Der heiße Klimaherbst

In weniger als einem Jahr sind Fridays for Future und Extinction Rebellion zu globalen Bewegungen geworden. Beide setzen auf sozialen Ungehorsam als Mittel – und beide planen für die kommenden Wochen Aktionen von beispiellosem Ausmaß.


Aufnahme von einer Klimademo in London
Klimaprotest mit rosarotem Boot in London. (Foto: Andy Reeves)

Am 20. August 2018 setzte sich eine junge Schwedin vor das Parlament ihres Landes und forderte ernsthafte Anstrengungen beim Klimaschutz. Der Clou: Sie tat das nicht in ihrer Freizeit, sondern während des Unterrichts. Mit diesem "Schulstreik fürs Klima" verletzte Greta Thunberg folglich die Schulpflicht.

Zur gleichen Zeit tourten Roger Hallam, Gail Bradbrook und eine Handvoll Mitstreiter durch englische Kleinstädte und hielten Vorträge. Ihr Ziel: "Rebellen" zu sammeln, die bereit sind, sich bei Klimaprotesten verhaften zu lassen.

Am 8. Oktober kam dann die Legitimation für diese rechtswidrigen Aktionen: Der Weltklimarat IPCC berichtete, dass die Menschheit ihre Emissionen bis zum Ende des Jahres 2030 halbieren muss, um die Chance zu wahren, die Klimaüberhitzung bei 1,5 Grad zu stoppen.

Weniger als ein Jahr später sind die von Greta Thunberg inspirierten "Fridays for Future" und die "Extinction Rebellion" (XR), der Aufstand gegen das Aussterben, globale Bewegungen.

Viele Menschen auf der ganzen Welt sind angesichts der Klimapolitik ihrer Regierungen offensichtlich zum gleichen Schluss gekommen wie Greta Thunberg: "Es ist Zeit zu rebellieren". Und genau das ist in einem bislang beispiellosen Ausmaß für die kommenden Wochen geplant.

Flugpause, Generalstreiks, Klimasondergipfel

Den Auftakt macht die umstrittenste Aktion: Am kommenden Freitag, dem 13. will eine XR-Ausgründung den Flughafen London-Heathrow mit Drohnen lahmlegen. Dafür gab es keinen Konsens innerhalb von Extinction Rebellion und daher läuft die Aktion jetzt unter dem Namen "Heathrow Pause".

Eine Woche später findet der weltweite Generalstreik von Fridays for Future statt, der auch von Gewerkschaften, Kirchen und selbst einigen Unternehmen unterstützt wird. Wieder eine Woche später folgt der nächste Streik.

Zwischendurch haben die "Führer der Welt" Gelegenheit zu sagen, was sie gegen die Klimakrise zu tun gedenken – beim Klimagipfel von UN-Generalsekretär António Guterres in New York. Dort werden voraussichtlich viele Länder ankündigen, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu sein.

Der IPCC-Bericht hat allerdings gezeigt, dass für das Klima eigentlich eine andere Frage entscheidend ist: Welche Länder sind bereit, ihre Emissionen in den kommenden elf Jahren zu halbieren?

Regierungsviertel sollen besetzt werden

Die spektakulärste Aktion folgt dann zehn Tage später: Ab dem 7. Oktober will Extinction Rebellion das Londoner Regierungsviertel für zwei Wochen oder mehr besetzen. Eine ähnliche Aktion fand bereits im April statt, wo mehr als tausend Menschen verhaftet wurden.

Es ist absehbar, dass die britische Polizei versuchen wird, durch Massenverhaftungen die Besetzung in der ersten Woche zu beenden. Ob ihr das gelingt, hängt von zwei Zahlen ab: Wie viele Polizisten stehen zur Verfügung und wie viele Menschen sind bereit, sich verhaften zu lassen?

In der zweiten Woche bekommen die Rebellen dann Unterstützung von unerwarteter Seite: der britischen Politik. Denn dann entscheidet sich, ob der britische Premierminister Boris Johnson einen neuen Brexit-Deal mit der EU aushandeln kann oder ob er die Verschiebung des Brexit beantragen muss. Folglich ist mit Demonstrationen für und gegen den Brexit zu rechnen.

Während die XR-Rebellen gewaltlos sind, haben Brexit-Demonstrationen aber ein gewisses Gewaltpotenzial und werden daher einen Teil der Polizeikräfte binden. Damit dürfte der Verhaftungsdruck auf die Klimarebellen abnehmen.

Ähnliche XR-Aktionen sind außerdem in Berlin, Paris, New York und anderen Städten geplant. Dort können die Rebellen allerdings nicht auf Hilfe von der lokalen Politik zählen.

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