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"Es tiempo de actuar"

"Es ist Zeit zu handeln", lautet das Motto der diesjährigen Weltklimakonferenz, die am Montag in Madrid beginnt. Nach drei Jahrzehnten Verhandlungen, in denen der CO2-Ausstoß um die Hälfte gestiegen ist, klingt das wie bittere Ironie. Trotzdem wäre es falsch, die Hoffnung schon jetzt aufzugeben.


Fahnen der UN-Länder vor schönem blauen Himmel
Am Montag beginnt in Madrid die 25. UN-Klimakonferenz. (Foto: UNFCCC/​Flickr)

Eine dramatische Geste. Das Europaparlament hat, kurz vor Beginn des Weltklimagipfels in Madrid, den "Klimanotstand" ausgerufen. Es handelt sich zwar vorerst nur um eine in der Praxis folgenlose Deklaration – aber sie passt wie die Faust aufs Auge. Denn die Nachrichten von der Klimafront sind tatsächlich dramatischer denn je.

Die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre erreichte im vorigen Jahr einen neuen Rekord, wie die Welt-Meteorologie-Organisation gerade mitgeteilt hat. Das war zwar zu erwarten, schließlich hat die Menschheit das Produzieren von CO2 und Co bekanntermaßen nicht eingestellt.

Die wirkliche Dramatik steckt in einem anderen Faktum: Die Emissionszunahme lag 2018 sogar höher als im Schnitt der letzten zehn Jahre. Das heißt: Statt die Erde endlich weniger aufzuheizen, dreht die Weltgemeinschaft den Thermostat noch stärker nach oben.

"Es tiempo de actuar." So lautet das Motto der diesjährigen Weltklimakonferenz. Zu Deutsch: "Es ist Zeit zu handeln."

Die Ironie, die daraus spricht, ist kaum zu übertreffen. Denn es handelt sich bereits um die 25. dieser "Conference of the Parties" (COP) genannten Großveranstaltungen seit dem Erdgipfel von Rio de Janeiro.

Damals, vor über einem Vierteljahrhundert, verabschiedeten fast alle Staaten der Welt die Klimakonvention, die zum Ziel hat, eine "gefährliche" Störung des Klimasystems zu verhindern. Genau das ist nicht geschehen.

Im Gegenteil. Die Treibhausgas-Emissionen liegen um fast die Hälfte höher als damals, und das viel beschworene 1,5-Grad-Limit der globalen Erwärmung wird aller Voraussicht nach bereits im übernächsten Jahrzehnt überschritten werden.

Verhandlungen über Details eines Vertrages, den keiner ernst nimmt?

Schon jetzt ist klar: Auch der Madrid-Gipfel wird die Kehrtwende nicht bringen. Dazu ist er gar nicht angelegt. Die Verhandler sollen die letzten Details des "Regelbuchs" für das 2015 geschlossene Paris-Abkommen klären, damit dieser Vertrag vom nächsten Jahr an wirken kann.

Schon das ist offenbar schwierig genug, unter anderem, weil Brasilien sich bei der Ausgestaltung des internationalen Handels mit CO2-Zertifikaten querstellt.

Es droht also wieder das Gewürge um Details in den Konferenzhallen, wie man es seit vielen, allzu vielen Jahren kennt – während, sinnbildlich, das Dach bereits in Flammen steht.

Der wirkliche Knackpunkt ist doch: Sind die Länder der Welt bereit, den Paris-Vertrag ernst zu nehmen, in dem sie sich verpflichtet haben, ihre nationalen CO2-Ziele so anzuheben, dass sie dem 1,5-bis-zwei-Grad-Limit entsprechen?

Bisher sind die Ziele so schwach, dass sie auf einen Drei-bis-vier-Grad-Pfad führen – und damit in drastisch verschlechterte Lebensverhältnisse bereits für die junge Generation von heute.

Bisher mauern die meisten Regierungen. Auch flehende Appelle von UN-Generalsekretär Guterres an die Staats- und Regierungschefs, bei seinem Klima-Sondergipfel in New York im September in Vorlage zu gehen, nützten fast nichts. Es gab dort fast nur Sonntagsreden. Auch was Bundeskanzlerin Merkel vorzubringen hatte, enttäuschte.

So läuft es auf einen Showdown im nächsten Herbst hinaus – vor dem Klimagipfel Nummer 26, der dann in Glasgow stattfindet.

Hoffnungsträger EU

Die Hoffnungen liegen auf China und der EU. Auf China, dem Land mit den meisten Einwohnern und größten CO2-Emissionen, dessen Staatschef Xi Jinping sich als Klimakämpfer positioniert hat und dem man rasante Politikwechsel zutraut. Auf der EU, weil die neue Kommissionspräsidentin von der Leyen das Klima zum Megathema erklärt hat, einen "Green New Deal" plant und das europäische CO2-Ziel für 2030 deutlich anheben will.

Die USA, unter Präsident Obama noch ein wichtiger Player, werden ein Totalausfall bleiben, solange Trump regiert. Wenn es hier Hoffnung gibt, dann nur die, dass spätestens im nächsten Herbst ein neuer US-Präsident ans Ruder kommt, der das Klima-Rollback schnell wieder korrigiert.

Doch selbst wenn es so kommt, wenn also China, die EU und eine Post-Trump-USA dem Klimaschutz weltweit Drive geben und den Rest der Welt mitziehen: Die große Frage bleibt, ob das alles noch reicht.

Klimaforscher haben errechnet: Die Emissionen müssen ab 2020 jedes Jahr um fast acht Prozent sinken, um noch eine Chance auf Einhaltung des 1,5-Grad-Limits zu haben, das als globales "Sicherheitsnetz" gegen die Auslösung von Kippelementen des Klimas gilt.

Es braucht schon sehr viel Optimismus, um zu glauben, dass die CO2-Kurve so schnell vom Wachstum ins Schrumpfen gebracht werden kann. Die Erfahrung der letzten drei Jahrzehnte spricht dagegen.

Trotzdem wäre es falsch, die Hoffnung darauf schon jetzt aufzugeben. Mag sein, dass die junge Fridays-for-Future-Generation weltweit so viel Druck macht, dass die "große Transformation" doch noch möglich wird – ein schneller Umschlag vom fossilen ins solare Zeitalter.

Europa könnte hier das Modell abgeben, wenn alles gut geht. Hier wäre die neue "Green New Deal"-Agenda der Kommission, in die in den nächsten zehn Jahren eine Billion Euro aus öffentlichen und privaten Mitteln fließen soll, ohne die Klimastreiks undenkbar gewesen. Wenn das nicht Mut macht, was dann?

Alle Beiträge zur Klimakonferenz in Madrid finden Sie in unserem COP-25-Dossier.

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