Anzeige
Wir suchen Dich.

"Wir brauchen umfassende Nachhaltigkeit, nicht nur Klimaneutralität"

Mit Agora Agrar hat ein weiterer Agora-Thinktank seine Arbeit aufgenommen, um mehrheitsfähige Lösungen für die Dekarbonisierung zu finden. Es geht dabei um das ganze Spektrum von Landnutzung und Ernährung, betont Direktorin Christine Chemnitz – und auch um mehr als nur um Treibhausgasreduktion.


Heuernte mit dem Traktor auf einem Feld im Münsterland, im Hintergrund Mischwald.
Agora Agrar will sich umfassend mit Landnutzung und Ernährung befassen. (Foto: Erich Westendarp/​Pixabay)

Klimareporter°: Frau Chemnitz, die Gründung von Agora Agrar rückt die Agrarwende in den Fokus und zieht etwas Aufmerksamkeit von Energie- und Verkehrswende ab. Dabei sind die landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen viel niedriger als die von Verkehr und Energie. Warum ist es nötig, gerade jetzt so einen neuen Thinktank zu gründen?

Christine Chemnitz: Mit unserer Neugründung begleiten die Agora-Thinktanks jetzt den Weg zur Klimaneutralität in allen wichtigen Sektoren – nach Energie, Verkehr und Industrie nun auch in der Landwirtschaft, einschließlich Ernährung und Forsten.

Das ist ein großer Gewinn. Zum einen, weil Klimaneutralität in der Industrie und der Energiewirtschaft eng mit der Landnutzung – also Land- und Forstwirtschaft – verknüpft ist.

Zum anderen, weil auch Landnutzung und Ernährung erhebliche Mengen an Treibhausgasen einsparen müssen. Ernährung und Landwirtschaft sind zusammen für rund ein Viertel der deutschen Emissionen verantwortlich.

Hinzu kommt, dass Landwirtschaft, Ernährung und Forst mehr als andere Bereiche unterschiedliche Nachhaltigkeitsdimensionen miteinander verbinden. Agora Agrar befasst sich deshalb nicht nur mit Klimaneutralität, sondern auch mit anderen Nachhaltigkeitszielen wie dem Erhalt der biologischen Vielfalt und einer gesunden und nachhaltigen Ernährung für alle.

Dass die Landwirtschaft ökologisch und klimapolitisch einen Neustart braucht, ist seit Langem klar. Wie wollen Sie erreichen, dass das vorhandene Wissen auch angewandt wird? Haben Sie dafür neue Ansätze? An wen richtet sich Agora Agrar vor allem?

Wir wollen es politischen Akteurinnen und Akteuren leichter machen, wissenschaftlich begründete Konzepte in die Praxis umzusetzen. Dafür möchten wir vorhandenes Wissen besser zugänglich machen. Nicht nur für politische Entscheider:innen, sondern für alle, die am Transformationsprozess unseres Sektors beteiligt sind.

Um die Transformation zu unterstützen, entwickeln wir nicht nur wissenschaftlich fundierte Analysen, sondern auch politische Strategien. Dazu wollen wir jeweils mit den Beteiligten in Dialog treten und dazu beitragen, dass die Erkenntnisse auch genutzt werden.

Dass vorhandenes Wissen bisher nicht ausreichend für die Gestaltung des Transformationsprozesses berücksichtigt wird, ist auch unser Eindruck. Das war für uns ein wichtiger Antrieb, Agora Agrar zu gründen.

Den gesamten Ernährungs- und Landnutzungssektor zu verändern ist eine Mammutaufgabe. Welche Stellschrauben sind die wichtigsten, damit die Transformation gelingt und dabei gesellschaftlich akzeptiert und wirtschaftlich tragbar ist?

Das Besondere an Agora Agrar ist, dass wir uns umfassend mit Agrar-, Ernährungs- und Forstthemen beschäftigen.

Den Schwerpunkt legen wir auf den Umbau in Deutschland selbst. Unser Arbeitsfeld reicht hier von der Nutztierhaltung und dem nachhaltigen Ackerbau über Landnutzungsfragen und die Wiedervernässung von Mooren bis zur Gestaltung von Ernährungsumgebungen, die es allen Menschen ermöglichen, sich für eine gesunde und nachhaltige Ernährung zu entscheiden.

Natürlich werden wir uns auch mit der EU-Ebene befassen. Dort sind die wichtigsten Themen für uns die europäische Klimapolitik für den Landnutzungsbereich sowie die Neugestaltung der EU-Agrarpolitik. Wir werden dazu mit Thinktanks aus Brüssel und aus anderen EU-Ländern zusammenarbeiten.

Wie viele Treibhausgase kann der Agrarsektor überhaupt einsparen? Laut einer Studie von Agora Energiewende wird die Landwirtschaft im Jahr 2050 Hauptemittent in Deutschland sein – mit Restemissionen um die 40 Millionen Tonnen aus der Massentierhaltung.

Porträtaufnahme von Christine Chemnitz.
Foto: Agora Agrar

Christine Chemnitz

ist Co-Direktorin des im Mai gegründeten Thinktanks Agora Agrar in Berlin. Die promovierte Agrarökonomin leitete zuvor mehr als 15 Jahre das Referat für internationale Agrar- und Ernährungspolitik der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung.

Bei Landwirtschaft und landwirtschaftlicher Bodennutzung gibt es ein hohes Potenzial, Treibhausgase einzusparen. Um das zu erschließen, müssen jetzt die Weichen gestellt werden.

Die wesentlichen Stellschrauben liegen in drei Bereichen. Erstens müssen die Produktion und der Konsum tierischer Produkte wie Milch und Fleisch verringert werden. Zweitens sollte synthetischer Stickstoffdünger weniger und effizienter eingesetzt werden. Und drittens müssen die heute landwirtschaftlich genutzten Moorflächen zum großen Teil wiedervernässt werden.

Das sind große, gesamtgesellschaftliche Herausforderungen, die nach Gestaltung rufen. Dazu will Agora Agrar beitragen.

Wie lässt sich verhindern, dass zwar die Ziele im Inland erreicht, die Probleme aber in andere Länder verlagert werden? Beispielsweise sinkt hierzulande der Fleischkonsum, der Export von Fleisch aber steigt.

Sie haben recht, gerade bei Fleischproduktion und Fleischkonsum muss es politische Maßnahmen geben, die sowohl das Angebot als auch die Nachfrage verändern. Ein Produktionsrückgang in Deutschland darf nicht durch Fleischimporte aus anderen Ländern kompensiert werden. Ebenso wenig zielführend ist es für die Treibhausgasemissionen in Deutschland, wenn hier der Konsum sinkt, aber gleichzeitig die Exportmengen steigen.

Politische Maßnahmen für Konsum und Produktion müssen deshalb Hand in Hand gehen. Agora Agrar wird sich für die kluge Gestaltung und für die Umsetzung solcher Maßnahmen einsetzen.

Ist für Agora Agrar eine Ökologisierung der Landwirtschaft in Form von 100 Prozent biologischem Landbau realistisch? Gehören weniger verbreitete Konzepte wie Agroforstwirtschaft, Paludikultur oder regenerative Landwirtschaft auch zu den Lösungen?

Die Frage nach 100 Prozent Ökolandbau stellt sich aus meiner Sicht nicht. Heute werden nur etwa zehn Prozent der Anbaufläche ökologisch bewirtschaftet. Den Biolandbau zu fördern ist richtig, weil er wichtige Prinzipien verfolgt: weite Fruchtfolgen, biologische Schädlingsbekämpfung, Leguminosenanbau für die Bodenfruchtbarkeit, tierfreundliche Haltung.

Vier Agora-Thinktanks

Die Agora war im antiken Griechenland der zentrale Kultur-, Veranstaltungs- und Marktplatz einer Stadt. Als Versammlungs- und Gerichtsort kam ihr eine zentrale Rolle für das geordnete Zusammenleben in der Gemeinschaft zu.

 

Die Agora-Thinktanks in Berlin wollen mehrheitsfähige Lösungen für die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft finden, um die Klimakrise zu bewältigen. Nach Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und Agora Industrie hat im Mai Agora Agrar als vierter Agora-Thinktank seine Arbeit aufgenommen. Geleitet wird er von den Agrarökonom:innen Christine Chemnitz und Harald Grethe.

Allerdings geht mit dem grundsätzlichen Verzicht auf synthetische Inputs, wie zum Beispiel synthetischen Stickstoffdünger, ein deutlicher Ertragsrückgang einher. Die zentralen Nachhaltigkeitsziele der Bundesregierung können wir nur mit einer grundlegenden Transformation von Ernährung, Land- und Forstwirtschaft erreichen.

Das bedeutet vor allem weitreichende Veränderungen in der konventionellen Landwirtschaft: Nötig sind Verbesserungen beim Pflanzenschutz, und die synthetische Stickstoffdüngung muss deutlich zurückgehen. Außerdem brauchen wir mehr Vielfalt in den Fruchtfolgen und in der Agrarlandschaft.

Uns geht es auch darum, den Umbau zu mehr Nachhaltigkeit so zu gestalten, dass er zu einer Chance für die beteiligten Sektoren wird. Das heißt auch, dass sich daraus neue Einkommensquellen ergeben.

Darum sind beispielsweise die von Ihnen erwähnten Paludikulturen auf wiedervernässten Mooren so wichtig. Wenn der größte Teil der Moore in Deutschland wiedervernässt wird, könnten dort beispielsweise nachwachsende Rohstoffe angebaut werden, die dann als Dämmstoffe nutzbar sind.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier