch ohne Förderung rechnen?

Nein. Gerade für private Haushalte und kleine Akteure ist die feste Vergütung ein zentraler Sicherheitsanker. Bürgerenergie ist das Rückgrat der Energiewende, sie sorgt für Teilhabe und Akzeptanz. Wer hier den Rotstift ansetzt, schwächt genau das Fundament, auf dem die Energiewende steht.

Was müsste stattdessen geschehen?

Wir müssen Solar- und Windenergie Vorrang geben, nicht Gas. Genehmigungsverfahren müssen radikal vereinfacht, die Bürgerenergie muss stärker gefördert und die Digitalisierung in allen Bereichen forciert werden. Dazu brauchen wir systemisch gedachte Flexibilität: Stromspeicher, steuerbare Lasten, Digitalisierung. Nur so schaffen wir ein stabiles, kosteneffizientes Energiesystem.

Die Netzinfrastruktur hinkt seit Jahren hinterher. Den Erneuerbaren-Ausbau ohne Rücksicht darauf zu pushen, ergibt doch wirklich keinen Sinn. Da hat Reiche einen Punkt, oder?

Netze sind wichtig, aber sie sind kein unüberwindbarer Engpass. Wenn wir Flexibilität, Speicher und Lastmanagement konsequent ausbauen, können die Erneuerbaren auch dann wachsen, wenn Leitungen noch nicht überall fertig sind. Wir benötigen intelligente Lösungen, dann wird das Gesamtsystem robuster und kosteneffizienter.

Die Industrie fordert bezahlbare Energie, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Tut die Regierung da genug?

Noch nicht. Dauerhaft günstige Energie gibt es nur mit Erneuerbaren. Wer auf Gas setzt, riskiert Preisexplosionen und Importabhängigkeit. Die Politik muss für Unternehmen Planungssicherheit schaffen: stabile Rahmenbedingungen, CO2-Bepreisung mit Klimageld, Investitionshilfen für Effizienz und Elektrifizierung.

Rohre für eine Erdgasleitung liegen an der vorbereiteten Trasse, auf dem Feld daneben werden Windräder fertiggestellt.
Die Energiewende braucht ein auf Windkraft und Photovoltaik zugeschnittenes Energiesystem – neue Erdgas-Anlagen gehören nicht dazu. (Bild: OGE)

Und wie steht es um die Energiepreise für Haushalte? Gibt es hier genügend Entlastung?

Nein. Viele Haushalte fühlen sich überlastet. Die aktuelle Stromsteuerentlastung nützt vor allem der Industrie, während kleine Einkommen kaum profitieren – das ist sozial ungerecht.

Wir brauchen eine faire Finanzierung der Energiewende: gezielte Unterstützung für Haushalte mit niedrigen Einkommen, Förderung für Wärmepumpen und Solaranlagen sowie eine Senkung der Netzentgelte. Wer die Akzeptanz sichern will, muss die Energiewende auch als Gerechtigkeitsprojekt verstehen.

Deutschland hängt gerade bei der Verkehrs- und Wärmewende zurück. Was müsste hier geschehen? Zeichnet sich ein Push durch die Bundesregierung ab?

Wir brauchen endlich echte Maßnahmen. Im Verkehr heißt das: Tempolimit, Abbau fossiler Subventionen, konsequenter Hochlauf bei Elektromobilität. Bei der Wärme: Sanierungsprogramme, Wärmepumpen, Ausbau erneuerbarer Nahwärme. Leider sehe ich hier bisher viel Ankündigung, aber zu wenig Tatkraft.

Die Zustimmung in der Bevölkerung zur Energiewende ist nach wie vor recht hoch, doch die Zweifel wachsen. Manche sprechen schon von einer "Energiewende-Müdigkeit". Und die AfD als Anti-Energiewende-Partei hat enormen Zulauf. Wie konnte es so weit kommen – und macht die Regierung genug, um die Menschen zurückzugewinnen?

Die Müdigkeit entsteht, weil vor allem über die Kosten und zu wenig über die Vorteile gesprochen wird. Dabei sind die Nutzeffekte riesig: regionale Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Unabhängigkeit von fossilen Importen. Was die Leute brauchen, ist Teilhabe: Bürgerenergie, faire Kostenverteilung, Beteiligung an den Entscheidungen. Das bringt Vertrauen und Zuspruch.

 

Wenn Sie eine einzige Maßnahme sofort umsetzen könnten – welche wäre das?

Eine sofortige Offensive auf Bundesebene für Speicher und Flexibilität. Damit können Erneuerbare schneller wachsen, ohne dass Netze zum Flaschenhals werden. Kombiniert mit einem Vorranggesetz für Wind und Solar, das Genehmigungen radikal beschleunigt und Investitionssicherheit gibt. Das sind zentrale Hebel, die Versorgungssicherheit, Preisstabilität und Klimaschutz zugleich garantieren.