Klimaneutralität ist ein viel zu schwaches Ziel

Eine neue Regierung formiert sich in Deutschland. Das Land hat eine bedeutende Rolle inne beim Begreifen der tatsächlichen Lage, in der sich die Menschheit befindet, und beim Beschreiten der Auswege. Zu entwickeln sind mindestens zehn Handlungsbereiche für eine "Regenerative Dekade".


Karikatur: Familie sitzt im Auto, Abgase werden in Fahrgastraum geleitet. Kind sagt: Spätestens 2050 soll der Motor abgestellt werden!
Unzureichende Ziele bedingen unzureichende Maßnahmen. (Karikatur: Gerhard Mester/SFV)

Alle reden von Klimaneutralität, von der "Netto-Null" bis 2050. Dennoch sind solche Konzepte als gesamtgesellschaftliche Ziele ungenügend und wegen ihrer kalkulatorischen Vagheit schwer zu realisieren – und vor allem sind sie auch viel zu spät gesetzt, und zwar etwa 50 Jahre zu spät.

Es ist so unlogisch wie unverantwortlich, bei einem heutigen CO2-Gehalt in der Atmosphäre von 420 ppm (Millionstel Teilen) und wohl knapp 500 ppm im Jahr 2050 für dieses Jahr dann Klimaneutralität zu fordern – wenn 280 ppm das stabile Niveau darstellen. Die Forderung und das verfolgte Ziel müssen immer Klimapositivität heißen und bedeuten.

Jeder spricht vom Pariser Klimaabkommen. Und trotzdem ist ebenso klar, dass kein Land der Erde bereit ist, in absehbarer Zeit die Paris-Ziele zu erreichen – die ihrerseits bereits ungenügend waren.

Ein Temperaturanstieg von zwei Grad und auch von 1,5 Grad waren nachweislich zu viel für die Stabilität der irdischen Eiswelt, von der Arktis über den Permafrost und die Gletscher weltweit bis zur Antarktis. Alles begann schon bei einem halben Grad Anstieg sichtbar dahinzuschmelzen.

Die mittlere globale Erwärmung liegt heute gegenüber der tatsächlichen vorindustriellen Zeit von 1750 mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits bei über zwei Grad. Um diese eklatante Inkonsistenz zu verbrämen, wird in offiziellen Berichten nurmehr von 1860, 1990 oder gar 2006 als Referenzjahren gesprochen.

Durch eine Kombination von gekonntem Aufschieben und einem – scheinbar wissenschaftlich gestützten – Die-Öffentlichkeit-in-Sicherheit-Wiegen haben fossile Industrien, aber auch manche Regierungen sich selbst, die Welt, Europa und insbesondere auch die Menschen in Deutschland jahrzehntelang in die Irre geführt.

Debatte mit großen blinden Flecken

Bisherige Maßnahmen und das Ziel der "Klimaneutralität", die sich auf viel zu lange Zeiträume von 20 bis 30 Jahren beziehen, sind angesichts der Klimadynamik völlig unzureichend.

Nicht nur der Überschuss bei den CO2-Emissionen steigt weiter an, auch die Methankonzentrationen liegen mit über 1.900 ppb (Milliardstel Teilen) bereits dreimal höher als für ein stabiles Klima über Zeitalter hinweg tolerierbar.

Dennoch sprechen sich viele immer noch für Erdgas als "Brückentechnologie" aus. Aber Brücke wohin? Der Erdgas-Hauptbestandteil Methan ist der größte potenzielle Risikofaktor überhaupt. Hier braut sich durch das Auftauen arktischer Böden, Seen und Meeresböden Bedrohliches zusammen.

Noch stärker unterschlagen in der öffentlichen Debatte wird der Sauerstoffentzug aus Atmosphäre und Ozeanen, deren langsame, sich aber unausweichlich beschleunigende Desoxygenierung. Hier ist die fossile Ressourcenverbrennung der größte anthropogene Faktor.

Diese setzt derzeit jährlich so viel CO2 frei, wie ​atmosphärischer Sauerstoff (O2) durch Verbrennung vernichtet wird: etwa 40 Milliarden Tonnen pro Jahr – wobei beide Größen aufgrund der anhaltenden Verbrennungspraktiken weiter ansteigen.

Das kehrt im Handumdrehen einen erdgeschichtlichen Prozess um, der vor 2,4 Milliarden Jahren zur heutigen sauerstoffreichen Atmosphäre geführt hat. Es gibt Indizien dafür, dass der Sauerstoffentzug sich im Zuge des CO2-Anstiegs beschleunigt und durch Rückkopplungen in auch menschengeschichtlich relativ kurzer Zeit – möglicherweise in nur wenigen tausend Jahren – der atmosphärische Sauerstoff zu kollabieren und alles O2-abhängige Leben zu ersticken droht.

Alle reden von Klimaneutralität wie von einem Wundermittel

Nur das Beenden der fossilen Kohlendioxidemissionen und ein Entzug der überschüssigen CO2-Konzentration aus der Atmosphäre durch biosphärische Regeneration und andere Maßnahmen sowie permanentes Sequestrieren von Kohlendioxid in großem Maßstab kann diesen Prozess verlangsamen.

Porträtaufnahme von Peter Droege.
Foto: LISD

Peter Droege

ist Präsident von Eurosolar, der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien, und Direktor des Liechten­stein Institute for Strategic Development. Der Architekt und Stadt­planer ist inter­nationaler Experte für integrierte Energie­wende-Strategien. Droege studierte an der TU München, lehrte und forschte am MIT und an Universitäten in Japan, Australien und China, zuletzt als Lehrstuhlinhaber für Nach­haltige Raum­entwicklung an der ​Universität Liechten­stein. Er berät UN-Organisationen und Regierungen.

Das sogenannte CO2-Budget – die angebliche Möglichkeit, noch weiter Abgasströme in die Luft jagen zu können, ohne ein bedeutendes Risiko einzugehen – ist reine Fantasie, eine bequeme Mär, um business as usual voranzutreiben.

Das weltweite, durch den Raubbau an biosphärischen Ressourcen geschwächte terrestrische Kohlenstoffmanagementsystem ist so sensitiv, dass die kleinsten Schwankungen bei Treibhausgaskonzentrationen und Temperaturen Unheil bringen.

Tatsächlich war das sogenannte Budget bereits zu dem Zeitpunkt erschöpft, als die CO2-Konzentrationen 280 ppm wesentlich überschritten hatten. Schon 1990 lagen diese bekanntlich bei über 350 ppm.

Keine der Parteien, kein Politiker hat sich bisher diesem Problem gestellt – und praktisch auch keiner der Klimaexperten selbst. Alle sprechen von Klimaneutralität als Wundermittel, obschon es die Wahrheit verbrämt, mit Sicherheit in die Irre führt und als fernes, bewegliches Ziel kostbare Zeit verschwendet.

Die kritischen Ziele bei Temperaturen und Treibhausgaskonzentrationen liegen zusammen mit den Emissionen alle unter, nicht über gegenwärtigen Werten.

Zehn Punkte für eine Regenerative Dekade

Wesentlich schlagkräftigere Klimaschutz-Methoden sind nötig, als sie heute in Deutschland, Europa und weltweit in Kabinetten und Parlamenten erdacht und debattiert werden. Sie kommen einer generellen Mobilmachung gleich. Dazu gehören folgende Punkte einer Regenerativen Dekade:

1. Das Einführen eines Klimaverteidigungshaushalts für den rapiden Ausstieg aus fossilen Energien und den Umstieg auf Erneuerbare. Dieser Haushalt wird einen bedeutenden Anteil des Bruttosozialprodukts ausmachen und ein Vielfaches der meisten nationalen Verteidigungshaushalte. Würden 80 bis 100 Prozent der noch vorgesehenen Pandemie-Stimulusgelder so ausgegeben werden, ließen sich zwei große Krisen mit einer Klappe schlagen.

2. Das Ingangsetzen einer Klimanotdiplomatie und das Beenden bewaffneter Konflikte im gemeinsamen Interesse am Überleben gegen den gemeinsamen Feind, die fossile Erderhitzung. Dies beinhaltet eine europa- und weltweite, effektive und offene Klimamigrations-Managementplanung. Denn mehrere Milliarden Mitmenschen werden sehr bald nach einer neuen Heimat suchen müssen.

3. Die gezielte Umstrukturierung fossiler Industrien durch technische Substitutionsprogramme, die Beseitigung fossiler Subventionen sowie Etablierung von Transformationshilfen. Der sofortige Abbau der massiv blockierenden Regelungen für erneuerbare Netze, Speicher und Verteilsysteme – gestützt durch eine neue, erneuerbare Energiemarktordnung.

4. Das Ersetzen von Arbeitsplätzen der fossilen Industrien durch Arbeitsplätze in regenerativen Branchen mittels entsprechender Strukturreformen. Alle Erfahrungen sprechen dafür, dass die regenerativen Industrien weitaus höhere Beiträge zur Beschäftigung leisten und Innovationen fördern.

5. Strategien für die weltweite Wirtschaft, die geeignet sind, die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre zu reduzieren. Diese "Umkehrung" von Emissionszielen folgt logisch aus der Erkenntnis, dass Klimaneutralität allein nicht genug ist und auch sogenannte Nullemissionsziele allein nicht mehr ausreichen.

6. Die Einstufung fossiler Verbrennungsressourcen als tödlich. Ihre Förderung und Verbreitung sollte nach kürzester Übergangsfrist als nicht weiter vertretbar erklärt und in einem ersten Schritt nicht länger subventioniert, sondern bereits an den Förderquellen stark besteuert werden.

7. Biosequestrierung: der rapide Aufbau und die Renaturierung gesunder, klimaaktiver landwirtschaftlicher Böden, Feuchtgebiete und Wälder.

8. Industrielle Sequestrierung: die Umgestaltung der Bauwirtschaft und aller produktiven Industrien und Manufakturen in kohlenstoffspeichernde Prozesse. Dies bedeutet unter anderem die Umwandlung atmosphärischen Kohlendioxids in nachhaltige Holz-, Carbonfaser- und andere feste Carbonprodukte, aber auch deren Bindung in Gestein.

9. Volle Ausschöpfung der noch nie so groß gewesenen Produktivitäts- und Innovationsschübe, um hochwertige Beschäftigungsmöglichkeiten für alle neuen Bürgerinnen und Bürger, für heutige und künftige Klimaflüchtlinge zu schaffen.

10. Neue Finanzierungsmechanismen, um langfristige Investitionen in Dekarbonisierung, landwirtschaftliche Reformen und Bewaldung mit höherer Rendite zu belohnen als kurzfristige Investitionen. Geldinstitutionen werden zu Zukunftsbanken, wenn ihre Währungen derart gestaltet sind, dass sie nur nachhaltige Produkte und Dienstleistungen fördern.

Eurosolar fordert, den europäischen Green Deal zu verschärfen – über das Klimaneutralitäts-Lippenbekenntnis hinaus zu hundert Prozent erneuerbaren Energien, einer kohlenstoffsequestrierenden Landwirtschaft, Aufforstung mit dürreresistenten Wäldern und Umwidmung der europäischen Kreislaufwirtschaftsrichtlinien in Regeln zum Kohlenstoffsequestrieren.

Ziel muss ein klimapositives, emissionsnegatives Europa sein.

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