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"Eine Uni kann ihren Strom selbst produzieren"

Studierende der TU Berlin haben in Eigeninitiative eine große Solarstromanlage auf das Dach der Uni-Bibliothek gesetzt. Andrea Ruiz, Nils Becker und Ricardo Reibsch vom Verein Solar Powers erklären, wie es dazu kam, warum Solarenergie für Städte die Zukunft ist und wieso es trotzdem so wenige Solardächer gibt.


Einige Studierende lassen sich vor einem Gebäude aufgestellte Solarmodule erklären.
In einem Studienreformprojekt geben die Solar-Pioniere an der Technischen Universität Berlin jetzt ihr Wissen weiter. (Foto: Solar Powers)

Klimareporter°: Wie kommen Studierende auf die Idee, an ihrer Uni so ein großes Solarprojekt zu starten?

Andrea Ruiz: An der TU Berlin gibt es das Energieseminar, eine studentisch-selbstorganisierte Lehrveranstaltung. Eins der Projekte war dort vor drei Jahren eine Machbarkeitsstudie für die TU, welche Dächer für Photovoltaik genutzt werden könnten, welche Potenziale es gibt.

Im folgenden Semester hat unsere Gruppe sich dann eine Dachfläche ausgesucht und dort eine Solaranlage projektiert. Dabei merkten wir: Das Potenzial ist da und Gelder kann man auch irgendwie bekommen. Wir hatten auch schon erste Gespräche mit Unternehmen und die Unterstützung vom TU-Präsidium.

Ein Vorschlag war, dazu einen gemeinnützigen Verein zu gründen, falls die Umsetzung möglich ist. Da haben wir gesagt: Wenn sich genug Leute finden, die ehrenamtlich so eine Anlage bauen wollen, dann machen wir es.

Woher kam die Motivation, das alles ehrenamtlich zu machen?

Nils Becker: Ursprünglich war unser Ziel, dass die TU die Photovoltaik-Anlage selbst baut. Irgendwann aber war klar, dass die Uni das nicht machen wird. Ein gemeinnütziger Verein bietet viele Möglichkeiten, zum Beispiel die, ohne ein Gewerbe anzumelden relativ reibungslos so eine Anlage zu betreiben. Uns passte das auch von der Grundmentalität her, weil wir gerne etwas ehrenamtlich machen wollten.

Dazu kommen der soziale und der Bildungsaspekt: Es geht nicht darum, dass man einfach Solarstrom verkauft und das Geld auf sein Konto schiebt. Wir betrachten das Projekt nicht als großes Investment, nach dem Motto: Wir nehmen das Geld aus der Anlage und haben dann vielleicht Rücklagen und können mit Eigenkapital einen Kredit aufnehmen und noch eine Anlage bauen. Das war uns salopp gesagt zu kapitalistisch.

Es war uns wichtig, das Geld zurück an die TU zu geben oder an andere Bildungsprojekte, die unterstützenswert sind. Vor allem ging es darum, der TU zu zeigen, dass der Betrieb solch einer Anlage funktioniert.

Ruiz: Der Grundgedanke war: Wenn es nicht von der Uni selbst kommt, dann müssen wir das anstoßen und den Ausbau der Solarenergie an der TU vorantreiben, damit sie irgendwann versteht, dass sich die Anlagen rentieren und der Betrieb pflegeleicht ist.

Am Anfang gab es also Probleme mit der TU-Leitung – später hat sie das Projekt aber unterstützt. Wie sah das aus?

Becker: Die TU ist durchaus pluralistisch zu betrachten. Die Machbarkeitsstudie aus dem ersten Seminar haben wir dem Präsidenten und der Bauabteilung der TU vorgestellt. Bevor jemand etwas sagen konnte, war der Präsident mit im Boot. "Ich hab da Bock drauf" waren seine Worte. Damit hat er eine wichtige Weiche gestellt.

Dadurch ist auch relativ schnell der Weg frei geworden, dass die Bauabteilung uns das Bibliotheksdach zugesichert hat. Allerdings ist das eine Abteilung, die nicht gerade überbesetzt ist und sich deshalb schwertut, weitere Aufgaben übernehmen zu müssen. Insofern verstehe ich, dass diese Abteilung dann auf der Bremse stand und es über ein Jahr dauerte, bis wir den Pachtvertrag mit der TU hatten, und nochmal zwei Jahre, bis wir bauen konnten.

Ricardo Reibsch, Andrea Ruiz und Nils Bäcker (von links) vom Berliner Verein Solar Powers.
Ricardo Reibsch, Andrea Ruiz Lopez und Nils Becker (von links) studieren und forschen am Hermann-Rietschel-Institut für Gebäude-Energie-Systeme der TU Berlin und haben den Verein Solar Powers mitgegründet. (Foto: Alena Schmidbauer)

Wie viele Mitglieder hat der Verein, zwanzig?

Ruiz: Nein, beim Solar Powers e. V. sind wir momentan zu zehnt.

Die Zehn haben das Projekt allein gestemmt?

Ruiz: Im Prinzip ja, aber es gab mehrere Phasen. Im Energieseminar waren wir schon etwa 20 Leute, da wurde auch viel vorbereitet. Aktiv waren dann nur noch zehn.

Für die konkrete Bauplanung und Installation der Anlage hatten wir auch Unterstützung vom KanTe, vom "Kollektiv für angepasste Technik" in Berlin-Kreuzberg. Die haben die Bauanleitung gemacht und uns gezeigt, wie man die Anlage installiert. Die Mounting Systems GmbH in Schöneberg hat uns die Unterkonstruktion gespendet und uns bei der Auslegung geholfen.

Becker: Als es Richtung Bau ging, hat es mit KanTe, Mounting Systems und der Bauabteilung sehr gut funktioniert. Wir durften dann auch, was nicht selbstverständlich ist, mit der Unterstützung von vielen Studierenden selbst bauen, selber aufs Dach gehen und die Materialien tragen. Bei der HTW, der Hochschule für Technik und Wirtschaft, gibt es ein ähnliches Projekt, da durfte nur ein Solarunternehmen bauen.

Kann die TU-Bibliothek ihren Strom ganz aus der einen Solaranlage beziehen?

Ricardo Reibsch: Die Bibliothek verbraucht deutlich mehr Strom, als die Solaranlage liefert. Meist wird der gesamte Strom der Anlage direkt in der Bibliothek verbraucht. Wahrscheinlich werden wir also nichts ins öffentliche Stromnetz einspeisen.

"Sonne fördert Bildung" ist das Motto von Solar Powers. Mit dem Gewinn aus dem Strom-Verkauf an die TU Berlin sollen Bildungsprojekte gefördert werden. Welche zum Beispiel?

Ruiz: Wir wollen nicht nur Bildungsprojekte fördern, sondern auch Projekte, die sich mit erneuerbaren Energien oder Klimaschutz auseinandersetzen. Unsere Anlage ist seit zwei Jahren in Betrieb und im ersten Jahr mussten wir erst Geld zur Seite legen, um einen Puffer zu haben, falls der Wechselrichter Probleme macht oder irgendwas ausgetauscht werden muss. Diesen Sommer ist zum Beispiel eine Sicherung aufgrund der Hitze durchgebrannt.

Deshalb haben wir bisher noch keine konkreten Projekte unterstützt, bis auf das Klimacamp im Rheinland im vergangenen Sommer. Wenn wir aber bekannter werden an der Uni, ist die Idee, dass Initiativen und Projekte bei uns Förderanträge stellen können.

Momentan nutzt Solar Powers nur einen kleinen Teil der gesamten TU-Dachfläche. Ist geplant, weitere Anlagen zu bauen?

Ruiz: In der Lehrveranstaltung haben wir mehrere Dachflächen projektiert. Theoretisch könnte man sich nun mit der Umsetzung beschäftigen.

Beispielhaftes Solarprojekt

Das studentische Projekt Solar Powers aus Berlin erhielt im letzten Jahr den Deutschen Solarpreis und wurde zum Bürgerenergieprojekt 2018 gekürt. Seit zwei Jahren betreibt der Verein an der TU Berlin eine durch Spenden finanzierte Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der Universitätsbibliothek in der Fasanenstraße. Den erzeugten Strom verkauft Solar Powers an die TU, um mit den Einnahmen Bildungsprojekte zu fördern.

Reibsch: In der Studie haben wir damals auch untersucht, wie viel Photovoltaik man überhaupt installieren könnte, und kamen auf ein Potenzial von vier Megawatt. Unsere Anlage hat jetzt 30 Kilowatt, das heißt, theoretisch könnte man noch viele solche Anlagen bauen.

Wir haben gezeigt: Solarenergie funktioniert auf einem Dach der TU. Das könnte nun ein Anreiz für die Uni sein, weitere Anlagen zu bauen und zu betreiben. Auch sie hat das Know-how, sie kann die finanziellen Mittel bereitstellen, ihr gehören die Dächer – also würde es auch naheliegen, wenn die TU sagt: Wir machen den Schritt und bauen selber.

Becker: Zumal das für sie billiger wäre, wenn man die Kosten für die Anlage und die Gebühren in unserem Betriebsmodell zugrunde legt. Für den Strom bekommen wir von der Universität 16 Cent pro Kilowattstunde, ziemlich genau das, was auch Vattenfall als jetziger Lieferant bekommt.

Wenn die TU solche Anlagen selbst betreiben würde, wären die Gebühren, vor allem die EEG-Umlage, um 40 Prozent geringer. Die Uni könnte dann drei bis vier Cent pro Kilowattstunde sparen.

Wenn es keine finanziellen Gründe sind, warum dauert dann der Umstieg so lange?

Ruiz: Finanzielle Gründe gibt es sicherlich schon. Es ist nicht so, dass die TU Geld einfach übrig hat. Es müsste auch eine Stelle geschaffen werden, die sich darum kümmert. Außerdem hat die TU einen Vertrag mit Vattenfall. Eigentlich muss Vattenfall der einzige Energieversorger sein. Auch deswegen wäre es schwierig, wenn wir noch andere Anlagen bauen.

Becker: Dazu kommt, dass die betreffende Abteilung eben unterbesetzt ist und der Zuständige bald in Rente geht. Da ist es durchaus verständlich, wenn man das nicht den Nachfolgern überlassen will, von denen man nicht weiß, wer und wie viele es sein werden.

Schräg montierte Solarpaneele auf dem Flachdach der Berliner TU-Bibliothek.
Die Photovoltaikanlage auf dem Dach der Berliner TU-Bibliothek – von Studierenden geplant und gebaut. (Foto: Solar Powers)

Zwar ist die Solaranlage wahrscheinlich die wartungsärmste Erneuerbare-Energien-Einrichtung, die es gibt, doch wenn die Uni schon nicht weiß, wie man damit hinterherkommen soll, die Energieanlagen auf dem Campus – nicht nur für Strom, auch für Wärme und Kälteerzeugung – einigermaßen zu überwachen, ist es nachvollziehbar, dass sie die Finger davonlässt. Dann wird halt lieber an einen Verein outgesourct in der Hoffnung, weniger Arbeit zu haben.

Was sind die Gründe für die allgemeine Stagnation bei der Photovoltaik? Ist der Ertrag zu gering? Fehlt es den Menschen an Informationen?

Ruiz: Die Einspeisevergütung wird immer weiter reduziert. Betreiber bekommen immer weniger Geld pro eingespeister Kilowattstunde. Durch das neue Energiesammelgesetz sollen die Vergütungen jetzt nochmal um elf Prozent bis zum 1. April gekürzt werden.

Becker: Es wird politisch nicht vorgelebt, dass die Energiewende sinnvoll ist. In Deutschland, das sich ja mal als Erneuerbare-Energien-Musterland verstand, werden keine Anreize mehr gesetzt, dort zu investieren. So kommt es, dass wir nicht einmal die eigenen Ausbauziele erreichen. 2018 hat Deutschland zwar nochmal das Ziel von 2.500 Megawatt Photovoltaik-Zubau erreicht, aber vorher war das seit 2014 nicht mehr der Fall.

Seit etwa einem Jahr wird über den Klimawandel in den Medien viel stärker diskutiert als in früheren Jahren. Könnte Solarstrom dadurch bald wieder mehr gefragt sein?

Ruiz: Das ist unsere Hoffnung. Es scheint, dass sich immer mehr Leute mit Klima und Energie beschäftigen, gerade durch die Aufstände im Hambacher Forst. Viele haben realisiert, dass der Klimawandel definitiv da ist. Jetzt sollten wir uns fragen: Was wollen wir tun? Wie kann man die Ziele der Regierung vorantreiben?

Becker: Ein Problem ist: Die Politik macht den Solar-Ausbau nur für Leute interessant, die ein Eigenheim besitzen. Das führt dazu, dass wir in der Stadt kaum ausbauen. Wer sich eine kleine Anlage aufs eigene Dach baut und den Strom selbst verbraucht, hat Kosten von zehn bis zwölf Cent pro Kilowattstunde für den eigenproduzierten Strom. Das ist um einiges günstiger als die 30 Cent für den Strom aus dem Netz.

Doch in der Stadt besitzt so gut wie niemand das Haus, in dem er wohnt, und Mieterstrommodelle, die den Ausbau von Solaranlagen auf Mehrfamilienhäusern fördern sollen, sind durch das Energiesammelgesetz, das im Dezember beschlossen wurde, wahrscheinlich erst mal chancenlos. Die waren vorher schon schwierig zu kalkulieren und es wird jetzt noch schwerer werden.

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