Die Energiewende nimmt Fahrt auf, besonders bei der Solartechnik. So wurde das von der Bundesregierung für dieses Jahr gesteckte Zwischenziel für die in Deutschland installierte Photovoltaik-Leistung von 88.000 Megawatt inzwischen überschritten.
Nach Daten der Bundesnetzagentur von Mitte Juli sind bereits 90.400 Megawatt erreicht. Die Anlagen lieferten 2023 etwa 62 Milliarden Kilowattstunden Strom und damit rund zwölf Prozent der hierzulande verbrauchten Elektrizität.
Da es 2030 allerdings bereits mehr als doppelt so viel solare Kraftwerksleistung sein soll, nämlich 215.000 Megawatt, muss der Ausbau noch weiter beschleunigt werden. Der Anteil der Solarenergie am Strommix würde dann bereits 25 Prozent betragen. Im Endausbau sind für ein klimaneutrales Deutschland sogar 400.000 Megawatt angepeilt.
Eine Auswertung der Daten durch den Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) zeigt, dass die Neu-Installation der Sonnenkraftwerke im ersten Halbjahr 2024 um ein Viertel höher lag als im gleichen Vorjahreszeitraum. Hauptgrund ist die starke Verbilligung der Solarmodule, getrieben durch Massenproduktion in China.
Leichte Verschiebung von Privat- zu Firmendächern
Es zeigte sich dabei allerdings eine Verschiebung in der Struktur: Das Interesse von Privatleuten, sich eine Photovoltaikanlage aufs Eigenheim schrauben zu lassen, wächst nicht mehr so stark wie in den letzten beiden Jahren. Dagegen nahm die Installation auf Firmendächern und Freiflächen deutlich zu. Das Plus lag hier bei jeweils 55 Prozent.
In den letzten fünf Jahren war das Eigenheimsegment ein Haupttreiber der solaren Elektrifizierung gewesen, hier hat sich die jährlich installierte Solarstrom-Kapazität verzehnfacht. In den letzten Quartalen allerdings verzeichnete die Mehrzahl der Installationsbetriebe laut BSW-Solar eine eher rückläufige Nachfrage nach Solardächern.
Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden danach im Heimsegment – Leistungsklasse bis 30 Kilowatt – rund fünf Prozent weniger Inbetriebnahmen registriert als in der gleichen Periode 2023. In den letzten sieben Monaten von Januar bis Juli erfolgte der Leistungszuwachs allerdings immer noch zu rund 40 Prozent im Heimsegment, Freiflächen steuerten 37 Prozent bei, Gewerbedächer 21 Prozent und Steckersolargeräte ("Balkon-Anlagen") drei Prozent.
Der Solarverband berichtet, dass die Investitionsbereitschaft zuletzt besonders bei Unternehmen, die ihre Firmendächer "solarisieren" wollen, stark gestiegen sei.
Allerdings sei die Bereitschaft auch bei Privathaushalten weiterhin grundsätzlich hoch, selbst Strom produzieren zu wollen. Der BSW verweist auf eine Umfrage von Ende Mai, wonach von den Eigenheimbesitzern, die ein geeignetes Dach, aber noch keine Solaranlage haben, mehr als jeder zweite an einer Installation interessiert ist. Bei den Unternehmen sei das Interesse ähnlich hoch.
Solar-Potenzial wird allgemein unterschätzt
Die Installation von Solaranlagen auf Dächern ist vor allem aus zwei Gründen positiv zu werten. Einerseits werden keine Naturflächen dafür "verbraucht", andererseits sind die Wege zu den Stromnutzern kurz, anders als bei Anlagen auf der grünen Wiese.
Die Potenziale dafür sind riesig, das zeigte 2023 eine Analyse des Thinktanks Agora Energiewende. Auf den mehr als 4.000 Quadratkilometern technisch geeigneter Dachfläche könnten danach rund 400.000 Megawatt Solarkraftwerke installiert werden, was dem kompletten Endausbau-Ziel der Bundesregierung entspricht.
Dabei spielen große Gebäude mit einer Dachfläche von über 500 Quadratmetern eine besondere Rolle. Auf diesen Häusern, die rund sechs Prozent der Gebäude ausmachen, lässt sich laut der Agora-Analyse theoretisch ein Viertel des Gesamtpotenzials von Dachflächen-Photovoltaik realisieren. Hier geht es vor allem um Produktionshallen, Gebäude im Einzelhandel- und Gewerbebereich sowie um Wohngebäude.
Die Stromausbeute mit modernen Solarmodulen ist dabei höher, als viele glauben. So reicht eine 70 Quadratmeter große Anlage laut BSW-Solar rechnerisch aus, um den gesamten Strombedarf eines vierköpfigen Haushalts inklusive 20.000 Kilometer Fahrleistung für ein Elektroauto und den Strombedarf für eine Wärmepumpe zu decken.
Vielen Bürgerinnen und Bürgern ist das nicht bekannt. So konnten in einer von dem Verband in Auftrag gegebenen Umfrage nur sieben Prozent der Befragten die Stromausbeute in etwa richtig abschätzen, 93 Prozent lagen darunter oder konnten keine Einschätzung abgeben.
Davon unbenommen halten 77 Prozent den weiteren Ausbau der Solarenergie für wichtig oder sogar außerordentlich wichtig, so die Umfrage unter mehr als 2.000 repräsentativ ausgewählten Deutschen. "Die solare Fehleinschätzung sollten wir ausräumen, um die Investitionsbereitschaft in die klimafreundliche und preiswerte Energiequelle weiter zu erhöhen", kommentierte BSW-Geschäftsführer Carsten Körnig die Umfrageergebnisse.
Hausspeicher sind meist nicht netzdienlich
Ein Problem allerdings ist mit Blick auf die hohen Ausbauziele noch zu lösen. Das Stromsystem muss besser auf die fluktuierende Solareinspeisung ausgerichtet werden.
Kleinere Solaranlagen, wie sie auf Einfamilienhäusern zu finden sind, lassen sich meist nicht steuern und speisen an sonnigen Tagen besonders um die Mittagszeit mehr Elektrizität ein, als verbraucht wird. Die Folge: An der Strombörse kommt es zu negativen Preisen. Abnehmer bekommen sogar noch Geld dazu, wenn sie die überschüssige Elektrizität nutzen.
Strommarkt-Fachleute von der privaten Berliner Hochschule "Hertie School" haben deswegen vorgeschlagen, die inzwischen bei vielen Eigenheim-Solaranlagen mitverbauten Stromspeicher anders als bisher zu betreiben.
Derzeit verschärfen sie das Problem sogar, weil die Batterien an sonnigen Tagen oft schon mittags voll sind und die Solaranlagen gerade dann wieder voll ins Netz einspeisen, wenn Netz und Markt schon vor Strom überquellen. Aus dem Blickwinkel der Netzbetreiber sei das eher noch schlimmer als ein Betrieb ohne Speicher, meint Volkswirt Lion Hirth von der Hertie School, der das Problem zusammen mit zwei Kollegen in einer Studie analysiert hat.
Sinnvoller wäre es laut Hirth und Co, den Speicherbetrieb an den Bedürfnissen des Stromsystems auszurichten. Das heißt: Aufladen, wenn zu viel Elektrizität im Netz ist – egal, ob durch Solar- oder Windenergie, gegebenenfalls durch Wind auch nachts –, und entladen, wenn hohe Nachfrage besteht.
Das Problem dabei ist, dass die Akkus bisher nicht erkennen können, wann ein Aufladen netzdienlich ist. Dies ließe sich allerdings ändern, wenn sie mit intelligenten Stromzählern ("Smart Meter") gekoppelt werden. Und diese werden hierzulande nach und nach eingeführt, bis 2032 sollen alle Haushalte damit ausgestattet ein.