Noch in dieser Woche soll das Bundeswirtschaftsministerium das "Energiewende-Monitoring" vorgelegt bekommen, das sie beim Energiewirtschaftlichen Institut der Uni Köln (EWI) und beim Aachener Beratungshaus BET bestellt hat. Aufbauend auf dem dadurch erhofften "Realitäts-Check" sollen die Weichen bei dem Megaprojekt neu gestellt werden. Wohin die Reise geht, zeichnet sich aber jetzt schon ab, meint der Berliner Energieexperte Volker Quaschning.
Klimareporter°: Herr Quaschning, die Bundesregierung will einen Neustart der Energiewende einleiten, es brauche einen Realitäts-Check, meint sie. Die Kosten seien zu hoch, das Tempo zu schnell, alles zu wenig marktwirtschaftlich. Was ist da dran?
Volker Quaschning: Die Energiepreisexplosion im Jahr 2022 war dramatisch, kam aber nicht von der Energiewende. Sie lag an unserer Abhängigkeit von russischem Erdgas. Wir geben heute immer noch viel mehr Geld für Erdgas aus als vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Wir sollten also schneller unabhängig von fossilen Energieimporten werden, weil wir durch sie sehr verwundbar sind.
Die Strompreise in Deutschland werden gerne kritisiert. Aber hier haben Solar- und Windkraftanlagen während der Gaspreiskrise preisdämpfend gewirkt. Wollen wir unabhängig werden, müssen wir natürlich erst mal investieren. Langfristig werden wir davon massiv profitieren und wir profitieren bereits heute.
Die Kosten sind wirklich hoch, die EEG-Förderung summiert sich seit dem Start im Jahr 2000 auf rund 220 Milliarden Euro ...
Na und? Im gleichen Zeitraum haben wir 1.700 Milliarden Euro für den Import von Erdöl, Erdgas und Kohle ausgegeben, ohne dass da irgendeine Diskussion darüber geführt wird. Die Verwendung von klimaschädlichen fossilen Energieträgern wird auch noch kräftig subventioniert.
Es ist doch wesentlich sinnvoller, das Geld bei uns im Land in die Energiewende zu investieren, als es ins Ausland zu überweisen und damit am Ende auch noch Kriege mitzufinanzieren.
Volker Quaschning
ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Seine Lehr- und Sachbücher zur Energiewende gelten als Standardwerke.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will zwecks Einsparung die Einspeisevergütung für kleine Hausdach-Solaranlagen abschaffen, weil die sich für die Haushalte auch ohne Förderung rechneten. Da ist doch was dran.
Private Hausdach-Solaranlagen haben zwei Finanzierungssäulen: die Reduktion der Stromrechnung über den Eigenverbrauch sowie die Einspeisevergütung für überschüssigen Solarstrom. Die größere Säule ist der Eigenverbrauch.
Streicht man aber die Einspeisevergütung, rechnen sich nicht mehr alle Anlagen. Vor allem größere Solaranlagen werden unwirtschaftlich. Die Konsequenz: Dächer bleiben leer oder werden nur halbvoll. Die fehlenden Solaranlagen müssen dann auf der grünen Wiese entstehen. Dafür braucht es aber mehr Netzausbau, was zusätzliche Kosten verursacht.
Der Stromverbrauch wächst freilich langsamer als etwa noch von der Ampel-Bundesregierung erwartet. Ist es da nicht sinnvoll, das Ausbautempo der Erneuerbaren zu bremsen?
Der Stromverbrauch wächst langsamer, weil in den Sektoren Verkehr und Gebäude die Energiewende nicht richtig funktioniert und wir dort seit Jahren die Sektorziele des Klimaschutzgesetzes reißen.
Die Argumentation kann doch nicht sein: Weil wir in diesen Sektoren die Klimaschutzziele verfehlen, reduzieren wir auch noch die Klimaschutzbemühungen bei der Energiewirtschaft. Das ist doch absurd. Statt beim Ausbau erneuerbarer Energien zu bremsen, sollten wir der Verkehrs- und Wärmewende endlich Schwung geben.
Schließlich haben wir ein Klimaschutzgesetz, das wir aus gutem Grund befolgen sollten. Gesetze sind kein Nice-to-have – die gelten auch für eine amtierende Bundesregierung.
Ministerin Reiche will das Ausbautempo auch an die Netzentwicklung anpassen, die nur schleppend verläuft. Auch das klingt logisch. Warum Solar- und Windstrom produzieren, wenn er nicht abtransportiert werden kann?
Wir müssen darauf achten, Solar- und Windkraftanlagen vermehrt dort zu bauen, wo der Strom verbraucht wird. Also Windkraftanlagen auch in Süddeutschland und Solaranlagen auf Dächern.
Batteriespeicher können zudem das Netzproblem entschärfen, wenn sie an der richtigen Stelle gebaut werden. Hier kann man von anderen Ländern lernen, die das bereits erfolgreich gemacht haben.
Der Netzausbau ist sehr teuer, weil vor allem unterirdische Leitungen gebaut werden. Freileitungen würden viel weniger kosten. Also besser zurück zu diesem Modell?
Ja. Freileitungen sind unbeliebt. Aber noch unbeliebter sind steigende Netzentgelte. Das spricht ganz klar für Freileitungen.
Eine andere teure Baustelle ist die Vorsorge gegen Dunkelflauten, also Zeiten mit wenig Solar- und Windenergie. Ministerin Reiche will dazu bis zu 20.000 Megawatt Erdgaskraftwerke bauen lassen. Ließe sich hier etwas sparen?
Derzeit gibt es für die Dunkelflaute noch ausreichend fossile Kraftwerke. Ersatz brauchen wir erst, wenn wir weitere fossile Kraftwerke abschalten.
Berücksichtigt man die Methanleckagen, die bei Frackinggas besonders hoch sind, ist die Klimabilanz von Erdgaskraftwerken nur unwesentlich besser als die von Kohlekraftwerken. Darum ist es sogar sinnvoller, Kohlekraftwerke weiterlaufen zu lassen, als Unsummen an Subventionen für klimaschädliche Erdgaskraftwerke zu verbrennen. Das Geld können wir effektiver einsetzen.
Zuerst brauchen wir intelligente Netze mit einem viel schnelleren Smart-Meter-Rollout. Andere Länder sind da schon fertig und wir fangen erst an. So kann der Strom genau dann verbraucht werden, wenn wir viel Solar- und Windstrom haben.
Die geplanten Batteriespeicherprojekte müssen schneller ans Netz kommen und wir müssen das bidirektionale Elektroautoladen überall verfügbar machen.
Biomasse wird heute als Grundlast eingesetzt und liefert auch dann Strom, wenn wir bereits ausreichend Solar- und Windstrom haben. Das muss man flexibilisieren. Es gibt also viele effektive Maßnahmen, auf die sich das Wirtschaftsministerium stürzen kann, ohne an anderer Stelle Schaden anzurichten.
Am Ende der Energiewende werden wir für die Dunkelflaute auch Gaskraftwerke brauchen. Aber welche, die mit grünem Wasserstoff laufen und nicht mit klimaschädlichem Erdgas. Diese Kraftwerke sollte man aber erst in Angriff nehmen, wenn ausreichend grüner Wasserstoff vorhanden ist.
Wieso spielen diese Alternativen bisher in der Debatte kaum eine Rolle?
Es gibt mächtige Interessengruppen in Deutschland, die von einer verstärkten Erdgasnutzung profitieren und diese hinter den Kulissen erfolgreich vorantreiben. Außerdem hat Klimaschutz derzeit wenig Konjunktur. Darum lässt sich die Erdgasstrategie mit einer stark verzerrten Kostendiskussion recht erfolgreich vorantreiben.
Haben Sie die Sorge, dass die Energiewende erneut abgewürgt wird, so wie es nach 2009 unter der schwarz-gelben Merkel-Regierung geschah, Stichwort Altmaier-Delle? Oder setzen Sie auf die SPD?
Leider zielen alle bisher vom Wirtschaftsministerium kommunizierten Vorhaben auf das Bremsen der Energiewende. In der Solarbranche geht bereits das Gespenst einer erneuten Insolvenzwelle um. Bei der Erdgaswirtschaft steht hingegen vermutlich der Sekt schon kalt. Von der SPD ist derzeit leider sehr wenig Widerspruch zu hören.
Darum setze ich eher auf das Bundesverfassungsgericht. Das Ignorieren internationaler Klimaschutzabkommen dürfte auf Dauer nicht mit unserer Verfassung vereinbar sein. Möglicherweise wird die amtierende Bundesregierung so doch noch zum Treiber einer schnellen Energiewende mit ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen.

Herr, wirf' Hirn vom Himmel!
Und nein, es wird auch am Ende der Energiewende keine Gaskraftwerke brauchen. Es gibt genügend Möglichkeiten, Energie zu speichern, nicht nur via Akkus. Wenn man denn wollte...