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"Vor einem Jahr war Klima kein Partythema"

Die Fridays-for-Future-Bewegung lädt die ganze Gesellschaft ein, morgen beim globalen Klimastreik mitzustreiken. Gleichzeitig wird auch das Klimakabinett tagen. Für Nick Heubeck von Fridays for Future ist jetzt schon klar, dass die Entscheidungen der Politiker gar nicht mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar sein können.


Fridays-for-Future-Demo, hier in Zagreb: Morgen zum weltweiten Großstreik werden so viele Menschen erwartet wie bei keiner der Aktionen zuvor. (Foto: Goran Horvat/​Pixabay )

Klimareporter°: Nick, wie viele Teilnehmer erwartet ihr morgen zum Großstreik?

Nick Heubeck: Wir haben noch keine Schätzung, aber wir werden in Deutschland in knapp 550 Orten Streiks haben, und bei den letzten beiden globalen Streiks waren jedes Mal über 300.000 dabei. Wir gehen auf jeden Fall davon aus, dass der Streik morgen der größte wird.

Erwartet ihr auch viele Erwachsene oder hauptsächlich Jugendliche?

Die genaue Verteilung kann ich nicht abschätzen, aber wir haben zum ersten Mal alle Generationen zur Teilnahme aufgefordert.

Es haben ja auch Gewerkschaften, Firmen und Verbände zum Mitstreiken aufgerufen, deswegen hoffe ich natürlich auch, dass von denen viele kommen. Ich bin mir sicher, dass wir zeigen können, dass es ein breites Bündnis für Klimaschutz gibt.

Warum findet der Streik morgen gleichzeitig mit der Sitzung des Klimakabinetts statt und nicht erst danach?

Wir haben den Streik vor vielen Wochen angemeldet und danach hat das Klimakabinett sich entschieden, genau während dieser Zeit zu tagen. Die vergangenen Sitzungen fanden abends statt und nicht am Vormittag.

Vielleicht werden die Politiker versuchen, unseren Streik morgen mit ihren Ergebnissen medial zu überdecken. Unsere Message ist aber ganz klar: Die sollen sich an das Pariser Klimaabkommen halten, an das 1,5-Grad-Limit. Und bisher zeigt die Berichterstattung ja nicht, dass das Erreichen des Ziels realistisch ist.

Nick Heubeck

macht Social-Media- und Pressearbeit bei Fridays for Future. Er studiert Kommunikations- und Politikwissenschaften in Bamberg. (Foto: Tim Heubeck)

Ihr glaubt, dass das Klimakabinett keine ausreichenden Maßnahmen beschließen wird?

Das geht schon deswegen nicht, weil das regierungseigene Ziel von 55 Prozent CO2-Reduktion bis 2030 nichts mit dem 1,5-Grad-Ziel zu tun hat. Solange dieses selbstgesetzte Ziel nicht infrage gestellt wird, werden wir uns nicht zufriedengeben.

Was gerade passiert, ist nur ein Schrauben an ein paar kleinen Rädchen und irgendwie hier und da mal eine Maßnahme, es ist aber nicht Paris-konform.

Derzeit debattieren die Politiker über die CO2-Bepreisung. Warum sprecht ihr euch für eine CO2-Steuer aus?

Wir sind für einen schnellen und wirksamen CO2-Preis und haben uns daher im April auf die CO2-Steuer geeinigt. Die Expertinnen und Experten sagen, dass eben nur die Steuer schnell eingeführt werden kann.

Letztens hat eine Studie von Agora Energiewende gezeigt, dass die Modelle des Zertifikatehandels, die derzeit auf dem Tisch liegen, frühestens ab 2022 greifen können. Die Zeit haben wir jetzt auf keinen Fall mehr. Wie genau die Steuer austariert wird, ist Aufgabe der Politik, aber wir fordern, dass sie sich am Preis der Umweltverschmutzung von 180 Euro CO2 pro Tonne misst.

In der Bevölkerung steigt die Angst vor den Folgen des Klimawandels. Wie stehst du zu der Angst?

Covering Climate Now

Klimareporter° beteiligt sich wie rund 250 andere Zeitungen und (Online-) Magazine weltweit an der Initiative "Covering Climate Now". Die teilnehmenden Medien verpflichten sich, vor allem in der Woche vor dem New Yorker UN-Klimagipfel am 23. September über die Klimakrise zu berichten. Wir freuen uns über die Bewegung in der Medienlandschaft. Klimaschutz braucht guten und kritischen Journalismus.

Klar, wenn man sich die wissenschaftlichen Warnungen anschaut, sind das bedrohliche Szenarien. Das wird jeden Lebensbereich auf der ganzen Welt betreffen. Und wenn wir so weitermachen, dann kriege ich es auch mit der Angst zu tun.

Aber das Wichtige ist – und darum sind wir auf der Straße –, dass man die Angst in Aktion ummünzt. Und nicht etwa, dass man sich hinsetzt und darüber grübelt, dass die Welt untergeht.

Die Wissenschaft sagt ja auch ganz klar, wir haben jetzt noch ein Zeitfenster, in dem wir die Folgen des Klimawandels so gut wie möglich eindämmen können.

Es ist wichtig, dass so viele Leute bei den Streiks dabei sind und wir die Chance nutzen, die wir haben.

Wie sehr hat sich dein Aktivsein für den Klimaschutz auf dein Umfeld übertragen?

Vor einem Jahr war Klimaschutz auf jeden Fall kein Partythema. Jetzt fragt sich jeder: Was kann ich persönlich machen? Vor allem fragen wir uns aber: Warum geht es nicht voran?

Natürlich habe ich auch meinen Lebensstil verändert, aber ich habe auch gemerkt, dass das nicht die großen Stellschrauben sind. Meine Freunde habe ich aber auch mit auf die Straße gebracht.

Ein Rückblick: Mit allen bisherigen Freitagsdemos, wie nah seid ihr eurem Ziel bisher gekommen?

Was Fridays For Future fordert

  • Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens
  • Einhaltung des 1,5-Grad‑Limits

 

für Deutschland:

  • 2019: Ende der Subventionen für fossile Energien, Abschaltung von 25 Prozent Kohlekraft, Steuer auf alle Treibhausgas-Emissionen
  • 2030: Kohleausstieg
  • 2035: netto null Emissionen
  • 2035: 100 Prozent erneuerbare Energien

Wir haben in jedem Fall die Debatte verschoben und es sind Maßnahmen im Gespräch, die es vorher nicht waren. Außerdem hat man in den letzten Monaten gesehen, dass der Großteil der Gesellschaft auch Interesse am Klimaschutz hat. Wenn morgen alle Teile der Gesellschaft auf die Straße gehen, zeigt das auch, dass die Klimakrise uns alle betrifft und längst nicht nur meine Generation!

Aber wir haben unsere sechs Forderungen bereits im April formuliert und bisher wurde keine einzige erfüllt. Wir haben drei Forderungen für 2019 gestellt, es sieht auch nicht so aus, als würde eine davon Realität werden. Das heißt, man kann nicht davon reden, dass wir groß erfolgreich wären. Es wird noch sehr viele Streiks brauchen.

Da die Gesprächspartner etwa gleichaltrig sind, haben sich beide während des Interviews geduzt.

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