"Fridays for Future wird den Lebensstil der Jugend ändern"

Der Umweltforscher Rainer Grießhammer erwartet, dass die Bewegung der streikenden Schülerinnen und Schüler massive politische und kulturelle Veränderungen bringen wird.


Viele Menschen auf einer Demonstration. Es werden Schilder gehalten. Auf einem steht:
Klimaschutz bringt Woche für Woche Menschen auf die Straße, hier bei einer Fridays-for-Future-Demonstration in Berlin. (Foto: Annika Keilen)

Klimareporter°: Herr Grießhammer, Sie beobachten die Umweltszene seit über 40 Jahren. Was ist bei Fridays for Future anders als in der Umweltbewegung früher?

Rainer Grießhammer: Überraschend war die nahezu schlagartige Entstehung. Das gab es früher nur einmal: 1986 nach dem atomaren GAU in Tschernobyl. Mit Internet, Facebook und Whatsapp-Gruppen gibt es Möglichkeiten zur Mobilisierung, die es damals nicht gegeben hat.

Anders ist auch der sehr hohe Anteil von Jugendlichen und die zumindest anfangs geringe Vernetzung mit Umweltorganisationen.

Woher kommt die erstaunliche Kraft der neuen Bewegung?

Deutschland und Europa waren ja lange von den prognostizierten Folgen der Klimaerhitzung verschont geblieben. Das hat sich im letzten und diesem Jahr massiv verändert und wurde in der ganzen Gesellschaft so empfunden.

Die Jugendlichen haben darüber hinaus verstanden, dass bei drei oder vier Grad Erderhitzung ihre eigene "Future" versaut wird.

Der Soziologe und Bewegungsforscher Dieter Rucht warnt davor, gleich eine neue politische Generation auszurufen. Ein Großteil der jungen Leute bleibe passiv oder habe andere Prioritäten. Richtig?

Anders als Rucht gehe ich davon aus, dass es durch Fridays for Future tatsächlich einen politisch und kulturell massiven Wechsel geben wird – wie vielleicht zuletzt mit der 68er-Bewegung.

Das wird sich auch in den Lebensstilen der Mehrheit zeigen: Das Elterntaxi, das eigene Auto, der Billigflug zum Barcelona-Wochenende sind dann out. Und der Streit mit den Eltern beim geplanten Kauf eines SUV ist vorprogrammiert.

Porträtaufnahme von Rainer Grießhammer.
Foto: Patrick Seeger/​DBU

Rainer Grießhammer

Der studierte Chemiker und langjährige Geschäfts­führer des Öko-Instituts Freiburg warnte bereits früh vor dem Klimawandel und forderte in viel gelesenen Büchern eine engagierte Klimapolitik und nachhaltigen Konsum. 2010 erhielt er den Deutschen Umwelt­preis.

Fridays for Future hat die Klimakrise in die Mitte der politischen Debatte gebracht, und selbst die Wirtschaft fordert CO2-Steuern. Ist das der Durchbruch?

Ich fürchte, nein. So schnell wird es leider nicht gehen. Die traditionelle politische Taktik hat ja vier Stufen: zuerst Problem verleugnen, dann das Problem anerkennen, dann wie jetzt das Thema besetzen, aber nur halbherzige Beschlüsse fassen.

Erst nach langem Widerstand kommt der wirkliche Umschwung. Ich befürchte, dass im Herbst allenfalls ein zahmer nationaler Emissionshandel mit wenig anspruchsvollen Regeln zur CO2-Bepreisung beschlossen wird.

Und was müsste stattdessen beschlossen werden?

Nötig ist ein radikaler Systemwechsel mit einem Bündel von Maßnahmen. Eine schnell wirkende CO2-Steuer mit Kompensation für arme Haushalte, die Rücknahme der absurden Steuererleichterungen für den Flugverkehr, Tempolimits auf Autobahnen, Landstraßen und innerorts, ein beschleunigter Ausbau der erneuerbaren Energien.

Und weil die meisten CO2-Emissionen aus dem Gebäudebereich kommen, muss der vorliegende Entwurf des Gebäudeenergiegesetzes verschärft werden – mit echtem Passivhausstandard für neue Gebäude und verpflichtenden Sanierungen für Bestandsgebäude.

Allein durch die Rücknahme der Steuerbefreiungen beim Flugverkehr würden dafür jährlich zwölf Milliarden Euro für Fördermittel zur Verfügung stehen.

Die zwei größten Erfolge der Umweltbewegung bisher waren in den 1980er Jahren die Durchsetzung von Maßnahmen gegen das Waldsterben – Entschwefelungsanlagen für Kohlekraftwerke, Katalysatoren für Autos – und der Atomausstieg, der 2011 besiegelt wurde. Was kann Fridays for Future daraus lernen?

Erfolgsbedingungen waren die großen Demonstrationen und Platzbesetzungen, eingängige Slogans wie "Atomkraft – nein danke" und mit der Energiewendestudie des Öko-Instituts das überzeugende Aufzeigen von Alternativen.

Nach dem GAU in Tschernobyl 1986 bildeten sich bundesweit 400 Energiewende-Komitees. Die koordinierten sich über die nachfolgenden zehn bis 15 Jahre in einem losen Netzwerk mit Weiterbildungen, Austausch zu erfolgreichen Initiativen und Strategiediskussion. Viele kommunale Energie- und Klimakonzepte, Pilotprojekte mit Photovoltaikanlagen und Windkraft und Ökostromversorger wie die EWS Schönau sind daraus entstanden.

Wie man an den Demos und dem Sommerkongress sieht, hat Fridays for Future das schon längst gelernt, aber offensichtlich außerhalb der Schule.

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