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"Noch ist der Gipfel nicht in der Krise"

Statt nur über die Bewältigung von Klimaschäden zu reden, müsste es auf dem Gipfel in Sharm el-Sheikh viel stärker darum gehen, die CO2-Emissionen zu senken, sagt Reimund Schwarze. Zur Gipfel-Halbzeit sieht der Klimaökonom vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung den Ablauf der COP 27 gestört, aber noch nicht in einer Krise.


Erdgaspipelines führen zu einem LNG-Terminal, an dem ein Tankschiff liegt.
Weltweit entstehen neue fossile Infrastrukturen, während auf dem Klimagipfel in Ägypten fast nur über die Bewältigung der Folgen geredet wird. (Foto: Mariusz Burcz/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Schwarze, der Klimagipfel in Sharm el-Sheikh geht in die zweite, entscheidende Woche. Normalerweise läge jetzt schon ein Entwurf für die Abschlusserklärung, vor. Den konnte die ägyptische Präsidentschaft bisher nicht präsentieren – ein weiteres Zeichen für einen eher schlecht vorbereiteten Gipfel?

Reimund Schwarze: Wenn der Entwurf nicht bald auf den Tisch kommt, muss man von einem gestörten Verlauf des Gipfels reden. Von einer Krise zu reden, wäre noch zu früh.

Beim Gipfel hier in Ägypten treten allerdings Probleme zutage, die wir sonst von solchen Treffen nicht kennen – denken wir nur an die Menschenrechte, die Kontrolle des Geländes und die Entsendung von Überwachern in die Veranstaltungen, auch die der deutschen Regierung. Das sind alles Dinge, die höchst ungewöhnlich und störend sind.

Fühlen sich wissenschaftliche Teilnehmer am Gipfel wie Sie beobachtet oder in Ihrer Arbeit beeinträchtigt?

Im Verhandlungsstrang gibt es dadurch, soweit ich sehe, keine zusätzlichen Verzögerungen. Dass die Verhandlungen so langsam laufen, liegt an der schwachen Führung durch die ägyptische Präsidentschaft. Dass die fragwürdigen Umstände die Verhandlungsbeobachtung und das Verhandlungsergebnis selbst beeinflussen, dafür gibt es bislang keine Anzeichen.

Ein Hauptziel des Gipfels ist ja, ein "Arbeitsprogramm" aufzustellen, anhand dessen die Länder dann ihre Klimaziele verschärfen, am besten so, dass das 1,5-Grad-Ziel noch in Reichweite bleibt.

Bis zum Gipfel hatten 24 Länder neue nationale Klimaziele gemeldet. In der Zeit des Gipfels ist bis jetzt eine Reihe weiterer Staaten hinzugekommen, die meisten sind aber eher emissionsschwache Nicht-Industrieländer wie Trinidad und Tobago.

Die führenden Länder haben hier versagt, an erster Stelle betrifft das Europa. Die EU hat nicht nachgeliefert oder aufgrund innerer Probleme nicht nachliefern können.

Die Rolle der USA bei der Emissionsminderung sehe ich derzeit weniger kritisch als viele Medien. Wer zurzeit gar nichts zu neuen Klimazielen beiträgt, ist China. Außer wolkigen Worten kommt da nichts.

Nimmt man Europa noch hinzu, fehlt es derzeit an entscheidenden Stützen, um den Klimaschutz-Wagen entscheidend nach vorne zu bringen. Auf einem Rad fährt so ein Wagen nicht.

Die EU will auf dem Gipfel noch verkünden, dass sie ihr Ziel aus dem "Green Deal", bis 2030 eine CO2-Reduktion um 55 Prozent zu erreichen, auf 57 Prozent heraufsetzt – so heißt es derzeit.

Foto: UFZ

Reimund Schwarze

ist Professor für Inter­nationale Umwelt­ökonomie an der Frankfurter Viadrina und forscht am Helmholtz-Zentrum für Umwelt­forschung UFZ in Leipzig.

Ich sehe das nicht. Frans Timmermans, der für Klimaschutz zuständige EU-Kommissar, zeigt auf dem Gipfel ein schwaches Profil. Europa hält sich in den Verhandlungen zurück, etwa beim Vorschlag zum sogenannten Global Shield.

Der finanzielle Schutzschirm wird ausdrücklich nicht in Zusammenhang mit zentralen Fragen wie der nach "Loss and Damage" gebracht, also dem Ausgleich von Verlusten und Schäden durch den Klimawandel. Das alles spricht nicht für eine konsequente Verhandlungsstrategie.

Die EU hätte auch das Potenzial, bei der Erschließung technischer CO2-Senken eine führende Rolle einzunehmen. Bei der Rückgewinnung von CO2 aus der Luft ist das Helmholtz-Institut in Karlsruhe führend. Aber auch diese Chance wird nicht ergriffen, das überlässt man jetzt eher den großen arabischen Staaten und Ölförderkonzernen.

Sie erwähnten den von Deutschland maßgeblich initiierten Global Shield, den Schutzschirm gegen Klimaschäden, der als Lichtblick in Sharm el-Sheikh gilt. Wie bewerten Sie den?

Ich finde die Erklärung der deutschen Regierung vom Montag, dass der Global Shield nicht Teil von "Loss and Damage" ist, nicht besonders glücklich. Denn wir wissen, "Loss and Damage" umfasst auch die Verhütung von Schäden oder die schnelle Reaktion darauf, wie es beim Global Shield vorgesehen ist. Das sehen übrigens auch Experten des Weltklimarates so. Deutschland steht hier unter Beobachtung.

Auf dem Gipfel sind unzählige Initiativen zu finden, wie der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt, die Ernährung klimaverträglich gemacht werden oder eben auch natürliche und technische Senken gestärkt werden können. Das Wichtigste aber wird zur Nebensache: der Ausstieg aus der fossilen Energiewelt.

Die ganze erste Woche – und das setzt sich jetzt teilweise in der zweiten fort – wurde vor allem über Klimaschäden geredet, die nicht mehr zu vermeiden sind. Das kann nicht der eigentliche Inhalt von Klimaverhandlungen sein, bei denen es doch vor allem darum geht, künftige Klimaschäden zu verhindern. Es müsste auf dem Gipfel viel prominenter um die tatsächliche Senkung der Treibhausgasemissionen gehen.

Die Emissionen befänden sich auf einem klimaverträglichen Pfad, wiegeln die Regierungen ab. Doch zugleich werden überall in der Welt riesige Infrastrukturen für Erdgas aufgebaut, gerade in Afrika auch unter deutscher Kofinanzierung. Das sind die Themen, die eigentlich auf der Tagesordnung eines Gipfels stehen müssten, der sich "afrikanischer Gipfel" nennt.

Das fossile Thema wurde unglücklich von anderen überlagert.

Solange kein konsequenter Klimaschutz betrieben wird, haben Themen wie Klimaanpassung oder "Loss and Damage" keine große Perspektive, weil der Klimawandel dann viel schneller vor sich geht und die Schäden so schnell anwachsen, dass sie auch mit allem Geld der Welt nicht mehr repariert werden können ...

Bei den Maßnahmen zur Klimaanpassung rechnen die Finanzleute schon jetzt mit Szenarien, die von einer Erderwärmung um zwei Grad ausgehen. Und je weiter wir über die zwei Grad hinausschießen, wie es sich in den weltweiten Emissionsstrukturen leider immer mehr andeutet, umso schwieriger wird auch die Anpassungs-Aufgabe. Die Grenzen dessen, woran wir uns noch anpassen können, werden immer enger.

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