Der Wind drückt gegen die Segel. (Bild: Kathrin Henneberger)

Von der Westküste Afrikas geht es mit den östlichen Winden quer über den Atlantik. Es sind die alten Segelrouten von Europa nach Süden, entlang der afrikanischen Küste, über Teneriffa bis zu den Kapverdischen Inseln. Von dort greift der Passatwind – ein steter Wind, der uns über den Ozean trägt.

Von der Kapverden-Insel Sal aus setzen wir die Segel nach Westen. Nach Tagen und Wochen voller Sonne sind wir nun eins mit den aufquellenden Wolken, die in Reih und Glied über den Himmel ziehen.

Die Passatwinde entstehen hier, nördlich des Äquators, wo sich die Luft erwärmt, dann aufsteigt und nach Norden hin wieder abkühlt. Die Corioliskraft bringt Schwung. Die Erdrotation sorgt dafür, dass sich die Luftmassen von Ost nach West bewegen. Am Äquator bewegt sich die Erdoberfläche schneller als in nördlicheren oder südlicheren Breitengraden.

Schaumkronen beginnen sich zu bilden, die Wellen werden höher. Wir nehmen Fahrt auf. Für einen Moment fühlt es sich an, als wären wir eins mit den Elementen, als gehörten wir dazu – als wären unsere Segel selbst nur weiße Wolken im Passat.

Wenn ich von "alten Segelrouten" schreibe, steckt darin leider auch eine brutale Vergangenheit. Die Passatwinde wurden einst von Europäern genutzt, um den amerikanischen Kontinent zu kolonialisieren, auszubeuten, indigene Bewohner:innen zu ermorden und den blutigen Sklavenhandel von Afrika nach Amerika aufzubauen.

"Schließen wir uns zusammen, gemeinsam sind wir stark!"

Bei aller Ehrfurcht beim Segeln über den Atlantik darf die Vergangenheit niemals vergessen werden. Sie muss unser Handeln in der Gegenwart bestimmen.

Noch immer sind die Verbrechen jener Zeit unzureichend aufgearbeitet, und Entschädigungen für das erlittene Leid fehlen. Koloniale Ausbeutung besteht bis heute fort – auf dem afrikanischen wie auf dem amerikanischen Kontinent.

Im Norden Kolumbiens beispielsweise zerstören große Steinkohletagebaue das Land indigener und afrokolumbianischer Gemeinden – Kohle, die auch nach Deutschland exportiert und in hiesigen Kraftwerken verbrannt wird.

In Brasilien stehen indigene Territorien unter Druck durch Abholzung für Soja, Mais und Viehzucht. Ein sich verschärfender Konflikt entsteht durch den Rohstoffabbau, etwa durch Goldwäsche in den Flüssen Amazoniens, die Wasser, Land und die dort lebenden Menschen mit Quecksilber vergiftet.

Bild: privat

Kathrin Henneberger

ist Klimaaktivistin und ehemalige Bundes­tags­abgeordnete der Grünen und engagiert sich seit vielen Jahren in der Klima­gerechtigkeits­bewegung. Als Teil der "Flotilla 4 Change" schreibt sie für Klima­reporter° eine Gast­beitrags-Serie auf dem Weg zur Klima­konferenz COP 30 in Brasilien sowie vom Gipfel selbst. 

Von Kolumbien aus hat sich, ähnlich wie aus Europa, eine Flottille in Bewegung gesetzt: die Yaku Mama Amazon Flotilla. Mit Booten fahren indigene Vertreter:innen flussabwärts, organisieren Veranstaltungen und Protestaktionen.

"Ich schütze den Regenwald für alle Menschen, für zukünftige Generationen", sagt Yuturi Warmi, indigene Vertreterin und Wächterin von Serena. "Wir müssen uns zusammenschließen, gemeinsam sind wir stark!"

Zunächst vernetzen wir uns über Instagram, wechseln bald auf Whatsapp. Wir nähern uns aus zwei unterschiedlichen Richtungen dem Ort des Weltklimagipfels.

Dieses Mal aber nutzen wir die Passatwinde nicht, um zu zerstören. Dieses Mal kommen wir aus Europa als Verbündete. In Belém, auf der Weltklimakonferenz, wird es darum gehen, die Stimmen jener in den Mittelpunkt zu stellen, die am stärksten von Raubbau und Klimakrise betroffen sind – und zugleich längst Lösungen vorleben.

Innerhalb der Strukturen der UN-Klimakonvention war es ein jahrzehntelanger Kampf, bis indigene Vertreter:innen sich selbst repräsentieren konnten, unabhängig von den Staaten, in denen sie leben.

Daraus ist die Indigenous Peoples Platform entstanden: ein offizieller Teil der UN-Verhandlungen, in dem sich indigene Gemeinschaften weltweit vernetzen, Allianzen bilden und gemeinsam für ihre Rechte kämpfen – für den Schutz ihrer Territorien und für eine gerechte Finanzierung von Klima- und Anpassungsmaßnahmen.

Tropischer Regen und Freunde hinterm Horizont

Auf dem Atlantik ziehen inzwischen Wasserpflanzen an uns vorbei. Eine kurze Recherche ergibt: Es ist das Seegras Sargassum. Die goldenen Pflanzen sehen auf den ersten Blick wunderschön aus – wie ein Blumenteppich im Meer.

Doch wie die britische Zeitung The Guardian berichtet, nehmen die Seegrasflächen stark zu und schaden der Tierwelt, vor allem in Küstenregionen. Das Licht dringt nicht mehr bis zum Meeresboden, junge Meeresschildkröten finden zwischen den angespülten Seegrasbergen oft nicht mehr den Weg ins offene Meer.

Plötzlich verdunkelt sich der Himmel, und gleichzeitig nimmt der Wind ab. Es beginnt zu regnen. Dicke, warme Tropfen prasseln auf uns nieder. Wir erleben unseren ersten tropischen Regenschauer.

Die meisten aus der Crew flüchten unter Deck. Wir, die wir Wache haben, bleiben draußen, lassen uns nassregnen, halten Kurs und genießen den Moment. Das Prasseln der Tropfen übertönt das Rauschen der Wellen. Es ist magisch – und viel zu schnell vorbei.

Mein Handy summt – ein Freund auf einem Boot der Captain Paul Watson Foundation schickt mir ein Foto unserer Positionen. Ihr Schiff zieht hinter dem Horizont an uns vorbei. Mit ihren schnellen Einsatzbooten sind sie deutlich flotter als unser altes Segelschiff. Auch sie sind auf dem Weg nach Belém. Wir winken uns digital zu und freuen uns auf das Wiedersehen. Dort wartet auch schon die "Rainbow Warrior" von Greenpeace.

Neben meiner Koje steht seit Amsterdam eine leere Rumflasche mit einem Brief – eine Flaschenpost, die mir die Crew des Greenpeace-Eisbrechers "Arctic Sunrise" mitgegeben hat.

In solchen Momenten erscheinen mir die Weltmeere, trotz all ihrer Größe und Tiefe, wie ein einziges großes Dorf – in dem man immer wieder zufällig auf alte Freund:innen trifft.

Schiffe können kippen – unser Klimasystem auch

Währenddessen wird der "Emissions Gap Report" des UN-Umweltprogramms Unep veröffentlicht: Die Welt steuert auf eine Erwärmung um 2,8 Grad bis 2100 zu – mit unaufhaltsamen Kettenreaktionen an Klimakipppunkten. Es braucht stärkere und schnellere Maßnahmen, um die menschengemachten Emissionen zu senken. Sonst überschreiten wir in diesem Jahrzehnt die 1,5-Grad-Grenze.

Und genau darum geht es: um unser aller Leben, um unsere gemeinsame Zukunft. Wenn wir unsere Stimmen nicht gemeinsam erheben und solidarisch mit jenen stehen, die am stärksten unter der Klimakrise und dem fossilen Raubbau leiden – dann werden wir es nicht schaffen, die Menschheit vor der Klimakatastrophe zu bewahren.

Jetzt gilt: Egal, wo ihr seid auf der Erde – organisiert euch, werdet laut, macht Druck auf eure Regierungen – für Klimagerechtigkeit!

 

Ein Ruck geht durch das Schiff. Plötzlich sind wir in Schieflage. Sturmböen und Regen peitschen über das Deck. Für einen Moment scheint es, als verlöre die Mannschaft die Kontrolle.

Hektische Rufe hallen über das Schiff, Luken werden geschlossen, Menschen stemmen sich mit ihrem ganzen Körpergewicht in die Seile, um die Segel einzuholen und neu zu setzen.

Wir sind in unseren ersten kleinen tropischen Sturm geraten. Die See schäumt wild um uns, und in diesem Augenblick ist Verletzlichkeit spürbar – am Ende des Tages sind wir Menschen den Naturgewalten ausgeliefert, eine kleine Nussschale auf dem großen Atlantik.

Wir können versuchen, uns mit stabilen Strukturen – wie mit einem starken Schiff – zu schützen. Aber einmal außer Kontrolle geraten, können auch wir sinken, so wie die Menschheit in einer entfesselten Klimakatastrophe.