Arkona – der vorerst letzte seiner Art

Der bisher größte Windpark vor der deutschen Ostseeküste soll heute offiziell seinen Betrieb aufnehmen – im Beisein auch der Bundeskanzlerin. Angela Merkel will damit zeigen, wie sehr ihr die erneuerbaren Energien am Herzen liegen. Tatsächlich muss die Offshore-Branche erstmal ein Tal durchwaten.


Zahlreiche Windräder auf dem Meer bei bewölktem Himmel, im Hintergrund die Umspannstation.
Der noch im Bau befindliche Offshore-Windpark Arkona im September 2018. (Foto: E. Dahmer/​Wikimedia Commons)

Großer Bahnhof heute in Sassnitz-Mukran auf Rügen: Zum offiziellen Start des Offshore-Windparks Arkona haben sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, Manuela Schwesig (SPD), angesagt. Auch Norwegens Energieminister Kjell-Børge Freiberg und der französische Umweltminister François de Rugy sollen zugesagt haben.

Beim vermuteten Drücken roter Buttons in Sassnitz-Mukran werden viele schöne Worte zum Thema Energiewende und Klimaschutz fallen. Die Kanzlerin selbst nutzte den Anlass, um in ihrem jüngsten Video das bereits Bekannte zu bekräftigen: dass die Bundesregierung bis zum Jahresende die "rechtlichen Rahmenbedingungen" dafür setzen wolle, um das Klimaziel für 2030 zu erreichen.

Wirklich Neues, Konkretes verkündete die Kanzlerin nicht: Kohleausstieg? Klimaziele für Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft? Da werde man alle möglichen Maßnahmen "durchdenken", so Merkel recht nebulös. Bei der Energiewende hob die Kanzlerin, wenig überraschend, den Ausbau von Strom-Speichern und der Stromtrassen hervor. Und mit ihrem Besuch des Offshore-Windparks wolle sie deutlich machen, wie sehr ihr am Ausbau der Erneuerbaren gelegen sei.

Windpark liegt zwischen sensiblen Schutzgebieten

Tatsächlich aber wird der Windpark Arkona für einige Zeit der letzte seiner Art sein, der vor den deutschen Küsten in Betrieb geht. Seit dem Baubeginn 2016 ließen der Essener Energiekonzern Eon und der norwegische Gas- und Ölkonzern Statoil, heute Equinor, mit einem Aufwand von 1,2 Milliarden Euro 35 Kilometer nordöstlich von Rügen insgesamt 60 Windräder in den Meeresboden rammen. Schon seit September 2018 speist Arkona bis zu 385 Megawatt Windstrom ins Netz ein.

Das Projekt ist durchaus umstritten. Der Standort Arkona erscheint aus Sicht des Naturschutzbundes Nabu ungeeignet. Der Windpark liege direkt zwischen den Schutzgebieten "Adlergrund" und "Westliche Rönnebank", die beide für ihre Riffe und Schweinswalvorkommen bekannt sind. Auch innerhalb des Windparks Arkona selbst wurden großräumige Riffe nachgewiesen.

"Werden Riffe durch einen Windpark überbaut, gehen sie dauerhaft verloren", betont Anne Böhnke-Henrichs, Meeresschutzexpertin beim Nabu. "Zwar argumentieren Windparkbetreiber häufig, dass ihre Anlagen rasch von Organismen besiedelt würden und damit ein künstliches Riff darstellten. Naturschutzfachlich ist das aber abzulehnen, da hier künstliches Material besiedelt wird, das zudem strukturarm ist", sagt die Expertin. Leider sei im Genehmigungsbescheid zum Windpark verpasst worden, die Riffe von einer Überbauung auszunehmen.

Der Nabu hält darüber hinaus den ökologischen Zustand der Ostsee für inzwischen so schlecht, dass das Binnenmeer aufgrund seiner sensiblen Hydrografie und Ökologie vom weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie ausgenommen werden sollte.

Mecklenburg-Vorpommerns Energieminister Christian Pegel (SPD) hält dagegen Arkona für ziemlich vorbildlich. Eon und Equinor hätten mit dem Bau "neue Maßstäbe" gesetzt – sei es bei der Bauzeit oder beim innovativen Korrosionsschutz. Damit werde ein wichtiger Beitrag zur "Minderung der Umweltauswirkungen und zur Kostensenkung von Offshore-Windparks" geleistet, betont Pegel gegenüber Klimareporter°.

Vorzeigeprojekte wie dieses kämen auch dem ganzen Land zugute, so Pegel, denn die Branche biete erhebliche beschäftigungs- und industriepolitische Chancen für Mecklenburg-Vorpommern.

Offshore-Ausbau reicht nicht fürs Klimaziel

Mit der Inbetriebnahme von Arkona steigt die installierte Windkraft-Kapazität in der deutschen Ostsee auf knapp über 1.000 Megawatt, in der deutschen Nordsee sind es derzeit rund 5.300 Megawatt. Im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat die Bundesregierung für die Offshore-Windenergie als Ziel für 2020 eine Gesamtkapazität von 6.500 Megawatt bestimmt. Die sind schon so gut wie erreicht.

Für 2030 werden bisher auf See insgesamt 15.000 Megawatt avisiert. Wie die erreicht werden sollen, steht allerdings auf ziemlich wackligen Fundamenten. In den Ausschreibungen im April 2017 und April 2018 wurden Projekte mit zusammen 3.100 Megawatt in der Nord- und Ostsee auf den Weg gebracht, davon etwa 700 im kleineren Binnenmeer. Sie sollen alle spätestens 2025 in Betrieb gehen. Dann beträgt die Offshore-Kapazität aber erst knapp 11.000 Megawatt. Es fehlen also über 4.000 Megawatt zum 2030er Ziel von 15.000 Megawatt.

Auch das ist übrigens, wie die die Windkraftbranche anmerkt, noch viel zu wenig, wenn die Bundesregierung ihr Vorhaben umsetzen will, 2030 einen Anteil von 65 Prozent erneuerbaren Quellen im Strommix zu haben. Dazu müssten dann mindestens 20.000 Megawatt in Nord- und Ostsee installiert sein. Zumindest wirtschaftlich scheint dies machbar, weil schon einige große Offshore-Projekte in den 2020er Jahren ganz ohne EEG-Zuschüsse auskommen wollen.

Eon hofft auch auf Nord-Süd-Stromtrassen

Eon und Equinor müssen sich über die künftigen Einnahmen aus dem Windpark Arkona vorerst nicht so sehr den Kopf zerbrechen. Ihr Projekt lief noch nicht über Ausschreibungen, sondern wurde ganz klassisch nach alten EEG-Konditionen genehmigt. Die Betreiber entschieden sich dabei, wie Eon bestätigte, für das sogenannte Stauchungsmodell.

Bei dem erhält der Windpark in den ersten acht Jahren eine Förderung von 19,4 Cent je Kilowattstunde – normalerweise gibt es im sogenannten Basismodell 15,4 Cent in den ersten zwölf Jahren.

Weil der Arkona-Windpark aber mehr als zwölf Seemeilen von der Küste entfernt ist und auch in größerer Wassertiefe als 20 Meter errichtet wurde, können sich Eon und Equinor nach den acht Jahren weitere sechs Jahre lang an einem EEG-Zuschuss von 15,4 Cent erfreuen. Erst ab dem 15. Jahr – also weit nach 2030 – sinkt die auf 20 Jahre angelegte EEG-Förderung auf 3,9 Cent je Kilowattstunde.

Wie viel davon wirklich in den Kassen der Betreiber klingelt, hängt allerdings vom Börsenstrompreis und anderen Faktoren ab, denn solche Offshore-Windparks befinden sich alle in der sogenannten Direktvermarktung. Auch um Abregelungen, durch die zeitweise kein Strom abgenommen wird, kommt man nicht gänzlich herum. Weil Arkona aber am Hochspannungsnetz hängt, hofft Eon, von Netzengpässen weniger betroffen zu sein als zum Beispiel Windkraft an Land. Und bis 2030 sollen ja auch einige der großen Stromtrassen, die Windstrom aus dem Norden in den Süden bringen sollen, fertiggestellt sein. Das jedenfalls ist auch der Kanzlerin Wille.

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