Von Punk zu Puppenstube

Diese Woche ist der Earth Day 50 geworden. In den USA hat der Tag der Erde die Umweltbewegung stark geprägt. Die Pionier:innen blicken jedoch kritisch auf das, was aus dem Aktionstag geworden ist.


Kinderbastelei: Vogel und Marienkäfer auf Baum aus Papier
Statt um soziale Gerechtigkeit geht es beim Earth Day heutzutage um kommerziellen Kinderspaß und Öko-Produkte, kritisieren US-Umweltpionier:innen. (Foto: Mosman Library/​Flickr)

Wenn man Adam Rome fragt, dann war der Earth Day früher mehr Punk.

"Der Earth Day ist heutzutage so zahm", sagt Rome. Der Umwelthistoriker hat ein Buch geschrieben: "The Genius of Earth Day" ("Das Geniale am Earth Day"). "Für Erwachsene ist dieser Tag oft nur eine Messe, auf der sie sich das neueste Öko-Zeug angucken, und Kinder lernen in irgendwelchen kommerziell finanzierten Workshops, was man individuell für den Planeten tun kann."

Der erste Earth Day im Jahr 1970 war dagegen für die 20 Millionen Menschen, die daran teilnahmen, ein "intensiver" Tag des Protests und des Aktivismus, meint Rome. "Es war ein Tag, um tiefgehende Fragen darüber zu stellen, warum wir ökologische Probleme haben." 

Nicht nur Adam Rome beklagt, wie der Earth Day heute begangen wird. Für Elizabeth Yeampierre, eine puerto-ricanische Anwältin und die Chefin der Nachbarschaftsorganisation "Uprose" in Brooklyn, ist der Earth Day nur ein Abschnitt einer langen Geschichte von ökologischer Ungerechtigkeit.

"Für uns geht es nicht um die vergangenen 50 Jahre beim Earth Day, es geht um 500 Jahre Ausbeutung, 500 Jahre seit dem Beginn von Sklaverei und Kolonialismus", sagt sie. "Unsere Gemeinschaften haben in diesen 500 Jahren all das überlebt – und jetzt erleben wir die Konsequenzen dieser 500 Jahre."

Der Earth Day ist das, was am nächsten an einen Geburtstag der modernen US-Umweltbewegung herankommt: ein Zeitpunkt, um Meilensteine zu feiern, um zurückzublicken und nach vorn zu sehen. Und weil sich der Earth Day massiv verändert hat, ist sein Versprechen auch ein neues geworden.

Das neuartige Coronavirus und das Verbot persönlicher Zusammenkünfte behindert den Energieschub, den der Aktivismus der Jugend in den letzten Jahren freigesetzt hat. Die jetzigen Organisator:innen hoffen, dass der Geist des ursprünglichen Earth Day auch bei der neuen Generation ankommt, die mit einer Welt zu kämpfen hat, die sich im Rekordtempo wandelt.

Eine grüne Revolution

Vor 50 Jahren existierte Umweltschutz in den USA praktisch nicht. Industrieunternehmen aller Art durften ohne Aufsicht Schadstoffe ausstoßen und die US-Bevölkerung wusste kaum etwas über die Folgen der Luft- und Wasserverschmutzung für ihre Gesundheit.

Earth Day 2020

Um das 50. Jubiläum des ersten Earth Day herum findet dieses Jahr eine Aktionswoche statt – natürlich online. Seit bekannt ist, dass das Ereignis nicht mit den üblichen Veranstaltungen begangen werden kann, haben das "Earth Day Network" und die Kampagne "We Don't Have Time" eine riesige Online-Konferenz organisiert, bei der Expert:innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft auftreten. Das Programm gibt es hier.

Eine Ölpest im Februar 1969, im Jahr vor dem ersten Earth Day, rüttelte Menschen im ganzen Land auf. Auch das wegweisende Buch "Der stumme Frühling" der Biologin Rachel Carson hatte dafür gesorgt, dass sich langsam ein ökologisches Bewusstsein entwickelte.

Im Jahr 1970 mobilisierte dann der demokratische Senator Gaylord Nelson aus dem Bundesstaat Wisconsin Graswurzelbewegte aus dem ganzen Land, die an einem einzelnen Tag, dem 22. April, zahlreiche Bildungsveranstaltungen zu Umweltfragen organisierten.

Der Aufwand für den ersten Earth Day war enorm, aber das Ereignis fand auch nicht im Vakuum statt. Dem Jahr 1970 war ein turbulentes Jahrzehnt des sozialen Aufruhrs und Wandels vorangegangen. Der Vietnam-Krieg hatte tausende junge Menschen politisiert. Die zweite Welle des Feminismus hatte Frauen aus dem Haus und an Erwerbsarbeitsplätze gebracht. Die Bürgerrechtsbewegung hatte vorgemacht, wie man landesweiten Protest organisiert.

"Die Initiator:innen des Earth Day schauten sich bei der damaligen Bürgerrechtsbewegung ab, wie man zivilen Ungehorsam leistet und wie man in Massen protestiert, sodass die Menschheit auf die Entwürdigung der Umwelt und die Entwürdigung individueller Leben blicken musste", sagte Aaron Mair, der erste Schwarze Präsident der großen US-Umweltorganisation Sierra Club, im Gespräch mit The New Republic

Das Ergebnis war ein überwältigender Erfolg. Umweltgesetze und -institutionen, die heute als grundlegend gelten, entstanden durch den immensen Einfluss der Bewegung in den frühen Siebzigern: die Umweltbehörde EPA, Gesetze zum Schutz von Luft und Wasser sowie gefährdeter Arten.

Buchautor Rome zufolge hat der Earth Day auch zu einer robusten "Öko-Infrastruktur" geführt. Aktivist:innen der frühen Bewegung bauten ihre Karrieren darauf auf, die Erfolge ihres Protests zu bewahren und auszubauen – als Umweltanwältinnen, Professoren, Lobbyistinnen oder in gemeinnützigen Organisationen.

Zeitungen stellten Reporter:innen ein, um über Umweltthemen zu berichten. Grüne Initiativen wie der Sierra Club, heute die größte Naturschutzorganisation der USA, gewannen neue Mitglieder und verstärkten ihre Aktivitäten, viele weitere Gruppen bildeten sich.

In den Siebzigern sah die Zukunft für einen Moment ganz wunderbar und solidarisch aus – und grün.

Der Weg in den Mainstream

Als die heutige Anwältin Yeampierre im Jahr 1996 zu Uprose stieß, sah sie sich als Aktivistin für soziale Gerechtigkeit, wie sie erzählt. Mit Umweltfragen habe sie sich bis dahin nicht befasst. Aber dann hätten ihr junge Menschen in der Brooklyner Community von ihren Sorgen erzählt. Da habe sie das Gemeinsame in den Auseinandersetzungen erkannt.

"Sie erzählten mir von Asthma, Lkw-Verkehr und Farbdünsten", erinnert sie sich. "Mir wurde klar, dass wir nicht gegen schlechte Polizeiarbeit kämpfen konnten, wenn wir keine Luft zum Atmen hatten."

Nachbarschaftliche Organisationen wie Uprose, die kurz nach der Jahrtausendwende für Klimagerechtigkeit einzutreten begannen, erscheinen als die natürlichen Erben der frühen Earth-Day-Graswurzelbewegung. In den Neunziger- und frühen Zweitausenderjahren beklagten viele kleine Organisationen, dass die allgemeine Ökologiedebatte die Gerechtigkeit außen vor ließ. Stattdessen ging es um Nachhaltigkeit und die Förderung von Klimawissenschaft und parteiübergreifender Klimapolitik.

Rome sieht einen Grund für diese Trennung in dem Erfolg des ursprünglichen Earth-Day-Protests. Unternehmen hatten zugestimmt, ihre Geschäftsmodelle stärker am Umweltschutz auszurichten – als sie aber merkten, dass Umweltgesetze Geld kosten, drängten sie auf Lockerungen. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan entfesselte eine Welle wirtschaftsfreundlicher Aktivitäten in der Republikanischen Partei und die "Grand Old Party" stieg für die Deregulierung in den politischen Ring.

Die im Gefolge des Earth Day geschaffene "Öko-Infrastruktur" nahm den Kampf auf, um zu retten, was die Umweltbewegung erreicht hatte. Graswurzel-Bewegungen, einschließlich solcher, die von people of color dominiert wurden, blieben auf der Strecke, während sich eine eher national orientierte, weiße Mittelklassebewegung durchsetzte.

"Die großen Umweltverbände nehmen gern die Hilfe derer in Anspruch, deren Fokus sonst nicht auf Umweltschutz liegt", meint Rome. "Eine Gewerkschaft will sie unterstützen? Super! Aber wenn die Gewerkschaft zum Streik aufruft, sind die Umweltverbände nicht mit auf der Straße", sagt er. "Wir glauben immer, dass die Umweltbewegung irgendwie links ist, aber viele Umweltorganisationen sehen sich nicht als Teil einer größeren progressiven Bewegung."

Yeampierre findet, dass die großen Umweltorganisationen – die die Debatte im Land prägen, der Politik Vorschläge unterbreiten und seit dem ersten Earth Day einen Großteil der Spenden im Umweltbereich erhalten – vor allem people of color nicht nur ignoriert, sondern auch ausgebeutet haben.

"Die großen Verbände wissen genau, wer wir sind – wir sind diejenigen, die mit ihnen um Ressourcen und Macht kämpfen", sagt die Aktivistin. "Wir müssen uns dauernd dagegen wehren, das die Großen in unsere Communitys hineintrampeln und unsere Arbeit untergraben, es uns teilweise unmöglich machen, selbst etwas zu bewegen", meint sie. "Die Kultur in diesen Organisationen kann ausbeuterisch sein."

Was wird aus dem Earth Day?

Ende März veranstaltete ein Bündnis ökologischer Graswurzelorganisationen eine Telefonkonferenz für die Presse, um zu erläutern, wie die Coronakrise ihre Pläne für den Earth Day über den Haufen geworfen hatte. Naina Agrawal-Hardin, eine 17-jährige Aktivistin der Jugendbewegung Sunrise Movement, klang trotzdem optimistisch.

Die Pandemie sei eine Katastrophe, sagte sie. "Aber sie ist auch ein Moment der Möglichkeiten und der Hoffnung, unsere Gesellschaft neu aufzubauen, sodass sie für alle Menschen funktioniert". Sie betonte die Forderung der Bewegungen nach "einer kurzfristigen Antwort auf Covid-19, die Menschen über Profite stellt und Teil eines langfristigen Plans ist, der eine gerechte und lebenswerte Zukunft für meine Generation ermöglicht".

Covering Climate Now

Dieser Text erscheint als Teil der Initiative "Covering Climate Now", an der sich Klimareporter° zusammen mit  hunderten anderen Zeitungen und (Online-)​Magazinen weltweit beteiligt. Anlässlich des 50. Jubiläums des "Earth Day" am 22. April berichten die Kooperationsmedien eine Woche lang verstärkt über die Klimakrise.

 

Der Text erschien zuerst im US-Magazin Teen Vogue.

Andere junge Klimaaktivist:innen wie Jamie Margolin von "Zero Hour" erklärten, die schnelle globale Antwort auf die Gesundheitskrise deute darauf hin, dass eine ähnliche Mobilisierung auch im Falle der Klimakrise möglich wäre. Und sie sind es, die auf diesem Weg vorangehen wollen.

Im September vergangenen Jahres gingen weltweit vier Millionen Menschen auf die Straße. Es war der größte Klimaprotest aller Zeiten. Eine zunehmend besorgte und wütende Generation hat viele US-Amerikaner:innen überzeugt, dass Umweltschutz untrennbar mit Gerechtigkeit verbunden ist – und dass uns kaum noch Zeit zum Handeln bleibt.

Für Umwelthistoriker Rome kommt mit dieser Bewegung der ursprüngliche Geist des Earth Day zurück. "Es sind diese oft lokal eingebundenen Gruppen, die einen starken Schwerpunkt auf Gesundheit und Gerechtigkeit legen", sagt er. 1970 habe das zu den Schwerpunkten des ersten Earth Day gehört.

In der Coronakrise haben Millionen Menschen in den USA ihre Krankenversicherung, ihr Einkommen und ihre soziale Einbindung verloren – alles Schlüsselelemente, die es Menschen üblicherweise ermöglichen, sich erfolgreich zu organisieren.

Ein beängstigender Moment für die Klimabewegung. Die Pandemie, sagt Yeampierre, sei auch ein Vorbote einer Zukunft, die von Extremwetterereignissen geprägt ist. Sie sei ein Beweis dafür, dass wir Umweltgerechtigkeit und Vorsorge bräuchten, und zwar sofort.

"Was tun wir, wenn eine Klimakrise die Regierungsarbeit unterbricht?", fragt Yeampierre. "Wenn das Klima alle unsere Systeme zerstört, wie können wir dann überleben? Wie können wir unser überliefertes Wissen neu anwenden und lebenswerte Wirtschaftsweisen finden, mit denen wir das Kommende überstehen?"

Übersetzung: Susanne Schwarz

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