Von der Kirche zur Kohlebahn

Sie pilgern von Bonn bis Katowice in Polen und wollen damit für mehr Klimagerechtigkeit demonstrieren. Auf dem Weg durch das Lausitzer Braunkohlerevier schaffen es die Klimapilger allein durch ihr friedliches Wandern, einen Kohlezug zu stoppen.


Die Klimapilger gehen an einer Landstraße entlang.
Die Klimapilger auf dem Weg von Hoyerswerda nach Schleife – die "Hambi bleibt"-Fahne immer dabei. (Foto: Friederike Meier)

Den Kohlezug anzuhalten hatten sie eigentlich gar nicht vor. Kurz nachdem der Zug den Bahnübergang in der Nähe des Tagebaus Nochten in der Oberlausitz überquert hat, kommt er zum Stehen. Als die Klimapilger einige Minuten später denselben Bahnübergang erreichen, wundern sie sich noch, dass der Kohlezug mitten auf der Strecke steht.

Etwas später halten zwei Fahrzeuge des Kohlekonzerns Leag vor der Pilgergruppe. "Ihr geht nicht in Richtung Tagebau, oder?", fragen die drei Männer, die aussteigen.

Es stellt sich heraus, dass einer der Leag-Leute den Zug gestoppt hat, aus Sicherheitsgründen. "Uns wird erst mal anders, wenn wir Leute mit Plakaten sehen", sagt der Mitarbeiter fast entschuldigend. Die Proteste von Gruppen wie "Ende Gelände" scheinen der Leag noch in den Knochen zu stecken. Im Jahr 2016 hatten Klimaaktivisten in einem anderen Leag-Tagebau Kohlebagger besetzt, um gegen den Braunkohletagebau zu protestieren – genauso wie in diesem Jahr im Rheinland.

Obwohl den Klimapilgern nichts ferner läge, als nach über 20 Kilometern Fußweg noch in den Tagebau zu rennen: Viele politische Ziele haben sie mit Ende Gelände gemein. Ihre Forderungen: mehr Klimagerechtigkeit, ein Kohleausstieg und ein wirksames Regelwerk für das Pariser Klimaabkommen.

Um das zu unterstreichen, gehen sie zu Fuß von Bonn – dem Ort der letzten Klimakonferenz – nach Katowice in Polen, wo in diesem Jahr die UN-Klimaverhandlungen stattfinden. Insgesamt ist die Strecke 1.700 Kilometer lang.

Sparsam leben, sich auf das Wesentliche besinnen

Heute, an einem Montag Anfang November, sind etwa 15 Menschen dabei. In der Stadt Hoyerswerda sind sie gestartet und wollen an diesem Tag 30 Kilometer durch den sächsischen Teil des Lausitzer Braunkohlereviers gehen, bis nach Schleife, sorbisch Slepo.

Begonnen hat der Tag mit einer Morgenandacht. "Wenn Sie heute durch unser Braunkohlerevier gehen und die Kraftwerke sehen, sollen Sie trotzdem Hoffnung haben", hat der katholische Kaplan Anish Mundackal ihnen in Hoyerswerda mit auf den Weg gegeben.

An Straßen entlang geht es raus aus Hoyerswerda in den Wald. Als die Pilger außerhalb von Hoyerswerda eine Baustelle überqueren, kommt ein Jeep auf sie zugefahren. "Ich wollte nur mal wissen, was ihr hier macht", sagt der Bauarbeiter. Er bietet den Pilgern Wasser an und bekommt von ihnen einen Flyer in die Hand.

Mit Menschen am Weg sprechen, sparsam leben, sich auf das Wesentliche besinnen, darum geht es für Wolfgang Löbnitz beim Klimapilgern. Der 65-Jährige ist Teil des Organisationsteams und in diesem Jahr schon seit Düsseldorf dabei. "Beim Pilgern finde ich zu mir selbst und zu meinem Glauben", sagt er.

Außerdem will er darauf hinweisen, dass die Schöpfung bewahrt werden muss. "Ich glaube, dass technisches Wachstum seine Grenzen hat. Man muss Technologie nutzen, wenn sie da ist, aber man darf es nicht übertreiben", sagt Löbnitz, der selbst Ingenieur ist.

Die Klimapilger mit ihrem Plakat
Die stolzen Klimapilger vor dem angehaltenen Kohlezug, in der Mitte unter dem Transparent Wolfgang Löbnitz. (Foto: Friederike Meier)

Für ihn hat das Pilgern auch noch einen ganz praktischen Effekt. "Es zeigt mir, wie sehr ich mich einschränken kann", erzählt er. Die Pilger lebten sehr sparsam. "Und wir sind trotzdem zufrieden und haben viel Spaß." Übernachtet wird entweder in Gemeindesälen oder bei Mitgliedern der Kirchengemeinden zuhause. Unterstützt wird der ökumenische Pilgerweg von der katholischen und der evangelischen Kirche und einem Trägerkreis von 40 Organisationen.

Es ist aber keineswegs so, dass alle, die mitgehen, religiös sind. Viele wollen ein politisches Zeichen für den Kohleausstieg setzen und fühlen sich beim Pilgern wohler als bei Aktionen wie Ende Gelände. Bisher haben am Pilgerweg schon über tausend Menschen teilgenommen, bis zu 200 auf einmal.

Am Bernsteinsee, dem Restsee eines DDR-Braunkohletagebaus, gibt es geschmierte Brote, die Pilger strecken die Füße aus, die Sonne scheint. Nach einer halben Stunde geht es weiter, denn der Zeitplan ist straff. Trotzdem versuchen die Pilger die Umgebung, die sie durchwandern, zu genießen.

"Manchmal gehen wir auch eine Zeit schweigend, vor allem an Kraftorten", sagt Löbnitz. Kraftorte sind für ihn Orte, die guttun, wie ein schöner Wald oder auch die Kirchen, in denen alle Tagesetappen mit einer kurzen Andacht beginnen.

Das Gegenstück dazu sind Schmerzpunkte wie laute Straßen, hupende Autos oder eben Tagebaue. "Dort kann man darüber nachdenken, was man persönlich dagegen tun kann", erklärt Löbnitz.

Schmerzorte sehen die Pilger viele, denn der Weg ist absichtlich so geplant, dass er alle deutschen Braunkohlereviere durchquert: von Bonn durch das rheinische und das mitteldeutsche Revier, dann über die Lausitz nach Berlin. Dort wollen die Pilger Ende des Monats ihre Forderungen an Wirtschaftsminister Peter Altmaier überreichen.

Doch zunächst geht es nach Schleife, genauer gesagt in den Ortsteil Rohne, wo ein sorbischer Kulturabend auf die Pilger wartet.

Auf dem weiteren Weg folgt ihnen nach der Begegnung beim Bahnübergang mit einigen hundert Metern Abstand das Auto der Leag. "Wir werden das beobachten", hatten die Mitarbeiter zum Abschied gesagt. Die Pilger gaben ihnen noch einen Flyer in die Hand, grüßten freundlich und gingen weiter.

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