Ohne Greta

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg nimmt nicht am Klimagipfel teil, der am Sonntag beginnt. In Ägypten gebe es kaum Möglichkeiten, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Nötig wäre das, denn die Staaten der Welt kommen weder beim Klimaschutz noch beim finanziellen Ausgleich voran.


Greta Thunberg hängt in Kletterseilen an einem Baum
Greta Thunberg seilt sich ab – 2019 im Hambacher Forst. (Foto: Susanne Schwarz)

Greta Thunberg bleibt zu Hause. Der Klimagipfel in Ägypten, der am Wochenende beginnt, findet ohne sie statt. Stattdessen macht die schwedische Klima-Aktivistin, die 2018 mit ihrem Schulstreik die weltweit aktive Fridays-for-Future-Bewegung gründete, Werbung für ihr "Klima-Buch".

Ein 500-Seiten-Wälzer, in dem alles steht, was man zum Thema wissen muss. Thunberg und ihre renommierten Co-Autor:innen aus Wissenschaft, Management und Umweltschutz legen darin eine Anleitung für eine bessere, CO2-neutrale Welt vor, die zwar einen Klimawandel, aber keine Klimakatastrophe erlebt.

"Hört auf die Wissenschaft, bevor es zu spät ist", sagt die heute 19-Jährige. Ein Appell wohl auch in Richtung Sharm el-Sheikh, wo ab Sonntag die UN-Konferenz tagt.

Greta Thunberg hat sie schon abgehakt. Sie erklärt: Die Klimagipfel, die sogenannten COPs, seien "nicht wirklich dazu gedacht, das ganze System zu ändern". Sie führten allenfalls zu Trippelschritten in die richtige Richtung.

"So wie sie sind, funktionieren die COPs nicht wirklich", urteilt die Aktivistin. Sie taugten allenfalls als Gelegenheit zur Mobilisierung der Öffentlichkeit. Doch die Möglichkeiten dazu seien gerade auf diesem Gipfel durch die Regierung in Kairo extrem eingeschränkt.

Verheerende Bilanz

Natürlich hat Thunberg recht. Die UN-Konferenzen werden das Klima nicht retten, zumindest nicht alleine. Und Sharm el-Sheikh droht, unter dem Eindruck der Putin-Energiekrise, ein besonders drastisches Beispiel dafür zu werden.

Die 30 Jahre Geschichte des internationalen Klimaschutzes seit dem UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 sind ja ohnehin kein Ruhmesblatt. In Rio beschloss die Weltgemeinschaft, das Klimasystem auf einem ungefährlichen Niveau zu stabilisieren. In Kyoto versprachen die Industrieländer 1997, die Emissionen zu reduzieren. In Paris legten die Länder 2015 fest, die Erwärmung solle möglichst bei 1,5 Grad gestoppt werden.

Inzwischen ist klar: Die 1,5 Grad werden bald schon zeitweise erreicht werden und wohl schon im Laufe des nächsten Jahrzehnts dauerhaft überschritten sein.

Die Bilanz ist, gemessen an den Zielen, verheerend. Daran gibt es nichts zu deuteln. Auf der Konferenz in Ägypten wird das eines der Hauptthemen sein – obwohl es ursprünglich nicht so geplant war. Der Grund: In diesem Jahr hat sich noch stärker als früher schon gezeigt, dass das Klima bereits heute, bei 1,1 bis 1,2 Grad Erwärmung, außer Rand und Band ist.

Die Klimakrise verursacht immer größere Schäden. Die gesamte Nordhemisphäre war von Hitzewellen und Dürren betroffen, von Europa über die USA bis China. Noch schlimmer aber traf es Entwicklungsländer im Süden. Am verheerendsten war es in Pakistan, mit Überflutungen auf rund einem Drittel der Landesfläche, rund 1.500 Menschen starben.

Das Thema "Loss and Damage" (Verluste und Schäden) drängt damit nach vorne auf die Agenda. Dabei geht es um finanzielle Unterstützung für Länder, die durch solche vom Klimawandel mitausgelösten Katastrophen getroffen werden. Bisher scheuen die reichen Industrieländer davor zurück, ihrer historischen Verantwortung als Treibhaus-Einheizer seit 150 Jahren gerecht zu werden und Geld dafür bereitzustellen.

Ein Lichtblick

Auf dem Gipfel dürfte trotzdem über das Thema verhandelt werden, auch der neue UN-Klimachef Simon Stiell will es auf die Tagesordnung hieven. Und sogar die USA, die bisher bei dem Thema bremsen, scheinen umzudenken. Ihr Klima-Emissär John Kerry räumte ein, die Schäden in Entwicklungsländern seien bereits groß, und erklärte, alle seien entschlossen, in der Frage der Hilfen "einen Fortschritt zu erzielen".

Das ist ein Lichtblick, wenn auch noch keine Garantie, dass schnell substanzielle Finanzmittel für "Loss and Damage" fließen. Die Industrieländer befürchten in Erwartung eskalierender Schadenszahlen, dass es ein Fass ohne Boden wird, wenn sie hier nachgeben.

Noch komplizierter wird es dadurch, dass die Industriestaaten fordern, auch reiche Schwellenländer wie China und Saudi-Arabien müssten sich finanziell beteiligen, da sie inzwischen ebenfalls gigantische CO2-Schulden in der Atmosphäre aufgehäuft haben. Die lehnen das ab.

Ähnlich schwierig läuft es bei den beiden anderen wichtigen Themen des globalen Klimaschutzes – den nationalen Plänen zur Senkung der CO2-Emissionen sowie den Klimahilfen für die Entwicklungsländer, die in saubere Energie und Anpassung fließen sollen.

Beim letzten Gipfel in Glasgow wurde beschlossen, dass alle Regierungen verbesserte CO2-Pläne einreichen sollen. Doch was ist geschehen? Nur 24 der fast 200 Staaten haben das getan, selbst Vorreiterin EU hat einen nachgeschärften Plan bis nach dem Ägypten-Gipfel verschoben.

Und wie sieht es bei den Hilfen aus? Ebenfalls Fehlanzeige. Jüngste Bilanzen zeigen: Die von den Industriestaaten bereits 2009 versprochenen und in Glasgow beschworenen 100 Milliarden Dollar jährlich werden wieder nicht erreicht.

Schon richtig, vor einem Jahr konnte niemand wissen, dass ein Ukraine- und Energiekrieg alles beherrschen würde. Trotzdem hat Greta Thunberg eben recht: Wenn wir so weitermachen, ist es wirklich bald zu spät.

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