Wir Jungen haben keine Wahl

Seit mehr als 20 Wochen streiken tausende Schüler jeden Freitag fürs Klima – wählen dürfen viele von ihnen noch nicht, darunter unsere Kolumnistin. Sie fordert von den Wahlberechtigten bei der Europawahl, Verantwortung zu übernehmen, damit auch die EU ihrer Verantwortung für den globalen Klimaschutz nachkommt. 


EU-Flagge, darüber ein rotes Band, das am Reißen ist
Zerreißprobe für die Generationen: Die ganz jungen Europäer dürfen nicht wählen, die älteren tun es viel zu wenig – dabei kommt es gerade jetzt auf Ergebnisse für das Klima an. (Foto: Günter Moritz/​Pixabay)

Zwölf Jahre haben wir dem Weltklimarat zufolge noch, um das Ruder herumzureißen. Dann muss die Menschheit ihren Treibhausgasausstoß gegenüber 2010 fast halbiert haben – und weitere 20 Jahre später komplett klimaneutral sein –, wenn sie auch nur eine Fifty-fifty-Chance haben will, die Erhitzung der Erde bei 1,5 Grad zu begrenzen.

Und da seit der Veröffentlichung dieser Erkenntnis schon wieder ein paar Monate vergangen sind, heißt die magische Zahl eigentlich nicht mehr zwölf, sondern nur noch Elfeinhalb. 

Das bedeutet: Die nächsten Jahre sind entscheidend. Deshalb ist die nahende Europawahl bedeutend. Die Abgeordneten, die dabei für die kommenden fünf Jahre gewählt werden, müssen schließlich auf eine starke Klimapolitik der EU-Staaten dringen.

Leere Versprechen von den EU-Staaten

Am vergangenen Freitag gab es auf unserer Streikroute durch die Münchner Innenstadt einen bewegenden Moment. Eine Delegation von vielleicht 20 Leuten stieß verspätet zu uns, nach 17 Stunden Fahrt aus dem rumänischen Sibiu – erschöpft, aber singend. Sie war am Mittwoch mit noch vielen anderen in München in den Bus gestiegen, um am Donnerstag beim EU-Gipfel zu protestieren.

Foto: privat

Zur Person

Elena Balthesen ist 17 Jahre alt und geht in die 11. Klasse einer Waldorfschule in München. In ihrer Kolumne "Balthesens Aufbruch" macht sie sich auf die Suche nach Wegen für ihre Generation, aus der Klimakrise herauszukommen. Sie ist bei "Fridays for Future" in München aktiv.

Gemeinsam mit Demonstranten aus verschiedenen Ländern haben sie in Sibiu dafür gestritten, dass Klimaschutz die Priorität der EU wird. Tatsächlich konnten sie einen offenen Brief an einige Staatsoberhäupter übergeben.

In der Erklärung der Staats- und Regierungschefs der EU steht zwar, dass den nächsten Generationen von Europäern und Europäerinnen eine Zukunft gesichert werden soll, aber das sind wahrscheinlich wie immer leere Versprechen.

Deutschland zum Beispiel ist dem sogenannten Klimaklub von Ländern, die für eine klimaneutrale EU im Jahr 2050 eintreten, gar nicht erst beigetreten. Es heißt, der Klimawandel mache länderübergreifendes Handeln nötig. Man sollte meinen, für ein EU-Land wäre die Europäische Union dafür eine gute Möglichkeit.

Es darf nicht bei Öko-Wahlplakaten bleiben

Das EU-Parlament muss die Regierungen in Verhandlungen um neue Klimapolitik antreiben, aber ich muss ganz ehrlich sagen: Ich habe richtig Angst vor dem Ausgang der anstehenden Wahlen. Ich habe Angst vor den Rechtspopulisten, Klimaleugnern und Konservativen, die über unsere Zukunft mitentscheiden werden.

Und dabei fühle ich mich sehr hilflos, denn ich darf noch nicht wählen. Die meisten von "Fridays for Future", die Woche für Woche für ihre Zukunft auf die Straße gehen, dürfen das nicht. Dabei betreffen die Entscheidungen, die in den nächsten Jahren getroffen werden (oder auch nicht), uns Junge am allermeisten.

Es gibt Jugendliche, die Einspruch dagegen erheben, dass sie nicht wählen können. Viele versuchen ihre Umgebung dazu zu bewegen, wählen zu gehen, und seit einiger Zeit gibt es Wahlspots von Fridays for Future (siehe Video). Wir fordern: Macht die Europawahlen zu Klimawahlen! Bei den letzten EU-Wahlen erreichte die Wahlbeteiligung in Deutschland nur 43 Prozent.

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Manche Parteien scheinen unsere Sorgen zumindest insofern zu sehen, als sie aus dem Klimaschutz eine Art Wahlwerbetrend gemacht haben. Auch konservative Parteien werben nun auf ihren Plakaten damit, "ökologisch und sozial" zu sein oder "für Klimaschutz". Doch gerade diese Parteien sind die Bremse für die notwendigen Maßnahmen. Das macht mich sehr wütend, da mir diese Versprechen leer und scheinheilig vorkommen.

Was wir jetzt brauchen, sind Wahlergebnisse, die dafür sorgen, dass die Parteien mit den richtigen Inhalten längst überfällige Klimaschutzgesetze beschließen. Wenn ich mir aber Prognosen anschaue, kriege ich Panik, dass das Europa von morgen eines sein wird, vor dessen Außengrenzen Millionen Klimaflüchtlinge unter inhumanen Umständen leben müssen – und das im Übrigen auch selbst massiv unter den Folgen des Klimawandels zu leiden hat.

Einladung zum Großstreik

Am 24. Mai, also am Freitag vor der Wahl, veranstalten wir einen europäischen Großstreik. Die Vorbereitungen dazu laufen auf Hochtouren und machen mir Hoffnung. Unsere Bewegung von jungen Menschen ist unglaublich. Ich habe das Gefühl, dass sich in den Köpfen der Leute wirklich etwas bewegt und dass das auch ein bisschen in der Politik ankommt. Unsere Forderungen verändern das politische Klima.

In München und auch in anderen Fridays-for-Future-Ortsgruppen rufen wir diesmal ausdrücklich alle Generationen zum Streik auf, nicht nur die Jugend. Nachdem sich nun Parents for Future, Scientists for Future und viele andere Gruppen "for Future" gebildet haben, möchten wir jetzt mit allen gemeinsam auf der Straße stehen und zeigen: Wir meinen das ernst.

Am 24. Mai können wir alle zusammen ein starkes Zeichen für den Wandel setzen. Bei der Europawahl zwei Tage später müssen wir Jüngeren uns auf den Rest verlassen.

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