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Die Dörfer werden Garzweiler überleben

Die nordrhein-westfälische Landesregierung sollte sich jetzt für die bedrohten Dörfer und gegen den Braunkohletagebau entscheiden. Dass sie dies erst 2026 tun will, zeigt: Ihre Hörigkeit gegenüber dem Kohlekonzern RWE ist größer als der Wille, Politik für das 21. Jahrhundert zu machen.


Selbstgemaltes buntes Transparent mit der Aufschrift: Alle Dörfer bleiben.
Das bundesweite Bündnis "Alle Dörfer Bleiben" setzt sich für den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Braunkohle ein. (Foto/​Ausschnitt: Leonhard Lenz/​Wikimedia Commons)

Wieder einmal hat die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen mit einer "Leitentscheidung" über die Zukunft des Rheinischen Braunkohlereviers beschlossen. Und wir, die wir am Tagebau Garzweiler wohnen, fühlen uns gefangen in einem Alptraum.

Ein Alptraum, in dem große Maschinen sich Tag um Tag immer näher fressen, um alles zu zerstören, was wir Zuhause nennen. Orte, an denen wir groß geworden sind. Orte, an die wir die schönsten und schmerzhaftesten Erinnerungen unseres Lebens knüpfen. Sie verschwinden, als wären sie nie da gewesen.

"In Anspruch nehmen" nennen es die Landesregierung und der Kohlekonzern RWE, wenn sie in der Leitentscheidung die Flächen bestimmen, die abgebaggert werden sollen. "Rückbau" nennen sie es, wenn sie dann mit Kettensägen und Baggern kommen, uns unsere Wälder und Häuser nehmen.

Am Tagebau Garzweiler wollen Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet und seine Regierung die Dörfer Immerath und Lützerath so schnell wie möglich zerstören, die anderen fünf Dörfer sollen bis 2028 folgen.

Wenig entfernt am Tagebau Hambach wollen sie zwar den zum Symbol gewordenen Hambacher Forst stehen lassen, aber so um ihn herum baggern, dass auch hier ein weiteres Dorf zerstört werden soll und das alte Wald-Ökosystem so unter Hitze- und Dürrestress geraten wird, dass sein Weiterbestehen nicht gesichert ist.

Insgesamt fast eine Milliarde Tonnen Braunkohle wollen sie hier weiter fördern. Angesichts der fortschreitenden Klimakrise und der Tatsache, dass wir so schnell wie möglich unsere Emissionen auf null reduzieren müssen, wenn wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse und das Pariser Klimaabkommen respektieren, ist das unbegreiflich und fernab der Realität.

In einer Welt von vorgestern

"Unsere" Landesregierung unter Ministerpräsident Laschet verharrt in ihrem eigenen parallelen Universum. In einer Welt von vorgestern, geprägt von der Vorstellung, es sei das Recht reicher Menschen im globalen Norden, mit der Ausbeutung der Natur und auf Kosten der Menschen in den Ländern des globalen Südens reich zu werden und zu bleiben.

Neben der Landesebene nehmen wir die Bundespolitik und die europäische Politik in Mithaftung für das, was mit unserem Zuhause passiert. Das Rheinische Braunkohlerevier ist und bleibt als größte CO2-Quelle Europas einer der zentralen Orte, an der über unser aller Zukunft entschieden wird. Wir führen unsere Auseinandersetzung gegen die Kohlebagger auch, aber nicht nur für eine Handvoll Dörfer.

Porträtaufnahme von David Dresen.
Foto: Sebastian Kiefer

David Dresen

ist einer der Sprecher der Initiative "Alle Dörfer Bleiben". Der studierte Philosoph und Politikwissenschaftler lebt in dem bedrohten Dorf Kuckum bei Erkelenz, wo er auch aufgewachsen ist.

Für verantwortungsvolle und zukunftsorientierte Menschen ist hier die rote Linie. Die Tagebaue und Kohlekraftwerke haben klimapolitisch schon lange keine Existenzberechtigung mehr.

Im Jahr 2026, so hat die Landesregierung nun angekündigt, wolle sie prüfen, ob die Zerstörung von Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich wirklich noch notwendig sei.

Dabei zeigt die wissenschaftliche Faktenlage schon heute eindeutig, dass die Braunkohle unter den Dörfern gar nicht mehr benötigt wird. Zu diesem Schluss kommt sogar ein lange unter Verschluss gehaltenes Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums.

Die Kohlebagger kratzen bereits seit Monaten an unseren Gartenzäunen. Dass die Landesregierung erst in fünf Jahren zugeben will, dass unsere Dörfer niemals abgebaggert werden, ist ein politisches Armutszeugnis.

Sie scheut sich davor, jetzt für uns Betroffene und damit gegen RWE zu entscheiden. Sie setzt auf einen Zermürbungseffekt bei uns in den kommenden Jahren, aber den wird es nicht geben. Für uns steht fest, dass wir in unseren Häusern wohnen bleiben. Warum sollten wir auch aufgeben, wenn alles für uns spricht?

Kathrin Henneberger
Foto: privat

Kathrin Henneberger

ist Klima­aktivistin aus dem Rheinischen Braun­kohle­revier. Sie ist Kandidatin der Grünen zur Bundes­tags­wahl für den Wahlkreis am Tagebau Garzweiler. Als Autorin schreibt sie regelmäßig für Klimareporter° und andere Medien.

In Lützerath werden wieder Baumhäuser gebaut. Der Priesterrat des Bistums Aachen stoppte kürzlich die vorzeitige Entwidmung der Keyenberger Pfarrkirche. Trotz Corona-Pandemie gingen im letzten Jahr immer wieder Hunderte, Tausende Menschen mit Abstand auf die Straße, um für den Erhalt der Dörfer und eine zukunftsfähige Klimapolitik zu protestieren.

Die Zukunft wird nicht länger von der fossilen Industrie und ihren politischen Verbündeten geschrieben – sie wird von uns geschrieben.

Ministerpräsident Laschet, Schoßhündchen von RWE, hat es schon nicht geschafft, den Hambacher Wald zu roden. Er sollte aufpassen, dass er auf dem Weg ins Kanzleramt nicht auch noch über den Widerstand am Tagebau Garzweiler stolpert.

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