Anzeige
Entdecken Sie eine Welt voller nachhaltiger Energielösungen!

"100 Prozent Ökostrom bis 2030 sind möglich"

"Solarpapst" Eicke Weber sieht gute Chancen, dass die Ampel-Koalition der Energiewende einen neuen großen Schub gibt. Mögliche Hürden seien dabei nicht die Technik oder der Naturschutz, sondern der Widerstand der alten fossilen Energiekonzerne.


Solarwind
Endlich wieder durchstarten bei Energiewende und Klimaschutz – die neue Bundesregierung kann das schaffen. (Foto: Greens MPs/Flickr)

Klimareporter°: Herr Weber, Bundeswirtschaftsminister Habeck hat Deutschland einen "drastischen Rückstand" beim Klimaschutz attestiert. Laut den Ampel-Plänen muss die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien schon bis 2030 mehr als verdoppelt werden. Ist das überhaupt zu schaffen?

Eicke Weber: Ja, sicher. Wir haben bereits in den Jahren 2012/13 erlebt, welch raschen Zubau wir realisieren können, besonders beim Solarstrom, wenn wir es nur erlauben und entsprechend anreizen. Im Unterschied zu konventionellen Kraftwerken lässt sich der Ausbau bei Wind und Sonne sehr rasch realisieren, und wenn das intelligent dezentral gemacht wird, muss man sich im Wesentlichen nur noch um Speicher kümmern und weniger um neue lange Stromtrassen.

Was muss dazu geschehen?

Wichtig wäre eine Entfesselung des Energiemarktes. Das heißt: Den Kunden muss erlaubt werden, von den niedrigen Kosten der erneuerbaren Energien auch wirklich zu profitieren. Dazu gehört nicht nur der abgabenfreie Selbstverbrauch, sondern auch die Möglichkeit der Bildung lokaler Versorgungseinheiten, Nachbarschaften, Stadtviertel, die sehr preisgünstigen Strom selbst erzeugen und intern verteilen können.

Bei einem solchen Turbo-Ausbau sind aber Probleme mit dem Naturschutz programmiert.

Ich sehe das größte Konfliktpotenzial bei den alten fossilen Energieversorgern, die natürlich Zeter und Mordio schreien werden, da es um ihre Pfründen geht. Dem muss man politischen Widerstand leisten, sie haben lange genug den raschestmöglichen Ausbau der erneuerbaren Energien behindert.

Solarenergie hat wenig Probleme mit Naturschutz, da Solarflächen oft sogar Biotope unter den Modulen erlauben, wenn diese Flächen nicht wie bei der Agri-Photovoltaik landwirtschaftlich genutzt werden.

Ich halte die Einwände von Naturschützern gegen Windkraft für übertrieben. Die Zahl der Vögel, die durch Windräder umkommen, ist sehr viel kleiner als die Zahl der toten Vögel durch andere Gefahren wie Glasscheiben.

Und die Proteste von Windkraftgegnern?

Ich muss zugeben, dass eine große Windanlage eine Beeinträchtigung einer Nachbarschaft darstellt. Daher sollte versucht werden, die betroffene Nachbarschaft schon beim Planungsprozess mitzunehmen und sie wie auch die Gemeinde am Projekt zu beteiligen. Das ist keine Bestechung, sondern ein Ausgleich der Wertminderung durch den Bau einer Windanlage in der Nähe.

Ich halte überhaupt nichts von starren Abstandsregeln, gar per Bundesgesetz. Entscheidend sollte die Zustimmung einer qualifizierten Mehrheit der betroffenen Anwohner nahe einer Windanlage oder eines Windparks sein.

Bis wann ist eine Vollversorgung mit Ökostrom machbar?

Ohne weiteres bis 2030 – und bis 2035 die Umstellung praktisch der gesamten Wirtschaft.

Wie kann verhindert werden, dass bei Dunkelflaute die Lichter ausgehen?

Das kann durch Vernetzung, zum Beispiel mit Wasserkraft in den Alpenländern und Norwegen, durch Speicher, durch intelligente Laststeuerung und auch durch Gaskraftwerke geschehen. Das ist für die Jahre bis 2050 bereits im Detail modelliert.

Die Ampel will ja Erdgas-Kraftwerke bauen lassen, um die Stabilität des Stromsystems zu sichern. Die könnten später mit Wasserstoff laufen. Richtige Strategie?

Dagegen ist nichts zu sagen. Durch die Existenz der alten Kohle- und Kernkraftwerke sind Gaskraftwerke heute unwirtschaftlich. Wir sollten diese alten Grundlastwerke schnellstmöglich abschaffen und haben dann ein attraktives Geschäftsmodell für Gaskraftwerke und Speicher.

Porträtaufnahme von Eicke Weber.
Foto: ISE

Eicke Weber

ist einer der weltweit renommiertesten Solar­forscher. Der Physiker lehrte 23 Jahre als Professor an der Universität von Kalifornien und leitete von 2006 bis 2016 das Fraun­hofer-Institut für Solare Energie­forschung (ISE) in Freiburg. Heute ist er Co-Präsident des European Solar Manu­facturing Council, in dem Photo­voltaik-Hersteller, Forschungs­institute und Maschinen­bauer vertreten sind.

Wir werden in Zukunft riesige Menge an Überschuss-Strom haben. Mit diesem Überschuss-Strom können wir bei uns große Mengen grünen Wasserstoff herstellen – als Speicher und zur Dekarbonisierung der Stahl- und Zementproduktion.

Und Nord Stream 2 kann durchaus zu einer Pipeline für grünen Wasserstoff werden, da wir im Osten Russlands ein schier unendliches Potenzial für erneuerbare Energie aus Wind, Sonne und Wasserkraft haben, die in Form von grünem Wasserstoff zu uns geleitet werden kann.

Wären die Kosten überhaupt tragbar?

Die Kosten dieser Umstellung sind keine verlorenen Kosten, sondern Investitionen, die finanzwirtschaftlich rentabel sind. Ja, wir benötigen dazu Kapital, aber kein Steuergeld, wir müssen nur die Randbedingungen für diese lukrativen Investitionen entsprechen gestalten – und da sehe ich in der neuen Ampel-Koalition vielversprechende Ansätze.

Man muss wissen: Es gibt irrsinnige Kapitalmengen weltweit, Tausende Milliarden Dollar, die dringend nach lukrativen, sicheren Anlagen suchen. Wir müssen lediglich die stabilen Rahmenbedingungen schaffen, die es diesem Kapital attraktiv machen, das Geld in die erwünschten Investitionen zu leiten.

Die deutsche Solarindustrie, bis vor zehn Jahren weltweit führend, ist praktisch verschwunden. Ein neuer Photovoltaik-Boom hierzulande würde vor allem den chinesischen Herstellern nützen ...

Ich halte das für nicht diskutabel: Wir können doch nicht sehenden Auges von der Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger zu einer Abhängigkeit von chinesischen Solarzellen kommen. Wir haben noch immer weltbeste Solartechnologie anzubieten, die wir mit unseren Industrie-4.0-Methoden auch vollkommen konkurrenzfähig herstellen können.

Als die Automobilindustrie die Gefahr erkannte, bei Batteriezellen von Importen – gerade auch aus China – abhängig zu werden, kamen die Bosse zu der damaligen Kanzlerin Merkel und forderten: Wir brauchen eine eigene Batteriezellen-Produktion. Geschaffen wurde sofort ein "Important Project of Common European Interest", kurz IPCEI, das es erlaubte, den Aufbau einer europäischen Batterieproduktion mit Milliarden Euro der beteiligten EU-Länder zu unterstützen.

Ein solches IPCEI brauchen wir auch für die Produktion von Solarzellen und -modulen, und daran arbeiten wir zurzeit.

Aber gibt es überhaupt genügend Fachkräfte, um einen Erneuerbaren-Boom zu stemmen?

Die Arbeit im Bereich der erneuerbaren Energien, eines sauberen Energiesystems, ist sicherlich attraktiver als Arbeit für fossile Energien, die von Abstiegssorgen geprägt ist. Ich sehe da überhaupt keine Probleme.

Anderes Thema: Es mehren sich Stimmen, die eine Laufzeitverlängerung der noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke fordern. Stimmen Sie zu?

Überhaupt nicht. Ich sage nach den Erfahrungen mit AKW-Neubauprojekten in anderen Ländern in den letzten zehn Jahren: Während wir hier diese Milliarden in die raschestmögliche Transformation unseres Energiesystems stecken, vergeuden diese Länder wertvolle Ressourcen in Bauruinen. Kalkar lässt grüßen.

Ganz einfach, weil der Strom aus diesen Anlagen in der Konkurrenz mit Strom aus Wind und Sonne zu ein, zwei oder vier Cent pro Kilowattstunde, je nach Standort, viel zu teuer sein wird.

Jetzt wird über kleine AKW spekuliert. Nur, die Stromkosten werden hier noch höher als bei großen AKW sein, die bereits heute deutlich über zehn Cent pro Kilowattstunde liegen.

Dazu kommt: Wenn diese Länder auch Sonne und Wind ausbauen, werden sie bemerken, dass in einem System mit großem Anteil der fluktuierender Einspeisung von Sonnen- und Windenergie kein Platz mehr ist für Grundlast-Kraftwerke, die aus technischen Gründen am besten rund um die Uhr laufen müssen.

Schlussfrage: Glauben Sie, Habeck kann die Energiewende 2.0 starten?

Ja, gemeinsam mit Finanzminister Lindner. Die beiden könnten ein großartiges Paar werden. Das zeigt ja auch die ablehnende Stellungnahme von Linder zum Thema Kernkraft, wie auch seine ganze Rede auf dem Dreikönigsparteitag der FDP.

Es ist halt einfach so: Die raschestmögliche Umstellung auf erneuerbare Energien ist ein wirtschaftlich sinnvoller Prozess, der Ökologie mit Ökonomie verbindet. Die Bremser sind nicht der Mittelstand, sondern die Vertreter der alten Industrie, die sowohl bei Habeck als auch bei Lindner schlechte Karten haben.

Hinweis: Das Interview ist auch in englischer Sprache erschienen

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier