Blick vom Mast eines Segelschiffs auf das Deck, wo einige Menschen Pause machen. Am Heck weht eine Art Regenbogenfahne.
Die "Flotilla 4 Change" ist in Belém eingetroffen. (Bild: Kathrin Henneberger)

Die brasilianische Küste glitzert in der Nacht. Immer mehr Lichter zeigen uns, dass wir es mit unserem alten Frachtsegler tatsächlich geschafft haben, den Atlantik zu überqueren.

Doch noch sind wir nicht am Ziel. Vor uns liegt das Delta des Amazonas mit seinen Strömungen, Sandbänken und tropischen Sturmböen – und mit einer weiteren Gefahr: Fischernetze und kleine Boote, die auf keinem Radar auftauchen und im Dunkeln mit uns kollidieren können.

Solange wir unter Segeln fahren, haben wir Vorfahrt. Motorisierte Schiffe müssen uns ausweichen – doch in der Nacht, bei Wellengang und Regen, kann das leicht schiefgehen. Deshalb ist ab jetzt eine Person vorne am Bug und scannt mit dem Fernglas den Horizont, während eine zweite dicht neben der Steuerfrau steht und jede Warnung sofort weitergibt.

Mit dem Sonnenaufgang ergrünt die Küste vor unseren Augen. Tropischer Wald erscheint am Ufer, Küstenvögel lassen sich kurz auf unserem Mast nieder. Kleine, bunte Fischerboote ziehen nun sichtbar an uns vorbei. Ein großer Tanker ändert seinen Kurs, um uns nicht zu rammen.

Der Flussarm Rio Pará, in den wir hineinfahren, wird schmaler und ist doch immer noch vier- bis fünfmal so breit wie der Rhein bei Köln. Der Wind dreht, die Strömungen zerren am Schiff. Haupt- und Schonersegel müssen ständig neu ausgerichtet werden, und die Stimmung an Bord wird dabei im Stress leider wieder rauer – anders als bei Aktionsgruppen wie beispielsweise Ende Gelände fehlt es auf diesem Schiff noch an (feministischem) Grundverständnis, auch in Gefahrensituationen die Ruhe zu bewahren und nicht zu brüllen.

Den ganzen Tag lang arbeiten wir gegen Wind und Wasser, passen Segel und Kurs an. Erst als die Sonne im Regen hinter dem Wald rot glühend versinkt, tauchen die Hochhäuser von Belém am Horizont auf. Ein unwirklicher Moment: Die Stadt zieht an uns vorbei, während wir unserem Anleger entgegenkriechen.

Am Steg wartet die Crew der "Sababa" schon auf uns mit eisgekühltem Bier – das sie uns über die Reling reichen, weil wir das Schiff erst verlassen dürfen, wenn die Einreisebehörde unsere Pässe abgestempelt hat.

Mit einem lauten "BAM"

Tage zu spät erreichen wir endlich den Klimagipfel COP 30 – und meine Chats und Mail-Postfächer quellen über. Kolumbien ist mit einem Vorschlag für den Ausstieg aus den fossilen Energien vorangeprescht, Brasilien zieht nach.

Auf den Fluren der Konferenz wird über eine mögliche Roadmap zur Umsetzung der vor zwei Jahren beim Gipfel in Dubai beschlossenen Formulierung "transition away from fossil fuels" gesprochen. Fossile Lobbyisten – über 1.600 an der Zahl, noch mehr als im letzten Jahr – geraten in Unruhe.

Brasiliens Präsident Lula wiederum möchte seine Pläne zur Erschließung neuer Erdölvorkommen vor der Küste und neuer Gasvorkommen im Amazonasgebiet nicht infrage gestellt sehen. Doch genau das fordern indigene Verbände, traditionelle Gemeinden und die Klimabewegung Brasiliens. 

Für mich steht fest: Wir brauchen einen völkerrechtlichen Vertrag zum Ausstieg aus den fossilen Energien – den "Fossil Fuel Non-Proliferation Treaty". Er wird bereits von 18 Staaten unterstützt, ebenso von zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Abgeordneten weltweit.

Es dürfen keine neuen fossilen Quellen mehr erschlossen werden, und wir brauchen eine gerechte Transformation – Wissen, Ressourcen, Infrastruktur, Demokratie, Mitbestimmung – und den massiven Ausbau erneuerbarer Energien. 

Bild: privat

Kathrin Henneberger

ist Klimaaktivistin und ehemalige Bundes­tags­abgeordnete der Grünen und engagiert sich seit vielen Jahren in der Klima­gerechtigkeits­bewegung. Als Teil der "Flotilla 4 Change" schreibt sie für Klima­reporter° eine Gast­beitrags-Serie auf dem Weg zur Klima­konferenz COP 30 in Brasilien sowie vom Gipfel selbst. 

"BAM" ist der Ruf des Climate Action Network (CAN). In diesem globalen Netzwerk haben sich nichtstaatliche Umwelt-, Menschenrechts- und Klimaorganisationen zusammengeschlossen, die in Arbeitsgruppen gemeinsam einzelne Verhandlungsthemen begleiten.

"BAM" steht für "Belém Action Mechanism" und soll Länder befähigen, die notwendigen Schritte für eine gerechte Transformation einzuleiten sowie Erfolg und Qualität zu kontrollieren.

Multilateraler und bilateraler Wissens- und Technologietransfer sollen unterstützen, und für CAN ist besonders wichtig: Die Bedürfnisse der Menschen müssen im Mittelpunkt stehen – nicht die der großen fossilen Konzerne, die gerade dabei sind, unseren Planeten zu verbrennen. So soll die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften ein zentraler Bestandteil sein, und es soll Raum für zivilgesellschaftliche Arbeit geschaffen werden.

Auf dem Schiff konnte ich mich auf die Konferenz weniger vorbereiten als geplant. Acht-Stunden-Schichten an Deck, Wellengang, einspringen, wenn der Koch seekrank ist ... all das ließ wenig Raum für konzentriertes Arbeiten.

Jetzt muss ich das nachholen, im Schnellverfahren. Und doch ist mein Kopf noch auf dem Meer, bei unserer letzten Nacht vor der Küste Brasiliens und bei der Frage, wie sehr ich die anderen Aktivisti vermissen werde, die in Lissabon und Teneriffa an Bord gekommen sind.

Schöne Worte der Solidarität bringen nichts, wenn die Taten nicht folgen

"Home, let me come home – home is wherever I'm with you." Jessi spielt die Gitarre, Nele stimmt ein, die Sonne beginnt im Westen im Meer zu versinken, und unsere Haare flattern im Wind. Wir sitzen auf dem Deck. Die Hälfte von uns hat ihre Laptops aufgeklappt und arbeitet, während sich die Wellen hinter der Reling kräuseln.

Silvia liest in einem Buch: "The Dialectical Biologist", ein Werk, das nicht leicht zu finden ist und das sie aus Paris mit auf das Schiff gebracht hat. Eigentlich schreibt sie gerade ihre Doktorarbeit an einer deutschen und einer französischen Universität und hat sich auf die Forschung zu Klimakipppunkten spezialisiert.

Auf der Konferenz will die Italienerin – über ein Land des globalen Südens akkreditiert – an den Verhandlungen teilnehmen, um in kritischen Momenten Impulse zu setzen und zugleich internationale Öffentlichkeit herzustellen.

Sie arbeitet eng mit Vertreter:innen indigener Gruppen zusammen. Gleichzeitig ist es ihre erste Weltklimakonferenz. "I'm a pessimist because of intelligence, but an optimist because of will", zitiert sie Antonio Gramsci, um ihre Erwartungen an die kommende Woche zu beschreiben.

"Von den Verhandlungen werden wir keine allzu angenehmen Überraschungen erleben", sagt sie, "aber wir dürfen auf die positiven Überraschungen der kollektiven Intelligenz der Menschen hoffen, die zusammenfließen und gemeinsam handeln".

Jessi kommt aus England, hat die "Flotilla 4 Change" mit aufgebaut, organisiert ein Event nach dem anderen, bringt Menschen aus unterschiedlichen Bewegungen zusammen und hat ganz nebenbei dafür gesorgt, dass unser Schiff überhaupt eine Anlegestelle in Belém bekommt.

Als ich sie frage, warum sie so viel für uns organisiert, antwortet sie: "Ich möchte Aktivist:innen dabei unterstützen, zur COP zu reisen – mit dem kleinstmöglichen CO2-Fußabdruck." Ihr Ziel ist es, solidarisch zu sein mit den Menschen, die den Amazonas-Regenwald Tag für Tag schützen und dabei ihre persönliche Sicherheit riskieren.

Jessi weiter: "Und ich möchte das, was ich hier lerne, mit nach Hause nehmen – um herauszufinden, wie wir neue Strategien entwickeln können, um eine globale Klimagerechtigkeitsbewegung aufzubauen."

Traditionell gekleidete indigene Frauen halten bei einer Demonstration große Fotos hoch, die Zerstörungen in ihren Waldgebieten durch illegale Gold-Gewinnung zeigen.
Proteste indigener Organisationen und linker Gewerkschaften gegen neue Ölbohrungen und Landnahme durch das Agrobusiness erleben in Belém einen Höhepunkt. (Bild: Kathrin Henneberger)

Claire Lhermitte reist ebenfalls zur COP 30. Sie ist Teil einer Koalition von NGOs, die zu Problemen des Bergbaus und des Extraktivismus arbeiten. Sie möchte erreichen, dass es mehr Transparenz zu den Emissionen und der Umweltverschmutzung durch Rohstoffabbau gibt.

Laut einer Analyse des Umwelt-Thinktanks Ember könnten die Methan-Emissionen aus Kohlegruben weltweit bis zu doppelt so hoch sein wie von Regierungen gemeldet, weil viele Staaten nicht direkt messen. Das bedeutet: Es gibt keine verlässlichen Zahlen zu Bergbauemissionen. Auch über den enormen Wasserverbrauch dieses Industriezweigs existieren kaum Daten.

Damit könnten auch die IPCC-Berichte den tatsächlichen Einfluss, den Bergbau auf das globale Klima und auf lokale Ökosysteme hat, nicht in seiner Gesamtheit abbilden, sagt Claire. Ihre Mission: "Wir wollen eine gerechte Transformation, die die Menschenrechte im globalen Süden einschließt – besonders der indigenen und traditionellen Gemeinschaften, etwa der Bäuer:innen, die ihr Land durch Bergbau verloren haben."

Und dann ist da noch Nele – Nele, die mehr über das Segeln weiß als wir alle zusammen. Ein wehmütiges Gefühl überkommt mich: Die letzte Nacht auf dem Schiff bricht an, morgen werden wir in Belém sein.

Ich werde es vermissen, mit ihnen an Bord zu sein. Ich würde so gern mit dieser Gruppe wunderbarer Aktivistinnen weitersegeln – jede auf ihre Weise eine Anführerin für Klimagerechtigkeit in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Für immer gefangen zwischen Sternenhimmel und dem tiefen Blau der Ozeane. Aber zuerst müssen wir noch eben kurz die Welt retten.

Meine Weggefährtin Hilda Nakabuye aus Uganda fragte schon, wann wir endlich ankommen – Kampagnen gegen die Machenschaften der fossilen Lobby auf einem Klimagipfel organisieren sich schließlich nicht von selbst.

Also laufe ich los, sobald wir von Bord können. Streife mir das letzte T-Shirt über, das noch keine Rost- oder Ölflecken von der Segelreise hat, versuche meine Haare etwas zu entwirren.

Auf dem Konferenzgelände der COP 30 angekommen, erlebe ich erst mal eine kurze Reizüberflutung: Statt des freien Blicks über das Meer bis zum Horizont stehe ich auf einem gigantischen Messegelände mit Hallen und Gängen, die eher einem Raumschiff ähneln – und surrender Klimaanlage statt Seewind.

 

Meinen ersten Termin, mein erstes Panel habe ich gemeinsam mit Célia Xakriabá, der bekannten indigenen Kongressabgeordneten. Sie umarmt mich zur Begrüßung, und einmal mehr empfinde ich Bewunderung für diese Frau, die sich furchtlos mit dem Agribusiness und den Konservativen und Faschisten im Kongress anlegt, die gegen Raubbau kämpft und für die Rechte indigener Gemeinschaften.

Célia hat ein Podium nur mit Frauen organisiert, und es geht um die entscheidenden Fragen: Was können wir auf dieser COP noch erreichen? Und wie schaffen wir es, koloniale Ausbeutung ein für alle Mal zu beenden?

Sie reicht mir das Mikro. Ich schaue in den Saal, der überwiegend mit indigenen Vertreter:innen gefüllt ist. Ich habe schon länger nicht mehr vor großen Gruppen gesprochen, und weiß, dass ich meinen Redebeitrag mit besonderem Bedacht gestalten muss.

Ich bin hier nicht nur eine Klimaaktivistin aus der Kohleregion Nordrhein-Westfalens, ich bin eine weiße Europäerin. Vor diesem Hintergrund wird gesehen, wie ich spreche und was ich sage. Und die schönsten Worte bringen nichts, wenn die Taten nicht folgen. Ich hole tief Luft, richte das Mikro und beginne zu sprechen.