"Wir müssen die Leute weiter in ihrem Alltag abholen"

Wegen der Corona-Pandemie können viele Protestformen der Klimabewegung gerade nicht stattfinden. Das Klimacamp Leipziger Land wurde deshalb ins Internet verlegt. Aktivistin Ruth Krohn fürchtet, dass sich das Aufmerksamkeitsfenster für Klimathemen schließt. Darauf müsse sich die Bewegung einstellen.


Klimacamp Leipziger Land
Schon 2018 ging es beim Klimacamp im Leipziger Land um Klimagerechtigkeit. Dieses Jahr findet die Veranstaltung online statt. (Foto: Tim Wagner/​Kohle erSetzen/​Flickr)

Klimareporter°: Frau Krohn, Corona-bedingt ist das diesjährige Klimacamp im Leipziger Land auf das Internet ausgewichen. Was wurde getan, dass dennoch die Atmosphäre eines Camps entstehen kann?

Ruth Krohn: Es war eine Herausforderung, das Klimacamp Leipziger Land an die jetzigen Bedingungen anzupassen. Ein Klimacamp ist ein Raum für Begegnungen, in dem Menschen aus unterschiedlichen sozialen Bewegungen – vor allem aus der Klimagerechtigkeitsbewegung – zusammenkommen, diskutieren und gemeinsam Aktionen planen.

Wegen Corona können wir das Klimacamp in seiner ursprünglichen Form nicht durchführen, weil da meistens über tausend Leute zusammenkommen. Es ist uns als soziale Bewegung aber sehr wichtig, Räume zum inhaltlichen Austausch über die Corona-Situation, aber auch über Klimagerechtigkeit zu schaffen, wenn wir nicht wie gewohnt auf die Straße gehen können.

Wir haben uns entschieden, das Ganze in den digitalen Raum zu verlegen, und wir wollen durch unterschiedliche Formate auch versuchen, diesen sozialen Raum zu ermöglichen, auch wenn das nur eingeschränkt möglich ist.

Was ist geplant?

Es gibt über 20 Workshops, in denen kleinere Gruppen in Video-Konferenzräumen zusammenarbeiten können. Dabei sehen sich die Leute gegenseitig und interagieren miteinander. Das ist schon vergleichbar mit Workshops auf den Klimacamps.

Dann gibt es "Open Spaces", das sind Video-Konferenzräume, in denen selbstorganisiert Programm stattfinden kann. Ein weiterer wichtiger Bestandteil eines Klimacamps ist ein Kultur- oder Rahmenprogramm. Morgens gibt es deshalb gemeinsames Yoga, abends verschiedene Konzerte.

Und für alle, die in Leipzig leben, ist am Sonntag noch ein Aktionstag vorgesehen. Wir schließen uns zuerst der Black-Lives-Matter-Demo an und machen anschließend ein aktivistisches Picknick, um den "Unteilbar"-Aktionstag gemeinsam vorzubereiten.

Welche thematischen Schwerpunkte setzt das Klimacamp dieses Jahr?

Wir haben zwei Schwerpunkte. Einerseits führen wir die Verbindungslinie zwischen kolonialen Kontinuitäten und Klimagerechtigkeit weiter, die wir schon im vergangenen Jahr inhaltlich breit bespielt haben, was die Debatte und weitere Arbeit in der Bewegung angestoßen hat. Dazu gibt es einige Workshops und tolle Referent:innen.

Andererseits wollen wir auch schauen, was Corona für Klimakämpfe und unsere inhaltliche Ausrichtung bedeutet.

Warum ist es wichtig, dass sich Klima-Aktivist:innen mit Kolonialismus auseinandersetzen?

Die Klimakrise ist auch eine rassistische Krise. Die Menschen, die den Klimawandel vor allem verursachen, leben im globalen Norden und sind häufig weiße Menschen. Die Menschen, die von der Klimakrise am stärksten betroffen sind, sind häufig BIPoC oder – aus meiner nordeuropäischen Perspektive gesprochen – Menschen, die in anderen Teilen der Welt leben.

Foto: Lauren McKown

Ruth Krohn

ist für Klima­gerechtigkeit aktiv und unterstützt das Bildungs­programm und die Öffentlichkeits­arbeit für das Klimacamp Leipziger Land, das dieses Jahr online stattfindet. Sie gehört zum Team des Konzeptwerks Neue Ökonomie in Leipzig.

Es ist also auch eine Krise der globalen Gerechtigkeit. Es geht nicht nur darum, CO2 einzusparen, sondern globale Ungerechtigkeitsmechanismen aufzubrechen. Es braucht eine Umverteilung, damit wir die Folgen der Klimakrise gerechter abfangen können.

Das heißt, aus dem globalen Norden muss irgendeine Art von Reparation an die Gesellschaften des globalen Südens gezahlt werden, damit diese historische Schuld der Industriestaaten ausgeglichen werden kann.

Aber wir müssen uns auch die Bewegung selbst anschauen. Die deutschsprachige Klimagerechtigkeitsbewegung ist eine sehr weiße Bewegung. Aber der Kampf um Klimagerechtigkeit ist kein weißer Kampf – es gibt viele Aktivist:innen, die überall auf der Welt arbeiten, und die Kämpfe der Menschen, die zuerst vom Klimawandel betroffen sind, müssen wir sichtbar machen.

2019 war für die Klimabewegung ein starkes Jahr – sie war unglaublich sichtbar. Wie verändert die Coronakrise den Protest und die Bewegung?

Uns wird die Straße genommen, klassische Protestformen sind gerade nicht möglich. Im letzten Jahr war die Klimagerechtigkeitsbewegung extrem mobilisierungsstark, viele Menschen waren von der Klimakrise bewegt und sind mit uns auf die Straße gegangen. Darüber konnten wir Inhalte setzen und stark machen.

Das ist gerade nur noch schwer möglich, auch wenn es jetzt erste Ansätze im Netz gab – oder auch auf der Straße, wo zum Beispiel dezentral in kleineren Aktionen gegen die Abwrackprämie mobilisiert wurde. Das war erfolgreich. In das Konjunkturpaket, das am Mittwochabend vorgestellt wurde, hat es die Abwrackprämie nicht reingeschafft und die Automobilindustrie konnte sich nicht durchsetzen. Das ist ein Teilerfolg der Klimabewegung.

Es finden jetzt mehr bewegungsübergreifende Aktionen statt, weil große Mobilisierungen, die extrem kräfteraubend sind, gerade nicht möglich sind. Dadurch sind Kapazitäten frei geworden, um stärker mit anderen Bewegungen zusammenzuarbeiten, einander zu unterstützen und sichtbarer in den Aktionen zu machen.

In den letzten zwei Jahren gab es eine sehr hohe Sichtbarkeit von Klimafragen, und als Bewegung standen wir im Zentrum eines breiten medialen Diskurses, den wir mitgestalten konnten. So ein Aufmerksamkeitsfenster haben im Moment weder wir noch andere soziale Bewegungen. Dieses Fenster hat sich durch die Coronakrise extrem verkleinert und ich fürchte, dass es mit der sich anschließenden Wirtschaftskrise völlig zugeht.

Damit müssen wir als Bewegung umgehen. Wir müssen gucken, wie wir unsere Diskurse an die Menschen anpassen, damit wir sie weiter in ihrem Alltag oder in ihrer Lebensrealität abholen können – und momentan geht es da um Corona und die Folgen der Wirtschaftskrise.

Wir müssen uns fragen, wie wir das in eine Erzählung von sozialer Gerechtigkeit und Klima einbinden. Ein Umgang mit den Coronafolgen kann nicht das Zurück zum Status quo sein. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Umbau, der die Bedürfnisse von Menschen in den Mittelpunkt stellt – und nicht wie bisher die Profite von Unternehmen.

Wie geht es in Pödelwitz weiter, wo das Leipziger Klimacamp in den ersten Jahren stattfand?

In den vergangenen zwei Jahren haben wir zusammen mit den Leuten aus Pödelwitz gegen die Erweiterung des Braunkohletagesbaus Vereinigtes Schleenhain und um die Rettung des Dorfes gekämpft. Das war erfolgreich, denn aller Voraussicht nach bleibt Pödelwitz erhalten.

Es gibt jetzt einen Anschlussprozess, der losgelöst vom Klimacamp ist, bei dem Menschen aus Leipzig, Pödelwitz und vom Bündnis "Alle Dörfer bleiben" gemeinsam überlegen, wie das Dorf sozial-ökologisch gestaltet werden kann. Dafür wird gerade ein Dorfentwicklungsplan geschrieben. Es gibt spannende Ideen, was dort passieren soll, wenn sicher ist, dass Pödelwitz nicht abgebaggert wird.

Das Klimacamp hat sich inhaltlich davon gelöst. Eigentlich wollten wir dieses Jahr zu klimagerechter Mobilität arbeiten und gemeinsam mit der Gruppe "Sand im Getriebe" Aktionen gegen die Autoindustrie planen. Dann kam Corona dazwischen.

Letzte Frage: Kann man sich noch anmelden, um am Camp teilzunehmen?

Der Chaos Computer Club streamt unsere Diskussionen im großen "Zelt" und das Podium, das kann man sich online einfach anschauen. Für die Workshops muss man sich anmelden, einige sind schon ausgebucht, andere aber auch noch frei.

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