Noch ein Tag bis Belém. (Bild: Kathrin Henneberger)

Unsere Regenbogenfahne, die hoch oben am Mast hängt und mit der wir die Windrichtung ablesen, ist festgeweht. Keine gute Situation, wenn am Horizont dunkle Wolken herannahende Sturmböen und tropischen Platzregen ankündigen.

"Kannst du hochklettern?", fragt mich unser Nautiker Jasper. "Hell yeah!" Klettergurt, Karabiner – und los geht's das Rigg hoch. Links und rechts vom Mast verlaufen Wanten von der Reling bis zur Mastspitze.

Dazwischen sind kurze Seile gespannt und bilden eine Leiter, die nach oben hin immer schmaler wird, bis der Fuß kaum noch Halt findet. Dort hat sich die Fahne verheddert, und wie ich feststellen muss, ist eine Öse gerissen. Ich befestige die Fahne mit einem Ende der Leine an meinem Gurt und klettere weiter in die Höhe, bis das Rigg endet und der Querbalken erreicht ist, auf dem man sitzen kann.

An seiner Spitze läuft die Fahnenleine über eine kleine Rolle. Der Knoten der gerissenen Fahne hängt dort fest – ich rutsche schnell in Reichweite, entwirre ihn, hole die Leine zu mir und verknote sie neu. Jasper zieht sie wieder nach unten und hisst eine neue Fahne, während ich mit dem Abstieg beginne.

Die Windrichtung ist wieder bestimmbar. Die Wolken sind jetzt so nah, dass die Luken geschlossen und Regenjacken übergestreift werden. Wir sammeln uns am Steuer – bereit zur Aktion, wenn die Regenwolken Windwirbel bringen, die Unordnung in den Segeln stiften und das Schiff in Schieflage bringen können.

Mit einem weiteren Problem haben wir zu kämpfen: Wir treffen auf Meeresströmungen, die gegen uns stehen – gegen die wir ansegeln müssen. Vor der Küste Brasiliens treffen die nordbrasilianische Strömung, die nach Norden zieht, auf den gewaltigen Süßwasserstrom des Amazonas, der lokale Gegenströmungen und Wirbel erzeugt, sowie auf Einflüsse der Äquatorial-Gegenströmung, die ostwärts fließt.

Eigentlich müssten wir mit dem Wind starke sieben Knoten fahren – doch wir dümpeln bei drei bis vier und geraten unter Zeitdruck.

Deutschlands Klimapolitik in der Flaute

Derweil war Bundeskanzler und Ex-Blackrock-Lobbyist Friedrich Merz bereits in Brasilien, beim Vortreffen der Staats- und Regierungschefs. Während Norwegen und andere Länder bereit sind, konkrete finanzielle Zusagen für den neuen globalen Waldfonds "Tropical Forest Forever Facility" (TFFF) zu machen, zaudert Merz – und verliert so schon vor Beginn der COP 30 in Belém den Anspruch, eine positive Führungsrolle einzunehmen.

Zum Vergleich: Vor zwei Jahren war es Deutschland, das mit einer Zusage von 100 Millionen US-Dollar auf der COP 28 in Dubai den Grundstein legte, damit der Fonds zur Bewältigung klimabedingter Verluste und Schäden überhaupt entstehen konnte – ein diplomatischer Erfolg, der zeigte: Dieses Land will Verantwortung übernehmen.

Damals wurde auf Initiative der EU unter Federführung von Außenministerin Annalena Baerbock auch erstmals eine klare Formulierung zum Ausstieg aus fossilen Energien in den Verhandlungstext aufgenommen: "transition away from fossil fuels".

Zwei Jahre später versucht die schwarz-rote Bundesregierung unter Merz, die europäischen Klimaziele abzuschwächen und das Ziel einer 90-prozentigen Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2040 infrage zu stellen. Das hat Folgen: Andere Staaten wissen jetzt: Die EU wird in Belém kein progressiver Akteur sein – kein Verbündeter der vom Klimakollaps am stärksten betroffenen Regionen und kein Gegengewicht zur fossilen Industrie.

Bild: privat

Kathrin Henneberger

ist Klimaaktivistin und ehemalige Bundes­tags­abgeordnete der Grünen und engagiert sich seit vielen Jahren in der Klima­gerechtigkeits­bewegung. Als Teil der "Flotilla 4 Change" schreibt sie für Klima­reporter° eine Gast­beitrags-Serie auf dem Weg zur Klima­konferenz COP 30 in Brasilien sowie vom Gipfel selbst. 

Gleichzeitig genehmigt die Bundesregierung neue fossile Projekte – wie etwa die Erdgasförderung vor Borkum – und plant neue Gaskraftwerke.

Für den 14. November hat Fridays for Future deshalb wieder zu Protesten aufgerufen – in Deutschland und weltweit. Wenn Politiker in Regierungsverantwortung die Dringlichkeit der Klimakrise nicht begreifen, liegt es wieder einmal in der Hand aller Menschen, sie auf die Tagesordnung zu setzen, die Krisenlage auszurufen und Handeln einzufordern.

Für mich zeigt sich hier eine andere Dimension: Es macht einen Unterschied, ob Frauen wie Annalena Baerbock und Jennifer Morgan, die frühere Sonderbeauftragte für internationale Klimapolitik, die deutschen und europäischen Verhandlungen auf den COPs leiten – Frauen, die die Perspektiven der am stärksten Betroffenen im Blick haben und sich klar gegen Abschwächungen der Verhandlungstexte stellen.

Oder ob die Verhandlungen von jenen geprägt werden, die eng verbunden sind mit Akteuren, die ein Interesse daran haben, dass alles so bleibt, wie es ist – um ihre Investitionen zu schützen und eine grundlegende Veränderung des auf fossiler Verbrennung und kolonialer Ausbeutung beruhenden Wirtschaftssystems zu verhindern.

Ohne Gleichberechtigung keine Klimagerechtigkeit

Es macht den größten Unterschied, wenn die Menschheit in ihrer Vielfalt gleichberechtigt am Verhandlungstisch sitzt, ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringt. Frauen und Mädchen sind auf andere Weise von der Klimakrise betroffen, und gleichzeitig haben sie weltweit weniger Zugang zu politischen Entscheidungsstrukturen.

Besonders gilt das für Frauen in den am stärksten betroffenen Regionen, für nicht-weiße und indigene Frauen, für marginalisierte Gruppen wie Queers und Transfrauen.

Frauen sterben häufiger in Überflutungen, Stürmen und Hitzewellen, und sie tragen den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit, wenn Krisen Gesellschaften erschüttern. Nicht, weil sie "schwächer" sind – sondern, weil sie nicht gleichberechtigt an Entscheidungen beteiligt sind, in der Familie wie in der Politik.

Fehlen ihre Perspektiven, Bedürfnisse und ihr Wissen, dann spiegeln die Maßnahmen diese auch nicht wider. Die Klimakrise ist kein rein technisches oder wirtschaftliches Problem – sie ist eine gesellschaftliche Krise.

Es wird keine klimagerechte Lösung geben, die nicht auch queer-feministisch, antirassistisch, intersektional und inklusiv gestaltet ist. Auf den Weltklimakonferenzen haben sich aus diesem Grunde bereits früh Strukturen entwickelt, die Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der Verhandlungen, in Verhandlungstexten sowie bei der Ausgestaltung von Fonds einfordern.

Auf diesem Klimagipfel droht ein Rückschritt, warnt UN Women

Aus diesem Grund haben sich auf den Weltklimakonferenzen früh Strukturen entwickelt, die Geschlechtergerechtigkeit in die Verhandlungen und Fonds integrieren. Jeden Morgen trifft sich die Women and Gender Constituency – Vertreter:innen aus verschiedenen Organisationen und Bevölkerungsgruppen, die die Verhandlungen aus einer geschlechtergerechten, intersektionalen Perspektive begleiten.

2017 wurde der erste "Gender Action Plan" beschlossen, um Instrumente für Geschlechtergerechtigkeit im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen zu etablieren. Auf dieser Klimakonferenz soll der nächste Aktionsplan verabschiedet werden.

Die UN-Unterorganisation UN Women warnt, dass ein Scheitern der Verhandlungen die bisherigen Erfolge für Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte gefährden würde. Sie fordert ausreichende Finanzierung, den Schutz der Rechte von Frauen und Mädchen in all ihrer Vielfalt sowie die Sicherung von Menschenrechten und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Wenn seefahrende Frauen den Unterschied machen

400 Seemeilen vor der brasilianischen Küste. Delfine springen um uns herum, einen Tag später begleiten uns zwei Gelbflossen-Thunfische, die golden und blau im Wasser glitzern.

Segeln zu erlernen ist ähnlich wie das Verständnis der Ursachen und Wirkungen der Klimakrise – beides beruht auf physikalischen Naturgesetzen. Am schnellsten sind wir im "Raumwindkurs". Das bedeutet, dass wir die Segel möglichst weit öffnen und schräg achtern stellen.

In Teneriffa ist Nele an Bord gekommen. Sie ist Anfang zwanzig und bringt mehr Wissen über das Setzen der Segel mit als wir Klimaaktivistinnen alle zusammen.

Schon nach wenigen Tagen wird sie von den Offizieren um Rat gefragt, damit die Segel bauchig, faltenfrei und optimal getrimmt sind – und wir noch ein paar Knoten Fahrt zulegen. Nele bildet bereits Kinder- und Jugendgruppen im Segeln aus. Von ihr lerne auch ich in wenigen Tagen mehr, als ich zuvor in einem Monat auf See erfahren habe.

"Der Wind strömt an den beiden Seiten des Segels entlang. Da die äußere – dem Bug zugewandte – Seite durch die bauchige Wölbung des Segels länger ist, entsteht hier ein Unterdruck. Ein Effekt wie bei einem Flugzeugflügel entsteht und das Schiff wird nach vorne gezogen", erklärt Nele in einfachen Worten komplexe physikalische Prozesse, die uns überhaupt ermöglichen, über den Atlantik zu setzen.

Wir lesen die Windrichtung an der Fahne am Mast ab – immer im Bewusstsein, dass dies der scheinbare Wind ist, der sich aus dem wahren Wind und unserem Fahrtwind zusammensetzt. Dieser scheinbare Wind ist der für uns relevante, der sich je nach Geschwindigkeit verändert, den wir spüren und mit dem wir segeln.

 

Langsam kämpft sich unser Schiff aus der wirbelnden Gegenströmung vor der brasilianischen Küste, bis wir plötzlich mehrere Knoten schneller werden. Zufällig stehe ich gerade am Ruder und spüre, wie das Schiff endlich wieder beginnt, kraftvoll durch die Wellen zu schneiden. Wir schaukeln, der Kurs schwankt – nun heißt es gegensteuern, gleichzeitig auf Windrichtung und Kompasskurs achten, das Gleichgewicht halten, kein Eintauchen des Großbaums riskieren – wenn sich das Schiff zu stark auf die Seite legt und die Baumspitze das Wasser berührt – und wieder Fahrt aufnehmen.

Die Zeiten meiner Wachen haben sich geändert – von 0 bis 4 Uhr in der Nacht und von 12 bis 16 Uhr am Tag. Meine Wache besteht jetzt aus Nele und Jasper – bestes Team.

Mitten in der Nachtwache überkommt uns aber der Hunger, und so werden Snacks gereicht – beziehungsweise ein paar Kartoffeln in die Form von Fritten geschnitten und mit ordentlich Gewürzen im Ofen gebacken, Weiß- und Rotkohl zusammen mit Limetten und Äpfeln zu einem frischen Salat geschnippelt, eine Erdnuss-Knoblauch-Soße verfeinert das Gericht: Loaded Pommes vom Feinsten – und hoffentlich nur noch wenige Stunden bis zur Ankunft in Belém.