"Ein Schlag in die Magengrube"

Bei dem Lied "Wind of Change" kann Deutschland angesichts der aktuellen Zahlen zur Windenergie nicht mehr mitsingen. Der Neubau von ganzen 35 Anlagen im ersten Halbjahr 2019 ist der schlechteste Wert seit zwanzig Jahren.


Zwei Windräder stehen auf freiem Feld, am Himmel dunkle Wolken, knapp hinter dem Horizont ein Gehöft.
Die Windkraft ist das "Arbeitspferd" der Energiewende. Doch in Deutschland bricht der Ausbau gerade ein. (Foto: Free-Photos/​Pixabay)

Bisher schmückte sich die Bundesregierung mit dem wachsenden Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch. Doch die Zahlen der Windkraft-Branche zeigen eine andere Realität. Für Matthias Zelinger, Chef des Anlagenbauer-Verbandes VDMA Power Systems, sind sie ein "Schlag in die Magengrube" der Energiewende.

Wie tief der Schlag die Branche trifft, zeigen die Halbjahreszahlen zum Windenergieausbau an Land, die der VDMA zusammen mit dem Windkraft-Verband BWE am Donnerstag in Berlin vorlegte.

Von Januar bis Ende Juni dieses Jahres wurden danach nur 86 Windkraftanlagen oder 287 Megawatt neu installiert. Das sind noch einmal 80 Prozent weniger Windräder als im ohnehin schwachen Vorjahreszentrum. Wird der Rückbau alter Anlagen eingerechnet, legte die Windenergie sogar nur um 35 Anlagen oder 231 Megawatt zu.

Branche beklagt Untätigkeit der Regierung

Für VDMA und BWE schießen diese Zahlen weit an den selbst gesetzten Zielen der Bundesregierung vorbei. Um einen Erneuerbaren-Anteil von 65 Prozent im Jahr 2030 zu erreichen, müsste allein bei Windkraft an Land ein Zubau von 4.700 Megawatt jährlich erfolgen. Für dieses Jahr rechnet die Windbranche allerdings nur mit einem Plus von 1.500 Megawatt. Das ist der niedrigste Wert seit Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000.

Die Bundesregierung spreche einerseits von ambitionierten Zielen beim Ausbau der Erneuerbaren und beim Klimaschutz, andererseits fehle hierfür die Perspektive, kritisierte BWE-Präsident Hermann Albers. "Das Delta zwischen Anspruch und Wirklichkeit nimmt zu."

Schuld an dem Rückgang beim Windkraft-Zubau seien weder die Unternehmen noch die zu hohen Kosten des Stroms, so Albers. "Die Energiewende wird durch unzureichende Flächenbereitstellung in den Ländern, fehlende Genehmigungen, Klagen sowie Widerspruchsverfahren gegen bereits erteilte Genehmigungen aufgehalten." 11.000 Megawatt Windenergie stecken dem BWE zufolge derzeit in Genehmigungsverfahren fest.

"Deutschland als Standort gefährdet"

Laut einer Analyse der Fachagentur Windenergie an Land sind Natur- und Artenschutz der mit Abstand häufigste Klagegrund. Aber auch Belange der militärischen und zivilen Luftfahrt hemmen die Genehmigungen.

In den Kommunen gebe es zudem zahlreiche Bürgerinitiativen gegen den Bau von Windanlagen, sagte Albers mit Blick auf den Fachagentur-Bericht. Dieser Widerstand könne allerdings durch Bürgerbeteiligung verringert werden.

Deutschlands Rekordtief widerspricht dem weltweiten Wachstumstrend bei erneuerbaren Energien. Allein für dieses Jahr prognostiziert der Global Wind Energy Council einen weltweiten Windkraft-Zubau an Land von rund 59.000 Megawatt. Doch während die Handelsorganisation für Asien ein Plus von 145.000 Megawatt bis 2023 erwartet, droht Deutschland ein Einbruch in der Windbranche, wie BWE-Chef Albers erklärte.

Das könne sich auch auf den Standort Deutschland auswirken, sagte VDMA-Geschäftsführer Zelinger. Schließlich wollten immer mehr Unternehmen klimaneutral produzieren. Das gehe nur mit Ökostrom, mahnte Zelinger. Mit nur noch einem Anteil von 2,5 Prozent am Weltmarkt für Windenergie drohe Deutschland als Innovationszentrum und Industriestandort den Anschluss zu verlieren.

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