Rettet den Dodo!

Unser Kolumnist mag Insekten, versucht sogar Spinnen sympathisch zu finden. Zum "Bienen-Volksbegehren" ist er dennoch nicht gegangen. Warum, lesen Sie hier.


Dodo,_Natural_History_Museum,_London
Dodo, ausgestopft im Natural History Museum in London. (Foto: John Cummings/​Wikimedia Commons)

Das sind doch mal erfreuliche Nachrichten von der Ökofront! Zuerst ist auf den Galapagos-Inseln eine seit einem halben Jahrhundert als ausgestorben klassifizierte Riesenschildkröte mit dem reizenden lateinischen Namen Chelonoidis nigra phantasticus wieder aufgetaucht.

Dann, ein paar Tage später, lässt sich noch ein solch angeblich verschollenes Monstrum wieder blicken: die Wallace-Riesenbiene. Das Insekt aus Indonesien galt immerhin ein Jahrzehnt als verschollen.

Warum ausgerechnet solche XXL-Viecher wieder auftauchen, wundert mich ein wenig und lässt mich darüber nachdenken, wie viele kleinere und unauffälligere angeblich verschollene Spezies auch nicht ausgestorben sind, sondern munter irgendwo weiter leben, lieben und allerlei Unsinn stiften, nur eben unter dem Radarschirm der forschenden Menschheit.

Vielleicht taucht ja sogar der Dodo wieder auf, der seit 1690 als ausgerottet gilt. Wobei der einst auf Mauritius lebende Taubenvogel weder schön war noch besonders clever gewesen sein soll. Wäre er sonst ausgestorben?

Die Riesenbiene Wallace passt zum Volksbegehren "Rettet die Bienen", das gerade in Bayern 1.745.383 Menschen zur Unterschrift in die Rathäuser gelockt hat, gigantische 18,4 Prozent aller Wahlberechtigten. Ein Riesenerfolg für die Ökologisch Demokratische Partei (ÖDP), die ansonsten erfolgreich unter dem Radarschirm der öffentlichen Wahrnehmung agiert. Bei der letzten Landtagswahl kam die ländlich-katholische Variante der Grünen auf 1,56 Prozent, weniger als die Bayernpartei (1,71).

Ich habe nicht unterschrieben. Nicht, weil ich keine Arten mag, ganz im Gegenteil. Ich versuche sogar, Spinnen sympathisch zu finden, was mir bei den kleineren Exemplaren, die sich an meinem Finger abseilen, durchaus gelingt. Bei den fetten, behaarten Teilen und den langbeinigen Weberknechten muss ich noch etwas üben. Hornissen finde ich toll, Wespen etwas weniger und bei Schnaken, die nachts in mein Ohr sirren, kenne ich kein Erbarmen.

Morgens zum Bienen-Volksentscheid, nachmittags zu Aldi

Über Bienen braucht man nicht zu diskutieren. Die sind ja sowieso Everybody's Darling, gleichauf mit Babyrobbe und Eisbär. Wird auch ein Grund dafür gewesen sein, dass so viele Menschen beim Volksbegehren mitgemacht haben. Und die, die vormittags so begierig darauf sind, mit ihrer beglaubigten Unterschrift die bedrohte Artenvielfalt aufzurichten, gehen nachmittags zu Lidl, Aldi oder Penny, um dort genau jene Billiglebensmittel zu kaufen, deren Produktion der Grund für das Artendebakel ist.

Vor Niederschrift dieser Zeilen habe mich noch einmal vergewissert. Aktuell liegt der Anteil von Bioprodukten am Gesamtumsatz des Lebensmitteleinzelhandels bei 5,28 Prozent. In Worten: fünfkommazwoacht. Und das, obwohl man bei der täglichen Zeitungslektüre den Eindruck bekommt, dass Bio längst bei 150 Prozent liegen müsste. Nach gefühlten zwanzig Jahren Biowelle ist das, mit Verlaub, ein blamables Ergebnis für die Öko- und Energiewendenation Deutschland.

Foto: Monika Höfler

Der Kolumnist

Der Autor und Journalist Georg Etscheit lebt in München – und regt sich leidenschaftlich gern über die kleinen und großen Stressmomente des Alltags auf.

 

Leider ist der Konsum von Bioprodukten immer noch – oder mehr denn je – ein Hobby der Besserverdienenden. Deswegen haben die Grünen jetzt die soziale Frage entdeckt. Wenn Umweltmaßnahmen auf Kosten der Menschen gingen, müsse man für einen sozialen Ausgleich sorgen, sagte jüngst Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter.

Wie das gehen könnte, will man beim Kohleausstieg vorexerzieren. Mit Milliarden und Abermilliarden, um die Verlierer der "Großen Transformation" ruhigzustellen.

Manchmal lohnt es sich, mit Menschen zu sprechen, die nicht in der eigenen grünen Filterblase sitzen. Jüngst erzählte mir eine Kassiererin in einem angesehenen Münchner Fachgeschäft für Haushaltsbedarf, wie empört Kunden darauf reagiert hätten, weil sie jetzt zehn lumpige Cent für eine Plastiktüte habe verlangen müssen.

Ein Herr habe sogar seinen Einkauf von mehreren hundert Euro einfach an der Kasse stehen gelassen und sei wütend abgedampft. "Der hat bestimmt auch das Volksbegehren unterschrieben", meinte sie noch und zuckte mit den Schultern. 

Hoffen wir also, dass die Wirtschaft weiter brummt und wir noch viele, viele Autos verkaufen, es darf auch der eine oder andere SUV darunter sein, nebst anderen schönen Industrieprodukten, mit denen dann via Steuersegen die ökosoziale Wende bezahlt werden kann. 

Postwachstumsökonomie? Ist mindestens so tot wie der Dodo. Vielleicht könnte die ÖDP, weils doch so schön war, demnächst ein neues Volksbegehren auflegen: Rettet den Dodo!

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